Schon wieder eine? Eine was? Eine Supergroup? Hört mir doch auf mit diesen inflationären Supergroup-Schwafeleien! Wie viele von diesen Zusammenrottungen bekannter und weniger bekannter, guter und weniger guter Musiker haben wir in den letzten Jahren schon durch den Äther rauschen hören, um nach lediglich einer Veröffentlichung nur noch das sprichwörtliche Rauschen in Selbigem zu vernehmen? Ich weiß es nicht, könnte aber auf Anhieb ein paar Dutzend Scheiben aus dem Regal ziehen, die in eben diese Kategorie passen würden. Würde ich das auch noch physisch tun, dann fiele mir beim Betrachten auf, dass da doch so ein paar richtige Schätzchen drunter sind, Eintagsfliegen hin oder her. Und beim Betrachten fiele mir dann ein, dass es letztendlich fast egal ist, was seinerzeit medial verbreitet wurde. Was zählt, sind unterm Strich Zeugnisse wunderbarer Schaffenskraft, die uns jene 'Supergroups' präsentiert haben. Und eigentlich mag ich den gerade verwendeten Begriff überhaupt nicht, mochte ihn noch nie. Einigen wir uns mal auf das bei den meisten Zusammenschlüssen viel Passendere und weniger Verfängliche, das Projekt. Meist entstanden aus einer spontanen Idee, seltener aus einem von langer Hand vorbereiteten Plan. Und so eine Idee stand auch am Anfang dessen, was sich hier gerade auf dem Teller dreht, bildhaft gesprochen.
Schuld an der ganzen Angelegenheit ist der Produzent Bill Evans, der bereits vor über drei Jahren (also doch ein Plan?) mit der Eingebung, neumodische Musik auf altmodische Art und Weise machen zu lassen, an eine knappe Handvoll virtuoser Musiker und den Produzenten-Kollegen Peter Collins herantrat. Resultat: Flying Colors ohne Sänger. Den suchten sie anschließend aus vielen Dutzend Aspiranten raus und einigten sich auf McPherson - klingt alles noch mehr nach Masterplan, fast schon nach einer Superstar Castingshow. Alle Instrumentalisten dieser Zusammenstellung hatten sich bereits hohe und höchste Meriten in Bands des Oberhauses der internationalen Rockmusik verdient, einzig der Sänger ist zumindest bei uns relativ unbekannt. Die Vitae der Kollegen lesen sich äußerst interessant und verdienen mit etwas Name Dropping zumindest in Auszügen Erwähnung: Steve Morse und Dave LaRue waren beide bei Dixie Dregs, Steve schwingt zudem seit rund 15 Jahren die Axt bei Deep Purple, während Dave sich mit Musikern wie Satriani, John Petrucci, Jordan Rudess (ebf. ex- Dixie Dregs), Vai oder auch früher schon mal Mr. Portnoy eingelassen hat. Neal Morse hingegen darf sich die Mitbegründung der Progger Spock's Beard auf die Fahne schreiben oder seiner Mitgliedschaft bei den Super-Proggern Transatlantic rühmen. Zu Portnoy müssen auch nicht mehr so richtig viele Worte verloren werden. Neben einer Vielzahl von Auszeichnungen aus der Musikindustrie wurde er besonders wegen seiner Beteiligung bei den göttlichen Dream Theater bekannt, wo er als Drummer, Produzent, Co-Autor und/oder schlichtweg Mastermind Berühmtheit erlangt hat, bevor er dort 2010 den Schemel räumte. Casey McPherson ist da schon etwas erklärungsbedürftiger, da er hierzulande eher unbekannt sein wird. Als Sänger der Band Alpha Rev hat er im Jahre 2010 einen Longplayer für Disney herausgebracht, der es in die Top 5 der Billboard-Charts schaffte und aus dem obendrein zwei große Radio-Hits stammen. Laut Steve Morse sei Casey ein wunderbarer Fund, weil er die Gabe habe, alles fantastisch klingen zu lassen und genauso ein Multitalent wie die anderen sei. Wohlan, daraufhin kam man im Frühjahr 2011 für sage und schreibe neun Tage zusammen, um das Album zu komponieren und das Gerüst aufzunehmen. Mittlerweile ist alles in Sack und Tüten und dieser Tage wird uns das fertige Scheibchen in den Regalen, bzw. besser noch in den Playern erfreuen können.
Geht man nun die auf dem Silberling enthaltenen elf Tracks durch, wird man schwerlich eine pauschale Äußerung im Hinblick auf eine Vereinheitlichung des Genres verlauten lassen können. Da sind poppige, hard-rockige, jazzige, funkige und natürlich proggige (welch Wunder) Stilelemente enthalten, die wir alle auch in den bisherigen Schaffensphasen der einzelnen Bandmitglieder finden. Erstaunliches Geschick ist bewiesen worden, als man diese 'Old-Boy-Group' zusammenführte. Ich möchte mal behaupten, ohne auf die einzelnen Songs im Detail einzugehen, dass locker neun von elf Stücken die Ziellinie mit wehenden Fahnen (with flying colors) überschreiten. Paradestück dafür ist ausgerechnet der Rausschmeißer des Albums, "Infinite Fire", der mit etwas mehr als zwölf Minuten deutlich die Nase vorn hat und in epischer Breite (oder Länge) noch einmal die Qualitäten der Protagonisten vereint. Das geniale Mors'sche Gitarrenspiel wird hier ein letztes Mal so überdeutlich in die Gehörgänge geschraubt, dass es ein wahre Freude ist. Überhaupt erscheint mir dieses Album subjektiv fast schon als sein Album. Nicht, dass er die Songs alle glattweg dominiert, aber seine Präsenz ist nicht wegzudiskutieren. Vielleicht möchte ich es aber auch so hören, als langjähriger Morse-Fan.
Die Fähigkeit, gute Melodien zu Papier zu bringen, beweist sich schon an viel früherer Stelle im Album. Direkt der zweite Song "Shoulda Coulda Woulda" hat eine bestechende Eingängigkeit. Auch der Opener "Blue Ocean" oder "Kayla" können sich da ohne Scham einreihen, die Refrains bleiben haften. Man möchte fast sagen, dass die in Teilen enthaltene Seichtheit einzelner Passagen der weichgespülten Radiotauglichkeit moderner Musik entgegenkäme, wenn, ja wenn da nicht deren flache Arrangements fehlten. Hier haben wir es aber mit Musikern zu tun, deren Renommee in ihrem Bereich kaum zu übertreffen ist. Im variationsreichen Zusammenspiel verbreiten sie bei aller Intensität des Albums eine fast unbeschreibbare Leichtigkeit und Freude am gemeinsamen Musizieren, Reminiszenzen an ihre sonstigen Arbeitgeber oder auch mal die Beatles inbegriffen. Egal, ob es die tollen Basslinien Dave LaRues oder das Tastenwerk eines Neal Morse, das abwechslungsreiche Schlagzeugspiel des Herrn Portnoy oder die virtuose Gitarre von Steve Morse, unterlegt vom überzeugenden Gesang McPhersons, sind. Zudem möchte ich die Behauptung aufstellen, dass die Tatsache des live Aufnehmens dieses Rundlings im Studio durchaus auch als Indiz für den großen Spaß zu werten ist, den hier richtige Talente gehabt haben. Hören und erleben!
Line-up:
Casey McPherson (vocals, guitar)
Steve Morse (guitar)
Dave LaRue (bass)
Mike Portnoy (drums, vocals)
Neal Morse (keyboards, vocals)
Tracklist |
01:Blue Ocean
02:Shoulda Coulda Woulda
03:Kayla
04:The Storm
05:Forever In A Daze
06:Love Is What I'm Waiting For
07:Everything Changes
08:Better Than Walking Away
09:All Falls Down
10:Fool In My Heart
11:Infinite Fire |
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