Hmmm, Blackberry? Kommt euch die Brombeere bekannt vor, liebe Leser? Aber nicht doch, diese Band aus Kalifornien darf man nicht mit Blackberry Smoke ( BS) verwechseln! Die einzige Gemeinsamkeit mit ihren Namensvettern erschöpft sich in der groben Geschmacksrichtung: Rock 'n' Roll!
Aber ganz im Gegensatz zum simpel gestrickten, krachigen Heavy-Boogie-Stil von BS (die das Outlaws-Heiligtum "Freeborn Man" auf ihrer CD geschändet haben und dafür in Form einer Tour mit H. Thomasson & Co. sühnen müssen) servieren uns Blackberry leckere Rockmusik, die Ähnlichkeiten mit dem Sound der Rolling Stones zu deren goldenen Zeit um 1970 herum aufweist - nur ohne die Country- und Psychedelic-Zutaten. Das ist auch kein Wunder, denn alle Bandmitglieder außer Sänger Brian Jones musizieren gleichzeitig in einer Coverband mit dem originellen Namen Sticky Fingers.
Dass es sich nicht um Klone der Stones handelt, liegt zum einen am göttlichen Sänger Brian Jones (nein, noch nicht auferstanden), der mit seiner vergleichsweise hohen, brüchigen, aber äußerst kraftvollen Stimme nicht Mick Jagger ähnelt, sondern über weite Strecken wie der junge Robert Plant leidet, rockt und bluest. Also ein Eintopf aus Rollenden Steinen und Bleiernen Zeppelinen?
Mitnichten, denn das perfekt eingespielte Duo Tom Krebs/David A. Williams kommt gut ohne die Heavyness und Frickeleien eines Jimmy Page zurecht. Sie zelebrieren den Rock 'n' Roll mit größtenteils altbekannten, jedoch nicht altbackenen Riffs, Soli und Slide-Einlagen, gepaart mit einer solchen Spielfreude und Frische, dass der Funke sofort auf den Hörer überspringt. Positiv sticht auch die gute Rhythmussektion hervor, die sich auf das Wesentliche konzentriert.
Das überdurchschnittlich gute Songwriting und die abwechslungsreichen, sauberen Arrangements sind aber letztendlich dafür verantwortlich, dass diese Scheibe sich von der üblichen Retro-Rock-Dutzendware abhebt. Den einzelnen Stücken wird reichlich Luft zum Atmen gegeben, und auch wenn es heftig abrockt, herrscht über dem Ganzen eine völlig entspannte Atmosphäre. Wenn dann, wie in diesem Fall, noch eine ansprechende Produktion hinzukommt, ist zumindest der künstlerische Erfolg gesichert. Zum kommerziellen Erfolg weiter unten mehr.
Die CD startet mit "Save Me", hier sind Ähnlichkeiten mit den Georgia Satellites nicht ganz von der Hand zu weisen. Oder rifft hier eher Keith Richards? Besondere Aufmerksamkeit verdient das Zusammenspiel zwischen Gesang und Slide am Ende des Songs. Das melodische, im Midtempo-Bereich liegende "Maybe I'm Wrong" wird von einem absolut genialen Riff getragen. Ich darf verkünden, dass die seit Jahrzehnten andauernde, mühevolle Suche nach dem ultimativen Riff hiermit amtlich beendet werden kann. Außerdem erwähnenswert sind hier die Twin-Äxte und das zweistimmige Gitarrensolo, womit auch das 'Southern-Erbe' der Band hervortritt.
"Bright Lights & Dust" und "Highway Doctor" (Heilung garantiert) sind die ersten eher ruhigen, aber trotzdem rockenden Stücke. Zu letzterem passen sogar die "la, la, la"-Gesangseinlagen, die anderswo oft lächerlich wirken. Blackberry legen auf dem imaginären Highway zwei Gänge zu, um mit einem Schuss Bad Company "Lonely On The Road" ("You've been thinking, I've been drinking", so stimmt's) zu sein, einfach herrlich dieser Song! Was Jones aus seiner Stimme herausholt, ist rekord-verdächtig. Während der Ballade "All The Way Through" darf man einem Gitarrensolo lauschen, dem man das Prädikat weltklasse ohne Untertreibung verleihen kann, weil es die Stimmung des Songs auf den Punkt genau trifft. Ohne Pause folgt mit "I'm A Snake" der nächste bedächtige Song, diesmal ausschließlich mit akustischer Begleitung.
Die herrliche Nummer "Mansion" klingt, als wäre sie ursprünglich für die B-Seite des dritten Zeppelin-Albums vorgesehen gewesen - "Gallows Pole" meets "That's The Way" - und sei nach 34 Jahren aus den Geheimarchiven von 'Atlantic Records' aufgetaucht. Brian Jones macht spätestens hier keinen Hehl mehr daraus, wer sein Idol ist. Den Mann kann man nicht genug loben: Er ist himmlisch, fantastic, molto bene, mirus, formidable, einfach nur saugut! Das Grunzen überlässt er glücklicherweise diesen fürchterlichen 'Death-/Black-/sontwas-Metallern', denn so etwas finde ich persönlich saublöd.
Vor solch einer "Recession" muss man sich nicht fürchten, denn das fünf Minuten lange Stück macht einfach gute Laune mit den losgelassenen, duellierenden Gitarren (die Slide siegt nach dem Urteil der neutralen Punktrichter) am Ende. Der abschließende Rausschmeisser "Beat Yer Ass" rockt wieder in Stones-Manier und als Schmankerl gibt es ein paar Percussion-Rhythmen von Gast Sheila E. dazu. Das ist 'good time music' par excellence!
Einziges Manko der CD: Sie endet leider schon nach 42 Minuten! Viel stärker betrübt mich, dass die Band anscheinend eher tot als lebendig ist: Die letzte Konzertankündigung auf der Homepage datiert vom Frühsommer 2005 und weitere (aktuelle) Infos zu Blackberry waren nicht zu bekommen. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich noch einmal zu ein paar Gigs aufraffen werden. Nun ja, es scheint leider lukrativer, die x-te Stones-Coverband zu sein, als live die Original-Songs zu spielen; traurig, aber wahr. Aber vergesst nicht, liebe Leser, dass es auch an uns liegt, der Nachwelt so ein Stück zeitloser Musik zu erhalten!
Also, wer Hunger auf spritzigen Rock 'n' Roll hat, kann sich auf eine heavy/prog/jam/alternative/jazz/space/sonstwas-freie Mahlzeit mit Blackberry freuen. Wenn man diese Brombeere einmal probiert hat, wird man garantiert süchtig. Keine Entziehungskur dieser Welt kann dann noch weiterhelfen!
Bitte zugreifen und die Brombeere vertilgen! Wie lautete das Motto der
RockTimes noch mal: Nehmt euch Zeit für gutes Essen!?
Spielzeit: 42:36, Medium: CD, Eigenvertrieb, 2004
1:Save Me 2:Maybe I'm Wrong 3:Brights Lights & Dust 4:Highway Doctor 5:Lonely On The Road 6:All The Way Through 7:I'm A Snake 8:Mansion 9:Recession 10:Beat Yer Ass
Janos Wolfart, 12.02.2006
|