Great Big Sea / Great Big
Great Big
Great Big Sea stammen aus dem Nordosten Kanadas und sind eine der erfolgreichsten Folkrock-Bands ihres Landes. Neun Alben hat das 1993 in Neufundlands Hauptstadt St. John's gegründete (derzeitige) Quintett bislang veröffentlicht, "Great Big" erschien nun als Medien-Doppelpack, live aufgenommen (undatiert, 2004?) in Ottawa. DVD- und CD-Titel sind identisch, im dicken Bonus-Teil sind 13 Live-Video-Tracks, drei Karaoke-Titel (!), ein 28-minütiger Film 'on Tour' und Interviews enthalten.
Als 'bekannt' lässt sich die Band im RockTimes-Land sicher nicht einstufen, sie war jedoch 2001 mit Runrig auf Tour und dürfte dabei gut Fans gewonnen haben.
In Kanada hat die Gruppe wohl Kultstatus, was auch an der Begeisterung und der absoluten Textsicherheit ihrer Fans beim Mitschnitt abzulesen ist. Mit einer Vielzahl vorwiegend akustischer Instrumente, wie Geige, Akkordeon, Flöte, Banjo, Mandoline, Bouzouki, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Bodhran, Konzertina oder Flöte werden Songs aus der eigenen Tradition eines von der rauen See geprägten Volkes oder aus der zurückliegenden keltisch-englisch-stämmigen (was sich oft überschneidet) zeitgemäß gespielt. Was bedeutet, pop(ular)-mäßig aufbereitet. Dazu eigene Songs, die das Repertoire bestens ergänzen. Das findet jenseits des großen Teichs auch entsprechende kulturelle Anerkennung. Great Big Sea wurde mit diversen Preisen regelrecht zugeschüttet und verzichten sogar schon darauf, bei den Ausschreibungen nominiert zu werden.
Beim aufgenommenen Konzert wurde ein 'Best of' Programm geboten, das die Fans von einem Mitsing-, Mitklatsch- und Mithüpfrausch in den nächsten trieb. Moderne Volksmusik, zweifelsohne. Great Big Sea befindet sich in guter Gesellschaft der Pogues, der Oyster Band, der Hooters, von Show of Hands oder von Richard Thompson. Allerdings sind deren rockige Elemente seltener zu hören, die Arrangements sind deutlich massenkompatibler, was in dem Fall keinen negativen Beigeschmack haben soll.
Die Scheiben machen auch richtig Spaß, die gute Laune nimmt gar kein Ende. Fröhlich und munter schallt's von der Bühne und wieder zurück, die Tunes, die Jigs, die Reels und die Balladen bewegen sich durchwegs im mittleren oder schnelleren Tempo, für ruhigere oder melancholische Zwischenspiele ist da wenig Platz. Gutes Zusammenspiel, wohltönender Einzel- oder Mehrstimmengesang, schöne Lieder und alles von den beiden charismatischen Frontmen Alan Doyle und Séan McCann in Szene gesetzt - das Folkherz jauchzt.
Doch zumindest das des Rezensenten wird nach gut der Hälfte der 20 Titel der fortwährenden und ziemlich gleichförmigen Glückseligkeit leicht überdrüssig und wünscht sich mal einen emotionalen Break oder zumindest ein Breakchen. Ein Stück ordentliches Schwarzbrot mit Geräuchertem zwischen all dem Manna. Oder ein anständiges 'Seidla' fränkischen Kellerbiers nach soviel süßem Wein.
So der rein akustische Eindruck von der CD. Der ändert sich mit dem pflichtgemäßen Anschauen der DVD. Das Konzert wurde in einem sehr großen Haus mit Tribünen aufgenommen, das vorwiegend von jungen, weiblichen Fans bis zum letzten Platz gefüllt ist. Kein Wunder, die fünf durchaus sehenswerten Männer in ihren schwarzen Anzügen, die sich auch nach richtiger Choreografie drehen und hüpfen, erzeugen die Wirkung einer (mittlerweile 'gestandenen') Boygroup und wissen, wie sie ihr Publikum heiß machen können. Dazu zählt auch ein Ausflug von der großen Bühne auf eine kleine inmitten der Fans. Hat der Zeremonienmeister der Band wohl bei den Stones von deren 98er Tour abgeschaut...
Die eher etwas ernüchternde Wirkung auf den Rezensenten bekommt jedoch beim Weiterzappen auf die Musik-Videos aus der Geschichte der Band eine erneute Wendung. Die zeigen viel 'action' mit Humor und reichlich von der schönen Landschaft Neufundlands. Und Great Big Sea erweisen sich da als Blutsverwandte unserer fränkischen Speed-Folker Fiddler's Green. Dazu eine Doku über das Tourleben und persönliche Statements von vier der aktuellen Bandmitglieder (nur der Drummer bleibt, wie schon bei den Konzertaufnahmen, außen vor).
Der Sound ist auf beiden Trägern astrein, bei den Konzertbildern hat der RockTimes-Schreiber wieder einmal den üblichen Grund zum Klagen: Zappelschnitte über die meiste Zeit, aber technisch sauber.
Für die Fans von Great Big Sea ist das wohl das ultimative Fan-Paket, das keine Wünsche offen lässt. Für den gemeinen Folkie wohl des Guten und Schöngesungenen etwas zuviel und für Puristen sicher zu folkloristisch. Allerdings kann der potentielle Interessent bei dem günstigen Preis auch keinen allzu großen Spekulationsverlust erleiden. Der 'Rock-Fan an sich' sollte bei entsprechender Neigung oder Neugier aber eher auf Produktionen der anderen genannten Bands dieses Genres zurückgreifen.
Technik DVD:
RegionCode 0 (Codefree)
Tonformat Stereo, Dolby Digital 5.1
DVD 5
FSK Ohne Altersbeschränkung
Bildformat 4:3
Englisch


Spielzeit: 75:01 (CD), 151:00 (DVD), Medium: CD/DVD, Zoë Records/Rounder Group Company, 2006, Folkrock
CD+DVD: 1:Donkey Riding 2:When I'm Up 3:Sea of No Cares 4:Boston and St. John's 5:Night Pat Murphy Died 6:Stumbling In 7:Jack Hinks 8:Goin' Up 9:General Taylor 10:Lukey 11:Clearest Indication 12:I'm a Rover 13:Everything Shines 14:Mari-Mac 15:Consequence Free 16:Ordinary Day 17:End of the World 18:Excursion Around the Bay 19:Fortune Set 20:Old Black Rum
Features: 13 Musikvideos / 3 Karaoke Versionen, 28 minütige Dokumentation: Great Big Sea On Tour, Home
Norbert Neugebauer, 23.07.2006