»Ick sitze da und esse Klops, uff eenmal kloppt's. Ick sitze, staune, wundre mir, uff eenmal isse uff, die Tür! Nanu, denk ick, ick denk': Nanu, jetzt isse uff, erst war se zu! Und ick jeh' raus und kieke, und wer steht draußen?... Icke!«
Mit der Berliner Klopsgeschichte eines unbekannten Autors beginnt das zweite Eigenwerk des Knorkator-Gitarristen Buzz Dee, alias Sebastian Baur. Mit "Icke" rückt er sich nun selbst ins rechte Licht und hat seine persönlichen Gedanken über die Themen seines täglichen 'normalen' Lebens in Berlin vertont. Liebeslieder bleiben allerdings davon unberührt. Seine Empfindungen kreisen ausschließlich um den Alltag in Berlin und die Wirren der Großstadt. Zur Verstärkung hat er sich Ex- In Extremo-Trommler Morgenstern und den Gitarristen Jagschn von Bell, Book & Candle ins Boot geholt. Den Bass zupft sein alter Kumpel Knäcke, der ihn, ebenso wie Jagschn, beim Gesang unterstützt.
Die elf 'regulären' Titel der CD "Icke", sowie der Rausschmeißer "Tschang Song", bewegen sich in verschiedenen Bereichen der Musik, von sanften Tönen zum Träumen bis zu den geliebten harten Riffs, für die Buzz Dee bekannt und beliebt ist. Dass er ein begnadeter Gitarrist ist und seine Soli in den Songs wieder vom Feinsten sind, muss ich nicht bei jedem Stück erwähnen. Jeder, der ihn schon mal auf der Bühne gesehen hat und seine Arbeit bei Knorkator kennt, weiß, wovon ich rede. So haut er auch ohne Zögern beim Titelsong "Icke" in die Saiten und erklärt den Leuten, die ihn mal zu Hause besuchen möchten, dass sie möglichst eine Flasche Bier mitbringen sollen, denn an seiner Eingangstür hängt gleich der Flaschenöffner. Seine Texte sind bissig und verschönen nichts. Themen gibt es ja mehr als genug wenn man in einer riesigen Stadt wohnt, viele Leute kennt und sich nebenbei noch mit den kleinen Widrigkeiten des Alltags auseinanderzusetzen hat, dann sprudeln die Ideen nur so aus dem Kopf. Deshalb frage ich mich, weshalb der, für mich absolut unnötige, "Tschang Song" auf der sonst sehr guten Scheibe gelandet ist. Song kann man das Teil nämlich nicht nennen, sondern es sind Geräusche und Sprachfetzen, vermutlich aus dem Studio, während der Aufnahmen. Glücklicherweise ist das bereits nach einer Minute vorbei und deshalb fällt es für mich lediglich in die Kategorie 'Lückenfüller'.
Anders bei dem Rest der Tracks. Da zeigt die Band um Buzz Dee, welches enorme Potenzial in ihr steckt. Leider steht sein Name immer im Schatten von Knorkator und die meisten Hörer werden sicherlich oft Vergleiche anstreben. Aber bis auf sein Markenzeichen, die tiefschwarz getönte Sonnenbrille, gibt es keine Gemeinsamkeiten. Texte und Musik gehen in eine völlig andere Richtung, allerdings um dabei ebenfalls tiefsinnige Hintergründe zu offenbaren. Natürlich braucht man dazu ein gutes Ohr, um alles verstehen zu können. Bestes Beispiel dafür ist Track Nummer zwei, "Tawarisch Putin Kamerad". Auch ich bin erst einmal auf den russischen Gesang hereingefallen, bis ich gemerkt habe, dass es sich nur um eine Aneinanderreihung russischer Ausdrücke handelt. Zwischendurch folgt mal eine Zeile in Deutsch, die aber im Sprachgewirr völlig untergeht.
Ebenso wie seine oftmals tiefsinnigen Texte, lässt er auch den Schelm heraus. So geht es in "Kann nich sein" unter Anderem um seinen Kakadu, der normalerweise goldenen Kot absondert, dies ihm aber in der letzten Zeit versagt, weil er schlicht und einfach davon geflattert ist und Buzz Dee somit am Hungertuch nagen muss. Natürlich ist das Ganze in ein kräftiges Stück Rockmusik verpackt. Etwas ruhiger und mit leichtem Country-Tuch kommt "Universal Telefon" rüber. Darin verarbeitet er die Vor- und Nachteile des Computer- und Handy-Zeitalters. Massenkompatibel und bestens als Huldigung mit versteckten Anspielungen an meine Heimatstadt geeignet ist "Alarm in Berlin". Darin trifft Buzz Dee den Nagel voll auf den Kopf. Wiederum sehr rockig, wie es sich für eine hektische Großstadt gehört.
"Rhababermost" taucht trotz mehrmaligem Blättern im Booklet als lesbarer Text nicht auf. Hier rechnet Buzz Dee eiskalt mit den Ossis der südlichen neuen Bundesländer ab. Deren Kauderwelsch wird gnadenlos auf die Schippe genommen. Die 'armen' Sachsen und Thüringer, die beim Sprechen nie die Zähne auseinander bekommen, müssen im Sinne von Stefan Raabs "Maschendrahtzaun" mächtig leiden. Text und Musik sind absolut knallhart. Ihm folgt ein weiterer, musikalisch sehr interessanter und ungewöhnlicher Titel. Etwas funky angehaucht und gerade deshalb hörenswert ist "Immer weiter". Eine Geschichte aus dem Alltag eines Jeden, denn wer hat nicht Haushaltsgeräte 'Made in China' in der Bude, oder hört im Radio ständig die gleiche 'Bla Bla Musik', die ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder herauswandert, ohne überhaupt wahrgenommen zu werden.
Auch Suchtgeschädigte bekommen ihre Zuwendung auf "Icke". In "Knochensplitter Junkie" bekommt ein einsamer Großstadtindianer nur noch Aufmerksamkeit, wenn er sich unter allen Umständen die Knochen bricht, um dann die Schmerzen des Rampenlichtes mit verschriebenen Drogen abzutöten. Leider ist, besonders in großen Städten, immer häufiger zu bemerken, dass die Einsamkeit ständig größer wird und man sich aus der unscheinbaren Menge nur noch herausheben kann, wenn man, so wie im Song beschrieben, durch Ungewöhnliches auffällt. Die Sucht nach Aufmerksamkeit nimmt somit leider ständig zu. Buzz Dee trifft auch hier erneut voll ins Schwarze. Etwas gewöhnungsbedürftig und für mich schwer verständlich, ist "Tee". Trotz mehrmaligen Hörens und studieren des Textes, bin ich noch nicht auf den Hintergrund des leider schwächsten Stückes der CD gekommen. Vielleicht erklärt es mir Buzz Dee das nächste Mal, wenn ich ihn wieder treffe.
Einen ungewöhnlichen Ausklang bilden die beiden letzten Lieder auf "Icke". "High And Low", sowie "Draggin The Line" sind in englischer Sprache gesungen. "High And Low" ist erneut eine Aneinanderreihung einzelner Fragmente, Song- und Filmtitel. Nach mehrmaligem Lesen könnte man sogar so etwas wie einen zusammenhängenden Text erkennen. Ich denke, das hätte sich die Band auch sparen können. "Draggin The Line" ist dagegen als regulärer Abschlusssong deutlich besser. Da kracht es noch einmal im Gebälk, wobei die Hauptstimme etwas schwach rüber kommt, allerdings von der zweiten Stimme zum Glück deutlich unterstützt wird. Noch einmal dürfen die Fans das hervorragende Gitarrenspiel des Hauptprotagonisten erleben und abschließend erkennen, dass es im Ganzen eine sehr gute CD ist. Leider fehlt zu diesem Stück auch wieder der Text im Booklet.
"Icke" ist sehr ausgewogen, zeigt mit erhobenem Finger einige Missstände auf, regt bestimmt viele Leute zum Nachdenken an, ist musikalisch voll auf der Höhe und macht einfach nur Spaß. Wer sich persönlich davon überzeugen möchte, sollte die Band bei ihren Konzerten im Winterhalbjahr besuchen. Es lohnt sich garantiert. Wie ich finde, kann Buzz Dee getrost auf englische Einlagen verzichten. Die Ideen, die in seinem Hirn schwirren, reichen auch auf Deutsch für viele weitere Veröffentlichungen.
Line-up:
Buzz Dee (vocals, guitar)
Jagschn (vocals, guitar)
Knäcke (vocals, bass)
Morgenstern (drums)
Tracklist |
01:Icke
02:Tawarisch Putin Kamerad
03:Kann nich sein
04:Universal Telefon
05:Alarm in Berlin
06:Rhababermost
07:Immer weiter
08:Knochensplitter Junkie
09:Tee
10:High And Low
11:Draggin The Line
12:Tschang Song
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