Martin Barre / Stage Left
Stage Left
Der im November 1946 in Birmingham geborene Gitarrist Martin Barre ist gewiss kein Unbekannter, greift er doch seit mittlerweile 35 Jahren bei der britischen Rockband Jethro Tull in die Saiten - und allein diese Tatsache macht eigentlich schon von vornherein klar, dass es sich hier um jemanden handelt, der mit zu den Besten seines Faches gehört und sein Instrument in allen Belangen beherrscht.
Das mir vorliegende neue Album "Stage Left" ist nach den früheren Veröffentlichungen "Trick Of Memory" (von 1994) sowie "The Meeting" (von 1996) Barreīs dritter - und dabei ein wirklich sehr gekonnter Versuch - aus dem Schatten der bei Jethro Tull alles überlagernden und schillernden Persönlichkeit eines Ian Anderson herauszutreten, um seine eigenen musikalischen Ideen umzusetzen.
Dabei bedient sich Martin Barre nicht nur seines Erfahrungsreichtums, sondern auch der Vielfalt seiner gesammelten Instrumente: Jedes einzelne der auf dem Album enthaltenen vierzehn Stücke wurde jeweils mit einer anderen Gitarre bzw. einem anderen Saiteninstrument von ihm eingespielt. Damit jedoch noch nicht genug, so ganz nebenbei spielt er bei einigen der Stücke gekonnt Querflöte!
In dem der CD beiliegenden vierseitigen Booklet der CD gibt es dann auch von jedem der verwendeten Saiteninstrumente ein kleines Photo sowie - nebst der Zuordnung zu den einzelnen Stücken - dessen genaue Modellbezeichnung. Dabei sind neben einer Mandoline, diversen hochkarätigen akustischen Gitarren oder gar einer achtsaitigen Bouzouki (natürlich) auch die verschiedensten E-Gitarren namhafter Firmen vertreten.
Und genauso "bunt" wie die Instrumentierung ist auch die Zusammenstellung der Stücke:
Geht es mit dem Opener "Count The Chickens" mit Hilfe des fetten angezerrten Sounds einer Gibson Les Paul Junior und leichten Boogie-Einschlägen noch etwas kräftiger zur Sache, so wird man bei der zweiten Nummer "As Told By" durch die Klänge einer Taylor Acoustics und einem sehr gefühlvoll "gepicktem" Klangteppich in Dur-Tonart in die Welt der klassischen Gitarre versetzt.
Dann kommt in dem Stück "A French Correction" eine semiakustische Gibson L5 Gitarre zum Einsatz und - wie könnte es bei diesem Gerät auch anders sein - unvermittelt befinden wir uns in der Welt des Jazz wieder.
Mit "Murphys Paw" folgt ein Stück, das wohl eher in der Ecke des Fusion-Rockīs angesiedelt ist - es erinnert mich ein wenig ein wenig an Steve Morseīs experimentelle Phase aus den Achtzigern.
Und weiter geht's mit der Eingangs bereits erwähnten Bouzouki: Mittelalterlich angehauchte, nachdenklich stimmende Klänge vermitteln bei "Favourite Things" Ruhe und Zufriedenheit.
Dann wieder "weint" eine Gibson ES 335 ihre Soli zu schon fast schlagerhaften Akkordfolgen los, gefolgt von einem mit einer Mandoline gespielten...
Schnitt!
Wer mitgezählt hat, weiß, dass wir gerade mal bei dem sechsten Track angekommen sind, ein Ende der Review ist bei den vierzehn Stücken unterschiedlichster Machart kaum abzusehen.
Um es also auf den Punkt zu bringen:
Auf dieser CD ist - mal abgesehen vom Heavy-Rock - wirklich alles vertreten, was man mit klanglicher Hilfe der verschiedensten Gitarren und dem Können eines Martin Barre überhaupt bringen kann. Das Album "Inheritance" ist an Abwechslungsreichtum also nicht mehr zu überbieten.
Geradezu mühelos schlüpft Barre dabei in die unterschiedlichsten "musikalischen Rollen" und liefert eine auf der gesamten Bandbreite absolut überzeugende Vorstellung ab.
Unterstützt wird er dabei von Jonathan Noyce (Bass), Darrin Mooney (Drums) und Andrew Giddins (Vocals), der freilich nur bei einem einzigen Stück ("Donīt Say A Word") zu hören ist. Der Rest des Albums ist rein instrumental.
Mein Fazit:
Das ist keine Musik, die man "mal eben" als Fetenuntermalung im Hintergrund laufen lässt, dafür ist sie viel zu schade! Sie ist vollgepackt mit vielen kleinen und perfekt ausgearbeiteten Nuancen, die man hören muss - mit geschriebenen Worten kann man sie nicht umreißen.
Mein Tip: Beim nächsten Gang in den Plattenladen (möglichst viele der Stücke) anspielen lassen - es lohnt sich!
Spielzeit: 52:00, Medium: CD, Favored Nations, 2005
1:Count The Chickens 2:As Told By 3:A French Correction 4:Murphys Paw 5:Favourite Things 6:After You, After Me 7:D.I.Y 8:Spanish Tears 9:Stage Fright 10:Winter Snowscape 11:Nelly Returns 12:Celestial Servings 13:I Raise My Glass To You 14:Donīt Say A Word
Peter Rodenbüsch, 21.01.2005