Der Einfluss von Robert Johnson auf die Rockmusik
1968. Cream spielen mehrere Konzerte im Fillmore West in San Francisco. Einer der Höhepunkte ist der Song Crossroads, der Eric Clapton's Ruf als Gitarrengott festigt.
1969. Led Zeppelin nehmen ihr bahnbrechendes Album "Led Zeppelin II" auf, aus dem ein Blues-Rock Hammer hervorsticht: "The Lemon Song", während in London's Olympia Studios für die Rolling Stones die Studer-Bandmaschinen einen Leckerbissen von Song aufnehmen: "Love in Vain"
Was haben diese Ereignisse gemeinsam? Alle interpretieren bzw. "verarbeiten" (Led Zeppelin) Material vom sagenumwobenen Bottleneck-Gitarristen Robert Johnson, der in den 30er Jahren im Mississippi-Delta seine Kunst zelebrierte.
Die Schar der Musiker, die Songs von Johnson aufnahmen und noch aufnehmen und/oder von seiner Spielweise beeinflusst sind ist schier unübersehbar, es scheint fast, dass Robert Johnson's Songs des Öfteren dazu beigetragen haben, so manche Sinnkrise der Rockmusik zu entwirren, indem man sich wieder einem der Ursprünge zukehrte und als "erste Adresse" wird gerade in Musikerkreisen immer der Name Robert Johnson zuerst genannt.
Robert Johnson wurde am 8. Mai 1911 in Hazelhurst, Mississippi, geboren. Seine Familie siedelte 1914 nach Memphis, Tennessee, über. 1918 wurde Robert von seinem Stiefvater im Alter von gerade mal 7 Jahren nach Robinsonville in Mississippi verbracht, um auf einer Plantage zu arbeiten. Hier begann er erstmals, sich für Musik zu interessieren und spielte Mundharmonika. Von seinem Talent angetan, erlaubten ihm die älteren Bluesmusiker, vor allen Willie Brown und der damals schon überregional bekannte Charlie Patton, sie zu begleiten
Ein weiterer berühmter Bluesgitarrist der Zeit, Son House hatte nach seiner Entlassung aus dem Parchman Farm Staatsgefängnis durch seine Art, Gitarre zu spielen, enormen Einfluss auf Robert.
Dieser fing an, selbst Gitarre zu lernen, aber seine drei Lehrmeister Brown, Patton und House machten sich in betrunkenem Zustand über die Gitarrenkunst des jungen Robert lustig. Zu dieser Zeit erschien auch ein weiterer Schüler von Patton auf der Szene: Howlin' Wolf, der durch seine heisere, leidenschaftliche Stimme auffiel.
Robert trennte sich nun von seinen Vorbildern und wanderte kreuz und quer durch das Mussissippi-Delta, nahm verschiedene Jobs an und gab sie genauso schnell wieder auf und verdiente sich immer etwas Geld durch Vorführungen bei "House rent parties" (diese wurden im jeweilgen Haus veranstaltet, damit die Bewohner die Miete aufbringen konnten)
Zurück in Hazelhurst heiratete er und verfeinerte seine Spieltechnik, hauptsächlich durch Nachspielen von phonographischen Aufnahmen, u.a. von Skip James, um dann Monate später (ohne seine Frau allerdings) wieder aufzutauchen, diesmal mit einem zuvor nie gehörten Bottleneck-Stil, der alle aufhorchen liess.
Keine Legende ohne Legendenbildung: Diese besagt, dass Robert so gut werden wollte wie seine Vorbilder und verkaufte seine Seele dem Teufel an einer Strassenkreuzung ("Crossroads"). Im Austausch seiner Seele verlieh ihm der Teufel die Fähigkeit, alles spielen zu können, was er wollte. Die Menschen waren sehr abergläubisch und diese Geschichte verbreitete sich natürlich so schnell wie ein Lauffeuer.
Als er wieder auf seine Lehrmeister stiess, waren diese über seine Fähigkeiten so erstaunt, dass sie anerkannten, dass er besser geworden war, als sie selbst es waren.
Obwohl Robert Johnson viele Lieder der schwarzen Gemeinde seines Heimatstaates vertonte, die meistens familiäre Themen wie Verlust, Einsamkeit und Verzweiflung zum Inhalt hatten, schuf er durch seine Gitarrenkunst und die Einführung von Referenzen auf den Teufel etwas total Eigenständiges in Musik und Textaussage.
Seine Wanderlust trieb ihn in durch Clubs, Plantagen und Spelunken aller Art fast quer durch den amerikanischen Kontinent bis nach Kanada. Überall wurde seine Musik begeistert empfangen, vor allem wahrscheinlich auch, weil er ein absoluter "Performer" war: Er hatte die Fähigkeit, mit seinem Publikum zu kommunizieren wie wenige vor ihm.
Es waren aber ohne Zweifel seine Schallplattenaufnahmen, die eine extrem grosse Durchschlagskraft hatten. Robert Johnson nahm bei zwei Sessions (November 1936 in San Antonio, Texas und Juni 1937 in Dallas, Texas) insgesamt 29 Songs auf. Darunter befinden sich Werke, die seit dem Zeitpunkt Ende der 60er, als Pop mehr und mehr von Rock ersetzt wurde, bis zum heutigen Tag immer wieder gespielt werden und auch bis heute als Einfluss nicht zu überschätzen sind.
Als Beispiele seien hier genannt: Crossroads, Terraplane Blues, Walking Blues, Come on in my kitchen, Hellhound on my Trail, Love in Vain....aber eigentlich wurde der gesamte Output von Robert Johnson vor der Rockszene seit Mitte der 60er Jahre aufgesogen wie ein Schwamm.
Robert Johnson war Frauen gegenüber sehr zugetan und verstand es blendend, viele seiner weiblichen Fans in seinen Bann zu ziehen. Dies wurde ihm dann auch zum Verhängnis: Er wurde hinter dem "Three Forks Store" in Quinto, Mississippi von einem eifersüchtigen Ehemann mit vergiftetem Whiskey umgebracht. Sein Todeskampf dauerte mehrere Tage, er starb am 16. August 1938 im Alter von 27 Jahren.
Natürlich war sein Antrieb, wie auch derjenige von Muddy Waters, Howlin' Wolf, Robert Lockwood und anderen talentierten, einfallsreichen jungen Musikern eher die Tatsache, dass er wusste, was er nicht wollte: Nämlich als niedrigstbezahlter Lohnempfänger Baumwolle zu pflücken wie es seine Eltern tun mussten in einer Zeit, in der Musik nichts als pure Ablenkung von der täglichen Schinderei der Arbeit war.
Anzumerken ist noch, dass natürlich auch Robert Johnson auf primitivstem Equipment spielen musste, es gab einfach nichts anderes. Katzendarmsaiten auf der handgebastelten Giarre war da schon ein Luxus und trotzdem hat er es geschafft, ein ewig gültiges Kunstwerk zu schaffen.
Für viele Schwarze heutzutage, die auf Robert Johnson zu Recht stolz sind, geht scheinbar ein Weltbild zugrunde, wenn sie ansehen (bzw. anhören) müssen, wie sich ihre eigene Jugend seiner traditionellen Werte mehr und mehr entzieht und in Hip-Hop oder Rap das Glück sucht.
Da er aber beim Rock-interessierten, hauptsächlich weissen Musikern und Publikum einen nicht mehr loslassenden Einfluss ausübt, ist er durch seine Musik der wahre Integrator der Rassen, ein wirkliches immerwährendes Phänomen.
Ganz besonders möchte ich die CD "King of the Delta Blues Singers" empfehlen, die von Columbia liebevoll aus neu entdeckten Testpressungen restauriert wurde. Logisch, den Klang muss man als historisch bezeichnen, ist aber wesentlich besser (vor allem ohne Knackser und rauschfrei ohne die Höhen kastriert zu haben) als die vielen anderen in schlechter Schellackqualität daherkommenden Editionen.
In jedem Fall wird man beim Anhören dieser Aufnahmen feststellen (müssen): Hier haben die vielen sogenannten "Gitarrengötter" des Rock ihre Riffs und Inspiration her.
Robert Johnson - Crossroads von Peter Guralnick, ISBN: 3-85445-105-9
Manni Hüther, 9.11.2004