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Kopfjäger waren immer so ein Völkchen für sich. Ungeliebt, aber akzeptiert. Verachtet, aber immer wieder beauftragt. Einige mögen bei dem Begriff "Kopfjäger" zuerst an die berüchtigten Amazonasanrainer denken, bei denen die Köpfe der Feinde zur allgemeinen Belustigung ausgenommen, eingekocht und als Partydekoration verwendeten wurden. Nennt sich eine Formation aber Kentucky Headhunters, tendiert die Semantik wohl eher in Richtung der bezahlten Leutejäger, von denen angeblich nur wenige im Wilden Westen ihren Whiskey bei den anderen Gästen an der Bar trinken durften. Oder fällt jemandem etwa spontan dieser Stuntman Colt Severs ein?
Die Kentucky Headhunters sind ernsthaft seit 1989 auf der Jagd und benennen ihr neuntes Album "Big Boss Man". Sie selbst bezeichnen ihre Musik als eine Kreuzung aus Honky Tonk, Blues und Southern Rock, wobei die Musikfans sowohl aus dem Country- als auch aus dem Rock-Lager Gefallen an diesem Hybriden finden sollten. Diesmal war die Belohnung auf Stücke aus der gemeinsamen Vergangenheit ausgesetzt. Auf "Big Boss Man" sind wohlbekannte Songs von Rock- und Country Größen digitalisiert, wie Hank Williams, Don Everly oder dem Beat-Gespann Lennon, McCartney.
Vorneweg: Die Headhunters streichen die Prämien ein und zwar zurecht. Die Interpretationen klingen knackig, sind rockig, oszillieren natürlich auch mal zum Country Style und werden enthusiastisch vorgetragen. Cowboyhut ab!
Einen verdammt guten Job macht die Rhythmustruppe, allen voran die Rhythmusgitarren. Richard Young, Greg Martin und auszugsweise auch Sänger Doug Phleps riffen und grooven mit feiner Verzerrung. Langholzer Anthony Kenney versorgt die Arrangements mit den tiefen Frequenzen und Gregs Bruder Fred bedient eine satte Bassdrum. Aber auch die Percussionarbeit kommt bei ihm nicht zu kurz. Die CD ist übrigens verdammt gut aufgenommen. Die Klassiker begeistern im modernen Rockgewändern.
Die Anspieltipps:
Der Titeltrack ritzt gleich eine Kerbe in den Revolver. Fred Young entsinnt sich den Toms und die Gitarren schnurren den Riff dazu. Die Sologitarre schneidet mit einem kleinen, triolenlastigen Solo durch die Luft. "Big Boss Man" ist ein würdiger Opener für ein gelungenes Album.
Mit einem erdigen Riff haben die Headhunters den "Honkytonk Blues" unterlegt. Er erinnert mich ein wenig an die "The Stealer" Version von Leslie West. Und wie bei fast allen von Doug gesungenen Texten gibt's "Wells" ohne Ende. Die übermütige Jahrmarktatmosphäre des Originals fehlt zwar völlig, aber Hank Williams hätte seinen Song heute vermutlich so aufgenommen, wie er sich jetzt von den Kentucky Headhunters anhört. Oder wenigstens so ähnlich.
Mit der Hank Williams Interpretation von "Take These Chains From My Heart" haben wir bei uns in Grevenbroich noch jede Party gekillt. Auch auf dem Southern Rock Listentreffen 2005 in Burg/Spreewald ließen wir den Song zum Entsetzen so mancher Teilnehmer als Testballon steigen. Einige waren dem nicht gewachsen. Gespielt von den Headhunters wäre die Sache vermutlich anders ausgegangen. Die Musikfans hätten um Auskunft über Band, Song, CD und allem anderen förmlich gebettelt. Das ist fast völlig sicher. Wie es sich gehört, ward am Anfang das kleine Solo. Die Gesangslinie geht eher in Richtung Moll und macht "Take These Chains" zu so etwas wie einem "Sad Song". Lauscht ruhig mal auf die Fill-Ins der Leadgitarre.
Ein richtiger, fetziger Rock and Roll beendet den Ausflug des "Big Boss Man". "I'm Down" ist gut zu erkennen und wird von den Kentucky Headhunters aufgewertet. Sie packen nämlich Steine rein und das nicht zu knapp.
Ob Scheunenfest, Grillparty oder Wohnzimmer-Tanzabend. Diese CD wird öfters laufen. Garantiert! Die Kentucky Headhunters laden ein zum Spaß haben. Zu Recht sind Coverversionen nicht jedermanns Sache. Wenn sie aber so inspiriert vorgetragen werden wie auf "Big Boss Man" stellen sie dennoch eine Bereicherung dar. Das auch diese Band nicht aus ihrer Haut kann, beweisen die Credits. Um dem guten patriotischen Ton genüge zu tun, gehen spezielle Grüße an den lieben Gott, an das Heimatland und an die Truppen zuhause und im Feld. Ob sich das abgedruckte Chuck Berry- Zitat: "We're so glad to be living in the USA" tatsächlich verkauffördernd auswirkt, bleibt mal dahingestellt.
Als Kopfprämie kassieren die Kentucky Headhunters 7 steckbrieflich ausgesetzte RockTimes-Uhren.
Spielzeit: 43:26, Medium: CD, Sony/ATV Music, 2005
1:Big Boss Man 2:Honkytonk Blues 3:Take These Chains From My Heart 4:Walkin After Midnight 5:Hey Good Lookin'
6:Like A Rolling Stone 7:Chug a'Lug 8:So Sad To see Good Love Go Bad 9:Made In Japan 10: 11:Don't It Make You Wanna Go Home 12:I'm Down
Olli "Wahn" Wirtz, 05.07.2005
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