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Es war einmal, in den goldenen Zeiten des Progs, damals in den Sechzigern und Siebzigern, als Bands oft so viel Studiozeit und künstlerische Freiheit bekamen, wie sie nur wollten.
Aber dann, eines Tages, da muss es passiert sein, dass Musikdämonen der Hölle entkamen und der Musikindustrie das Konzept kommerziell verwertbahrer Musik nahebrachten. Studiozeit und künstlerische Freiheit kosten Geld, insbesonders, wenn das Endresultat floppt. So kam es, dass, was einst eine Plattform für Experimente und künstlerischer Ausdruck war, zu des Musikers ärgstem Feind mutierte. Dies gilt besonders für Studenten - der Teufel steckt halt im Detail. Wenn heutzutage eine Band Musik aus anderen Gründen, denn den kommerziellen machen will, dann muss sie ihre Kreativität auf auch auf die Finanzierung der Produktion ausweiten, was nochmal so schwer ist, wenn es sich um Studenten handelt.
Die französischen Studenten, die sich zu Camembert zusammenschlossen, dachten sich, dass ein möglicher Weg, die Kosten zu decken, die Veröffentlichung einer 32-minütigen EP mit so verführerisch schöner Instrumentalmusik sein könnte, dass Leute sie so massenweise kaufen würden, dass es für die Produktion eines ausgewachsenen Albums reichen täte. Und über eben jene EP soll hier die Rede sein.
Zu ihren Einflüssen zählen diese Studenten-Bands wie Gentle Giant, King Crimson, Brecker Brothers und Frank Zappa, was leicht erhörbar, aber nicht das dominierende Charakteristikum ist. Nur, um das mal vorweg abgehandelt zu haben: Besagte Musikeinflüsse und eine ähnliche Wahl der Blasinstrumente sorgen zeitweise für einen Sound vergleichweise dem von Frogg Cafe.
Jedoch, und das ist ein ganz riesig fettgedrucktes JEDOCH, der weitaus größere Anteil der Musik wird von zwei anderen Aspekten geprägt. Zum einen spielt die Wahl der Musikinstrumente eine wesentliche Rolle. Wo anders wäre eine rockige Harfe, die groovige Riffs spielt, neben den üblichen Rock-Instrumenten und einem Didgeridoo, Vibraphon und Xylophon zu hören?. Zum anderen ist da die Wahl der Genre: Prog, Jazz und Rock bestimmen im Wesentlichen den Sound. Der Gesamteindruck ist der von einer gewitzten Misching aus Crossover mit Fusion. Aufgelockert wird dies mit Stilanleihen, die ein bisschen an Funk erinnern und eine Idee fünfziger Jahre Jazz. All dies sind Anzeichen für eine geniale Verspieltheit, in der sie alle Möglichkeiten ihrer Instrumente auszuschöpfen suchen. Zum Teil mit viel Humor. So kommt ein Schalldämpfer für die Posaune zum Einsatz, naseweise Percussions kitzeln das Trommelfell, oder eine sorgfältig arrangierte Bassline schmeichelt dem Ohr. Tatsächlich summieren sich all diese Details zu einer mehrschichtigen Struktur, so dass die Musik selbst nach mannigfaltigem Hören noch immer frisch klingt und es neuen Elementen erlaubt, in den Vordergrund zu treten, welche beim zuvorigen Hören nicht weiter auffielen.
Das zweite Stück, welches etwas mehr als 11 Minuten lang ist, soll hier als stellvertretendes Beispiel für alle Songs beschrieben werden. Pierre stellte freundlicherweise folgende Hintergrundinformationen zur Verfügung:
»Untung untungan ist das indonesische Wort für 'a l'aventure!', was soviel heisst wie, lasst uns auf ein Abenteuer gehen ... Im Grunde habe ich es in Indonesien geschrieben, ich machte dort eine vulkanologische Untersuchung an einem Vulkan, der kawah ijhen heisst und der einen Schwefelsee in seinem Krater hat! Das Stück handelt von den verschiedenen Lebensweisen zwischen europäischen Ländern und Indonesien ... «
Die Nummer beginnt irgendwie komisch, die Instrumente klingen unmelodiös, aber das so gekonnt, dass es möglich ist, jedes Instrument zu verfolgen.Von da an beginnen Melodien und Gegenmelodien eine abenteuerliche Reise, gelegentlich miteinander harmonisierend, doch meistens nur nebeneinander herlaufend oder gegeneinander spielend; dabei produzieren sie erzählerische, ebenso wie musikalische Spannung, nur um dann alles wieder zu besänftigen. Zu dem Zeitpunkt, an dem das Stück endet, bleibt ein Gefühl nicht unähnlich dem am Ende eines sehr spannenden Buches, wenn es wieder daran geht, zum Alltag zurückzukehren.
Angesichts dieser Mischung von Tiefsinnigem mit Unterhaltsamen in Verbindung mit musikalischem Können, welches normalerweise nur von älteren, bebauchten Proggern mit wachsender Badekappe zu erwarten ist, ist es schwer zu glauben, dass die meisten Bandmitglieder so um die Mitte zwanzig sind. Vielleicht wäre dies die passende Stelle, um zu erwähnen, dass es sich hier um Studenten handelt.
Sollte diese Beschreibung nicht eine unwiderstehliche Neugierde auf diese Musik und damit das Bedürfnis, die EP sofort zu erstehen, ausgelöst haben, dann gibt es noch andere gute Gründe für einen Kauf. Zum Beispiel, um Studenten in ihrem Unterfangen, Kunst zu produzieren anstatt sich besinnungslos zu betrinken und anderen Ärger zu verursachen, zu unterstützen. Oder vielleicht ist es ja auch nur an der Zeit, der Musikindustrie ein Zeichen zu setzen, und eine Musik zu ermöglichen, die nicht aus kommerziellen Gründen geschrieben wurde. Aus welchem Grund auch immer: Die Anschaffung lohnt sich, weil das daraus resultierende Album garantiert eines der Highlights der 2010-Veröffentlichungen wird.
Line-up:
Pierre Wawrzyniak (bass, accoustic guitar)
Vincent Sexauer (electric guitar)
Philémon Walter (drums)
Guillaume Gravelin (harp)
Bertrand Eber (trumpet, didgeridoo, bugle)
Fabrice Toussaint (trombone, vibraphone, xylophone, percussions)
Julien Travelleti (bass trombone)
| Tracklist |
01:Clacos 0 (0:30)
02:Untung Untungan (11:13)
03:Clacos 1 (1:59)
04:Le vautour de Mars (10:23)
05:Bernard l'ermite (partie1) (4:08)
06:Bernard l'ermite (partie2) (4:08)
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