In den letzten Jahrzehnten wurden die Niederlande unter anderem für ihre liberalen gesetzlichen Reglementierungen, die weit über Coffee-Shops und sozialversicherter
Prostitution hinausgehen, in der Welt bekannt. Auch wenn mit einigen Ausnahmen, Offenheit und Toleranz in der Bevölkerung der eigenen liberalen Gesetzgebung hinterherhinken, wie
es jüngste Ereignisse wieder aufgezeigt haben. Abgesehen davon, dass uns unsere Landesnachbarn lebensphilosophisch haushoch überlegen sind, konnte sich frühzeitig
eine sehr lebendige Kultur-und Musikszene auf einem hohen Niveau entwickeln.
Das dieser sehr spezifischen Gruppierung eine gewisse Extrovertiertheit und Dekadenz nicht abzusprechen ist, liegt mit Sicherheit auch an den erforderlichen Freiraum
der den Künstlern immer eingeräumt wurde.
Zu den Bekanntesten zählen zweifelsohne die 'Leichtmetall-Rocker' Golden Earring, die, neben den Klassikepigonen Ekseption und Rock 'n' Roll Visionär
Herman Brood, längst zu einer niederländischen Institution ernannt wurden.
So hat sich dort in den letzten fünfzehn Jahren eine durchaus interessante aufstrebende junge und durchaus experimentierfreudige Pop- Rock-Loge etabliert, die den hohen internationalen Anforderungen durchaus stilistisch das Wasser reichen können.
Eine Formation die in der Gegenwart endgültig beweisen, dass sie keinem Land, keiner Szene, keiner Epoche und keiner speziellen Auffassung angehören, sondern ihre eigenen Maßstäbe setzen, denen auch nur sie selbst gerecht werden, sind The Gathering.
Ihre Anfänge reichen bis ins Jahr 1989 zurück, als sie mit ihren Keyboards versetztem,
geradlinigem Metal-Sound, schon damals die Presse begeisterten.
1992 erschien das erste komplette Album "Always", welches sich stilistisch zwischen
Gothic und Doom positionierte, und damit ihre Fan-Basis kontinuierlich ausbaute.
Querelen mit der damaligen Plattenfirma bzw. ihre geschäftliche Unschuld brachten sie
nahe an einen Bruch und der Lethargie. Erst als man 1994 auf die charismatische Sängerin
Anneke van Giersbergen stieß, fasste man neue Pläne ins Auge.
Mit ihrer transparenten, Jazz und Klassik geschulten Stimme setzte die junge Vokalistin völlig neue Akzente, öffneten Räume und Perspektiven, die der Gruppe bis dahin
verschlossen geblieben schienen.
1995 dokumentierte das atmosphärisch dichte, zudem erfolgreiche Album Mandylion
ein Musikerkollektiv, das nicht nur neue Inspiration gefunden hatte, sondern in der auch die menschliche Chemie wieder stimmte.
Trotz des ersehnten Erfolgs trennte sich die Band zum Jahrtausendwechsel von ihrem bisherigen Label, um es letztendlich auf eigene Faust unter dem eigenen Banner 'Psychonaut -Records' zu versuchen.
Mit diesen zukunftsträchtigen Schritt in die Unabhängigkeit erwarben sie große
Bewunderung bei den Kritikern, und sie konnten nun ohne Druck von Außen ihrer
Kreativität freien Lauf lassen.
Mit der neuen Bassistin Marjolein Kooijman, die das nötige technische und
musikalische Verständnis miteinbrachte, sind die ehemaligen Wurzeln nur noch in Bruchteilen erkennbar. Vielmehr orientiert man sich an dem Sound der Marke Pink Floyd, Garbage und Sigur Ros.
Das brachte selbst verschiedene internationale Filmemacher auf den Plan, die an die
Niederländer herantraten, um ihre Songs zu verwenden.
Bei ihren neuen, mittlerweile neunten Studio-Output, "Home" fand die Formation im Süden ihrer Heimat hierfür eine altertümliche Kirche, um dort unter der Regie von
Attie Bauw etwas Neues zu kreieren und sich von der sakralen Umgebung inspirieren zu lassen.
Mit dem nötigen professionellen Studio-Equipment entstanden Aufnahmen, die später nur noch gemischt bzw.gemastert werden mussten und uns nun in Form des dreizehn Track starken Werkes vorliegen.
In unserer schnelllebigen bzw. reizüberfluteten Gesellschaft wird es immer schwieriger, Momente der Ruhe und Innigkeit zu finden, den Körper und Geist auf eine erfüllte Reise durch Klangwelten der Klarheit zu schicken, die sich abseits jeglichen Mainstreams bewegen, ohne dabei bemüht experimentell oder anstrengend zu erscheinen.
Ich denke, genau dieses Anliegen hat das Quintett im Zusammenspiel mit ihren musikalischen Fähigkeiten, mit den neuen märchenhaft versponnen Kompositionen kontinuierlich und geistreich umgesetzt.
Mit "Home" erreichen The Gathering mit Sängerin Anneke van Giersbergen, Gitarrist Rene Rutten, Schlagzeuger Hans Rutten, Bassistin
Marjolein Kooijman und Tastenvirtuose Frank Boeijen unüberhörbar einen neuen Level.
"Unsere Musik ist und war stets ihre eigene Inspirationsquelle", erklärt Anneke.
"Dinge, die wir sehen, fühlen und täglich erleben. Manche Erfahrungen sind einfach und positiv, andere komplex und herausfordernd. Auf dem neuen Album betonen wir drei Aspekte des menschlichen Lebens: die hektische Achterbahn unserer Zeit, die lebensverändernden Ereignisse und die sich auflösende, beruhigende Atmosphäre inneren Glücks. All das in Worte und Musik gefasst. Diese Songs füllen das gesamte Spektrum von Pop-Musik aus, mal mit einem warmen, dunklen Einschlag, mal mit leichtem, erfrischenden Up-Tempo Sound. Gemeinsam erzählen sie eine Geschichte, doch jeweils für sich sind es zugängliche Songs zur Erbauung des Geistes."
Den beständigen Wechsel von meditativer Klangästhetik und dezidierter Interpretation, meistert das Ensemble dabei, man möchte beinahe sagen; meisterhaft.
"Home" lebt natürlich auch und zeichnet sich durch einen stark gesanglichen Charakter aus, der fast so etwas wie Lieblichkeit verströmt. Vom verspielten Grundduktus wagen die Protagonisten immer wieder Ausbrüche ins unwegsame Gelände der
Vielschichtigkeit und Klangnuancen des Pop.
Die größtenteils unaufdringlichen Arrangements bilden den Rahmen, in demAnnekes
Gesangskünste zu voller Blüte erwachen und dabei weite Facetten ihres stimmlichen Tenors offenbaren.
Die Assoziationskette zwischen Tori Amos und einer Shirley Manson sind eng gesteckt. Mit reiner Freude steuert sie mit einer bildhaften Sprache, dem Ganzen einen ehrwürdigen 80er Jahre Charme bei.
Die Metal-Wurzeln sind gänzlich verloren gegangen, die zuckersüßen Gesangsmelodien
funktionieren automatisch mit dem teilweise minimalistisch anmutenden, atmosphärischen
Intermezzo der Band.
Es klingt einfach zu zahm und entzückend melancholisch, wennAnneke ins Mikro
säuselt, so dass man sich des öffteren mehr Tiefe wünschen würde.
Die instrumentale Untermauerung ist zurückgenommener als zuvor, und ihr Triprock
vermag auch den Mainstream-Zuhörer zu verzaubern.
The Gatherings exzellente, entspannte Intonation bzw. bestechend austarierte Homogenität sowie das Gespür für adäquate Phrasierungen, werden in den, bis in jeden einzelnen Ton spannenden Popsongs, transportiert.
Es entsteht der Eindruck, dass die Protagonisten mit solchen ausgereiften Kompositions-
Ideen mit der Zeit einfach erwachsener geworden sind , und dieses Album doch als Resultat
einer langen kollektiven Auseinandersetzung mit kreativen Prozessen, die nicht immer schmerzfrei waren, dasteht.
Trotz zunehmender Dominanz der elektronischen Klänge, kommt per se auch das klassische Rock-Instrumentarium, wie auch eine herrlich schwebende Orgel zum Zuge.
Die Gitarrenintonationen sind vielschichtiger ausgefallen, wenn auch insgesamt verhaltener, aber dennoch sehr geschmackvoll und variabel eingesetzt, sozusagen ein
ständiges Zusammenspiel zwischen elektronischen Segmenten mit organischen Klängen.
Groove, Loops und trippige Ambient-Stimmungslandschaften bestimmen den Pop-Modernen
Sound, der sich mittlerweile für diese Musiker manifestiert hat.
Die Tracks leben von der melancholischen Atmosphäre, die fast schon skandinavische
Züge in sich trägt. Die Wirkung ist geradezu hypnotisch, es schleicht sich aber auf die Dauer etwas Langeweile ein, weil die Sinne im Gleichklang der Sanftheit, bedingt wegzukippen drohen.
Es bleibt dem Konsumenten überlassen, ob er sich einzelne Lieblingssongs herauspicken möchte, oder das gesamte Werk wie einen ganzheitlichen Garten, oder als vollendete Klangplastik wahrnehmen will.
Es ist immer schwer, solcher Musik mit Worten gerecht zu werden. Fürspruch und Widerspruch liegen eng beinander. Den Einen zu langweilig, den Anderen zu poppig. Über eines werden sich aber alle Hörerparteien einigen können: dieses wundervolle Stück Musik wirkt quasi wie Balsam auf die ohnmächtigen Seelen.
Die liebevoll arrangierten, bzw. detailbesessenen Songs machen "Home" zu einem
Langzeitereignis, auf dem man garantiert immer wieder neue Entdeckungen machen wird.
Abgesehen davon, dass die Band meinen gebührenden Respekt schon allein dafür bekommt,
weil sie hierbei jedes kommerzielle Kalkül außer Acht lässt.
Ich empfehle dieses Album allen Flüchtlingen aus einem stressgeplagten Alltag und allen
toleranten Hörern anspruchsvoller Wohlklänge.
Spielzeit: 60:20, Medium: CD, Noise Records/Sanctuary, 2006
1:Shortest Day 2:In Between 3:Alone 4:Waking Hour 5:Fatigu e6:A Noise Severe
7:Forgotten 8:Solace 9:Your Troubles Are Over 10:Box 11:The Quiet One 12:Home
13:Forgotten Reprise
Ingolf Schmock, 12.04.2006
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