Mary Gauthier / Filth & Fire
Filth & Fire
Schon die letzte CD konnte überzeugen, aber bereits die ersten Takte von "Filth & Fire" lassen erahnen, dass Mary Gauthier (ausgesprochen Mary Go-Shay) hier ihr Meisterstück abliefert.
Wenn ich ins Booklet schaue - ein ganz tolles mal wieder, mit allen Lyrics - sehe ich unter anderem zwei Namen die aufhorchen lassen: Zum einen Peter Rowan und zum anderen Gurf Morlix.
Letzterer spielt nicht nur fast alles Instrumente selbst, sondern hat das vorliegende Album auch produziert. Gurf ist ein ganz Großer im Bereich Country. Rowan ist bekannt durch sein Zusammenspiel mit Jerry Garcia.
Das soll genügen, denn hier geht es um Marys neue CD. Im Gegensatz zum Vorgänger handelt es sich auf "Filth & Fire" nicht um sog. "Country noir". Es ist diese Mischung aus Singer/Songwriter, gepaart mit Country Einflüssen, die meilenweit von Nashville liegen. Roots Country oder Americana treffen es wohl eher. Aber eben nicht hundertprozentig. Zu zart und zerbrechlich wirkt Marys Stimme und doch so hart. Das liegt zum einen an den Texten, die von typisch amerikanischen Themen wie Ruhelosigkeit, Vagabunden, Pionieren usw. beseelt sind, sowie zum anderen an der Künstlerin selbst. Mit diesem Album - eigentlich ein Jahrhundertalbum des Genres - zeigt sie, dass sie trotz ernsthaften und zum Teil sehr betroffen machenden Texten auch die Akkordfolgen, sowie die Refrains auf den Punkt genau berechnet hat. Es stimmt einfach alles und ich wage die Prognose, dass "Filth & Fire" bereits jetzt mein diesjähriges TOP Album ist. Wird für mich wohl kaum noch zu toppen sein.
Über allen Songs liegt ein zart gewebter Hammond B3 Teppich.
Diesem wunderbar klingendem Instrument widerfährt auch die Ehre des Anfangsakkords der CD. Später dann gepaart durch Rowans Mandoline und Deavilles Fiddle.
"A Long Way To Fall" baut sich langsam auf, bis dann einer dieser Wahnsinnsrefrains kommt. Einfach, aber genial.
"Sugar Caine", ein Song über die harte Arbeit in den Zuckerrohrplantagen:
"Dirty air, dirty laundry, dirty money, dirty rain" - alles verpackt in einer perfekten Symbiose aus akkustischer Gitarre, Fiddle und Harmonica.
"Merry Go Round": Gewalt, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit - alles das steckt in diesem Track und noch mehr und dann wieder einer dieser traumhaften Refrains. Es ist unglaublich, wie sanft der Song klingt, wie melodiös wenn man z.B folgenden Textauszug dagegen stellt:
"From the phone booth on the freeway
When there's no one left to call."
"Good-bye", weist wieder so einen Satz auf, der nachdenklich macht:
"Good-bye could have been my family name". Dazu fiddelt die Fiddle und dann kommt ein frommer Wunsch: "When it's time to leave forever, I pray the Lord don't take me slow."
"Camelot Motel" erzählt von "Cheaters, liars, outlaws and fallen angels":
"Cheaters, liars, outlaws and fallen angels
Come looking for the grace from which they fell
They hold on to each other in the darkness
The morning light is hell at the Camelot Motel"
.
Tut mir leid, wenn ich mich wiederholen muß, aber der Refrain ist wieder mal so was von gekonnt. Selten hat mich eine CD so berührt. Nicht nur musikalisch - wer die Texte versteht, kann den musikalischen Eindruck gewaltig potenzieren.
"After You're Gone" reitet im leichten Country Style daher. Country? Klar, es ist ein Liebeslied - aber ein trauriges und diese Stimmung bringt die Steel gekonnt rüber. Dafür sind diese Gitarren ja schließlich auch da. Ich bin mir sicher, auch wer ansonsten keine Country Liebslieder mag, wird hier mitwippen.
"The Ledge" kommt mit Beer Bottle Slide und einer förmlich zu Überstunden verdonnerten B3 etwas flotter, ohne aber lustig zu sein:
"I grew mean. I grew small
I grew tired of it all"
.
Ich weiß, ich zitiere viel und wer kein Englisch kann ist hier klar im Nachteil, denn die Texte sollte man schon mitlesen.
Auch bei dem nächsten Titel: "Christmas In Paradise". Ja, etwas weihnachtlich angehaucht. Aber anstelle von Glöckchen (Jingle Bells ist aber kurz zu hören) dominiert hier eine Lap Steel Guitar zu
"The radio plays Christmas songs while we get high
Davey shouts Merry Christmas y'all
To the cars passing by."
Stehblues pur dann "For Rose". Musikalisch minimal, aber wieder ein Volltreffer in der Wahl der Mittel: Akkustische Gitarre, Mandocello, Akkord- und Rhythmusfolge.
"The Sun Fades The Color Of Everything" ist leider schon der letzte Track. Hier wird, der Stimmung gemäß, sogar ein Harmonium bemüht. Ansonsten gibt es nur noch eine akustische Gitarre und etwas Percussion. Ein schöner Ausklang eines - wie ich finde - genialen Albums.
Ich kann es mir nicht verkneifen, mein Fazit zu Marys letztem Album Drag Queens In Limousines zu erwähnen und für dieses Album umzuarbeiten:
(Fazit: Eine bemerkenswerte Stimme und jeder Song für sich eine Perle, aber mit drei Ausnahmen ist mir das zu ofte Anhören dann doch etwas zu noir. Nichts desto Trotz, den Titelsong muss man kennen.)
Bemerkenswerte Stimme: Ja
Jeder Song eine Perle: Ja
Ausnahmen : Nein
Titelsong muß man kennen: Hier muß man jeden Titel kennen.
Der europäische Vertrieb erfolgt wieder über "MUNICH RECORDS". Schade, dass da oft verschiedene Covermotive verwendet werden. Irgendwie sagt mir das in den USA verwendete Frontcover besser zu.
Produktion, Klang und Booklet sind aber auch in unseren Landen vom Allerfeinsten.
Empfehlung: Kaufen, kaufen, kaufen....
Spielzeit: 47:38, Medium: CD, Munich Records, 2002
1:Walk Through The Fire,2:Long Way To Fall, 3:Sugar Cane,4:Merry Go Round, 5:Good - Bye, 6:Camelot Motel, 7:After You're Gone, 8:The Ledge, 9:Christmas In Paradise, 10:For Rose, 11:The Sun Fades The Color Of Everything
Ulli Heiser, 16.06.2002
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