Lang, lang ist's her, da formierte sich innerhalb der damals noch recht frischen Rockszene eine Bewegung, die Wanderklampfen statt E-Gitarren zu ihrem Markenzeichen erkor und sich leiseren Tönen widmete. Das Folkrevival war in vollem Gange und machte akustische Klänge auch bei hippen Youngsters salonfähig. Neben Bands, die traditionelles Material beackerten, wie etwa Steeleye Span, gab es eben auch solche, die ganz und gar ihr eigenes Ding durchzogen, wie beispielsweise die legendäre Incredible String Band. Folkloristische Motive waren dabei mehr das Vehikel für eine zeitgemäß psychedelische Lyrik. Diesem neuen Stil klebte man kurzerhand das Label 'Acid Folk' auf und warf fröhlich alles in einen Topf, was einerseits unverstärkt daherkam und eben auch entsprechend versponnene Inhalte aufwies. Die Rechnung ging auf - diese spezielle Form des Folk war sogar ziemlich einflussreich. Selbst Bands wie die Grateful Dead oder Led Zeppelin komponierten Stücke in diesem Klanggewand und die späteren T.Rex begannen ihre fabulöse Glamrock-Karriere als Tyrannosaurus Rex mit einer Westerngitarre und ein paar Bongos, zu deren spartanischen Klängen Marc Bolan dann mystische Wortkapriolen ins Mikro hauchte.
Mit dem Ende der Hippie-Ära hielt man diese Musikrichtung für erledigt, doch nach dem weichgespülten Schmusepop der 80er und der zunehmenden Elektrisierung des Musikbusiness mit Rap, Techno und House war es nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder eine akustisch orientierte Nische auftun würde. Heutzutage nennt sich das Ganze nicht mehr Acid, sondern eher Neo Folk und ist, ähnlich wie der Alternative Country, eine eigene Spielwiese geworden und zeigt, dass handgemachte Musik einfach nicht totzukriegen ist.
Ein sehr schöner Beleg für diesen noch immer anhaltenden Trend ist auch das Debutalbum der Apples In Space. Im Kern besteht die Combo aus dem Berliner Gitarristen und Sänger Philipp Hausmann und der norwegischen Chanteuse und Multiinstrumentalistin Julie Mehlum. Die beiden legten als Duo einige erfolgreiche Clubgigs in der Hauptstadt hin und erregten bald die Aufmerksamkeit der ebenfalls eher akustisch ausgerichteten Kollegen von Element Of Crime. Schon bald spielten Apples In Space in deren Vorprogramm und für das vorliegende Album ließ das Mastermind der berühmten Kultband, Sven Regener, es sich nicht nehmen, auch mal höchstpersönlich zur Trompete zu greifen.
Die Stücke der 'spacigen Äpfel' sind fragile Kleinodien der Songwriterkunst und hätten auch schon den klassischen Bands des Genres gut zu Gesicht gestanden: philosophisch, mystisch, mit einem Hauch Ironie dazwischen. Die Geschichten, die Hausmann und Mehlum in ihren Liedern erzählen, sind anrührend und herzerwärmend. Da ist beispielsweise "The Never-Read Letter", ein Brief, der nie gelesen wurde, mit der Zeit vergilbt und schließlich verbrennt und als Rauch gen Himmel schwebt. Gibt es eine bessere Allegorie auf unser irdisches Dasein? Überhaupt: Die Vergänglichkeit an sich ist ein stetig wiederkehrendes Motiv in den Liedern auf dieser Scheibe. In "Ophelia's Song" beobachtet der ja ohnehin schon von Shakespeare als ziemlich schwermütig charakterisierte Hamlet, wie seine geliebte Ophelia nach ihrem Suizid im Wasser treibt und sinniert darüber nach, ob es nicht schön wäre, mit ihr gemeinsam den Bach runterzugehen bzw. hinabzutreiben.
Die verhaltenen Akkorde und Harmonien unterstreichen das morbide und doch irgendwie romantische Schauspiel.
Die musikalische Umsetzung der sehr gelungenen Texte voller literarischer Anspielungen, Symbole und reizvoller Motive setzt auf zurückhaltende, sparsame Instrumentierung. Gerade so entfalten die Stories ihren ganz eigenen Reiz. Die Arrangements sind schlicht, aber alles andere als anspruchslos. Die Natürlichkeit der Vocals tut ihr Übriges: Ungekünstelt, ohne jedes Pathos transportieren sie mit verschmitzter Nachdenklichkeit die Inhalte, denen man immer wieder gerne lauscht.
Auch, wenn die Apples laut dem Bandnamen in 'Space' herumschweben, sind ihre kleinen Erzählungen über Leben und Tod bei aller Versponnenheit doch sehr irdischer Natur. Da bleibt nur zu hoffen, dass der Epitaph dieses Albums, "Farewell Little World" ,nur ein Songtitel, bleibt und dieser Formation ein langes Leben beschieden ist und wir noch viele ihrer wunderschönen Songs zu hören bekommen werden.
Line-up:
Phil Haussmann (vocals, guitar)
Julie Mehlum (vocals, piano, glockenspiel, melotron, tambourine, accordion)
Sven Regener (trumpet)
Julian Lembke (piano, harmonium)
Tobias Unterberg (cello)
Patrick Reising (keyboards)
| Tracklist |
01:The Old Man & The Country
02:The Never-Read Letter
03:I Was The Moon
04:My House Is Empty Now
05:My Love Is A Bullet
06:Vespa
07:Ophelia's Song
08:Paper Town
09:Johanna's Waltz
10:Farewell, Little World
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