Roger Hoover And The Whiskeyhounds
Panic Blues
panic_blues
Wow, nach dem ersten Antesten des ersten Songs bin ich hin und weg. Wie hat der in den letzten Jahren gesangsmäßig - um es mal vorsichtig auszudrücken - eher schwächelnde Doug Gray sein legendäres, bluesgetränktes Organ wiedergefunden? Noch mehr drängt sich die Frage auf, wie er so ein Album vor der Operation an seinen Stimmbändern Ende Januar 2006 einsingen konnte? Oder liegen mir gar unveröffentlichte Aufnahmen der Marshall Tucker Band (MTB) aus den 70ern vor, die irgendjemand 30 Jahre lang auf seinem Dachboden auf gemeine Weise verstauben ließ? "Stompin Room Only", zweiter Teil?
Ich hole gaaanz tief Luft und wage einen Blick aufs Booklet. Nein, das ist doch nicht die MTB, sondern Roger Hoover And The Whiskeyhounds (RH&TW). Es steht nicht 1975, aber 2005 auf dem Backcover: Willkommen in der Zukunft der Vergangenheit! Der Sänger - zugleich alleiniger Songschreiber und Namensgeber der Band - heißt wider Erwarten nicht Doug Gray, sondern Roger Hoover. Doch bevor diese Gleichsetzung mit der MTB allzu sehr strapaziert wird, gilt es, die Unterschiede hervorzuheben. Denn diese Whiskeyhunde sind kein Klon irgendeiner anderen Formation!
Erstens gibt es hier keine Jazz-Einflüsse, die sich bei der MTB im Drumming von Paul Riddle und im Querflöten- und Saxophonspiel von Jerry Eubanks manifestierten. Zweitens verzichten Hoover & Co. auf lange Jams, die Länge der einzelnen Stücke bewegt sich um die drei Minuten. Hier stehen die Songs eindeutig im Mittelpunkt und nicht das instrumentale Können der einzelnen Akteure, was aber im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass es sich hier um irgendwelche blutige Amateure handelt. Wenn man am Ende alles zusammen zählt, überwiegen ganz klar die Unterschiede.
Der Titel der CD sollte einen auch nicht in die Irre führen - es wird hier kein panischer Blues, sondern entspannte, abwechslungsreiche Musik geboten. Folk, Countryfiziertes, Bluesiges, praktisch jede Art von Roots mit etwas Rock gemixt. Trotz dieser stilistischen Vielfalt klingt das Album wie aus einem Guss. Zudem ist Hoover ein äußerst ideenreicher Songwriter, der bereits in seinen 20ern interessante Texte über alles Mögliche schreiben kann, was einem auf den dornigen Pfaden des Lebens widerfährt.
Wie bereits erwähnt erinnert der Gesang beim Opener stark an Gray. Aber wenn man sich die Vocals der folgenden Tracks genauer anhört, dann fallen doch kleine Unterschiede zu Doug Gray auf. Hoovers Stimme klingt angekratzter und melancholischer. Keine Frage, der Mann hat den Blues - allerdings ohne dabei in irgendwelche altbekannte Blues-Klischees zu verfallen. Er hat seinen ganz eigenen, charismatischen Stil.
Einer der Höhepunkte - unter vielen - ist der zweite Song "Main Street", ein locker-flockiger Southern-Country-Rocker ("I'm on my way South to the Mason-Dixon-Line"), der mit einem umwerfenden Telecaster-Solo aufwarten kann. Wer braucht noch all diese Studio-Gitarristen aus Nashville? Beim nächsten Song gibt Hoover den Soul-Sänger, hier werden Erinnerungen an die großartigen Old Union wach. "Bridge" ist hingegen Singer/Songwriter at it's best, mit ein paar akustischen Slide-Tupfern.
Besonders gelungen ist, wie beim fünften Song "Vagabond" das Keyboard vorsichtig eingeführt wird und wie ihm beim nächsten Stück "Almost Grown" eine wichtige Rolle zukommt. Das hohe musikalische Niveau wird über die gesamte Spielzeit gehalten: Es ist fast unmöglich, einzelne Songs hervorzuheben. RH&TW überzeugen mit dieser Veröffentlichung auf der ganzen Linie. Hier gibt es keine Filler, nur wunderschöne, handgemachte Musik der 1-A-Qualität mit ganz viel Atmosphäre, gepaart mit einer guten Produktion.
Ach ja, ich hätte fast vergessen zu erwähnen, dass Roger Hoover genauso wie der frühere Outlaws-Gitarrist Freddie Salem aus Akron, Ohio stammt. Letzterer hat einige der schwächsten... Aber nein, das würde zu weit führen.
Diese CD kann ich allen Lesern der RockTimes empfehlen, die Roots Rock, Folk, Americana, Blues, Southern Rock, Country Rock, Singer/Songwriter mögen. Wer diese Musikrichtungen nicht mag oder kennt, sollte trotzdem ein Ohr riskieren, sonst würde sie/er ein kleines Meisterwerk verpassen.
Wer nicht genug von RH&TW hat, sollte auf der Homepage und der 'Myspace'-Seite in die dort bereitgestellten Songs reinhören, u.a. vom kommenden Album "Jukebox Manifesto". Die gegenwärtige Zukunft gehört ohne Zweifel Hoover und den Whiskeyhunden!


Spielzeit: 44:21, Medium: CD, Bandaloop Records, 2006
1:Keep Me Away From You 2:Main Street 3:Ain't Working For The Man 4:Bridge 5: Vagabond 6:Almost Grown 7:Be My Queen 8:Nashville City Lights 9:Like Dylan Thomas 10:Panic Blues 11:Blueberry Wine 12:Sweet Angelyne 13:Caroline Street Stomp 14:2AM 15:Dead Man's Shoes
Janos Wolfart, 15.03.2006