Kokopelli / Indian Legends
Indian Legends
Verquerer Geschmack war schon immer eine etwas teurere Angelegenheit. Aber manchmal sind die "besonderen" Sachen eben nicht günstiger zu kriegen. Für die 1997 erschienene CD "Indian Legends" von Kokopelli sind zur Zeit lumpige 18,50 E's hinzublättern.
Der für unsere Ohren etwas seltsame Bandname ist gleichzeitig die Bezeichnung für eine Flöte spielende und Glück bringende Sagengestalt der nordamerikanischen Indianer. Womit klar sein dürfte, welche Musik auf der Silberscheibe digital konserviert wurde. Oder etwa nicht?
Auch das Spektrum der indianischen Musikanten ist sehr vielschichtig. Es gibt diesen ominösen Pow-Wow, der sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist. Dann haben sich einige fantasievolle Stammesbrüder ihre Nische in der noch ominöseren "Meditativ-New-Age-Esoterik-Ecke" geschaffen. In den weiten Steppen der nordamerikanischen Prärie erschallt aber auch RockTimes-kompatible Musik aus den Wigwams. Man denke nur an legendäre Indianer-Rock-Bands wie Xit und Indigenous.
Kokopelli gehen einen eigenen Weg. Auf der CD finden sich Anleihen aus allen drei beschriebenen Stilen der Indianermusik. Der Schwerpunkt liegt aber eindeutig auf gut produzierter, modern klingender Rockmusik. Durch die leichten Pow-Wow und Synthie-Facetten bekommen die Songs den rechten "Native-touch". Die Instrumentalisierung beinhaltet alles das, was eine Rock-Band in der Regel so aufbietet, also: E-Gitarren, E-Bass und Schlagzeug. Daneben wird der Synthesizer eingesetzt, um die Klangteppiche zu weben. Dazu kommt dann noch die Indian- Flute und die Hand-Percussion. Zusammen mit Grillengezirpe, typischen Pow-Wow-Gesängen und/oder "Buffalo-like" Percussion, wie man sie sich von Indianertrommeln am Lagerfeuer eben klischeehaft vorstellt, entsteht der native-typische Soundmix.
Anspieltipps:
Das erste Stück "The First Apache" könnte man fast als Ouvertüre bezeichnen. Jedenfalls beinhaltet es bereits alles, was die Musik von Kokopelli ausmacht und fasst zusammen, was einen sonst noch so erwartet. Also alle typischen Indian-Influenzes, eingehüllt in ein modernes Soundgewand.
"Ghost Dancers" ist ein richtiger Hit. Vocalist Billy King intoniert die Strophe mit einer richtigen Rock-Röhre und wird anfangs nur von Indian-Percussion unterstützt. Es gesellen sich Pow-Wow Gesänge dazu und erst dann gleitet der Song über so etwas wie eine Bridge in seine eigentliche Gestalt. Die E-Gitarre brät immer wieder eine Melodie aus dem Hintergrund. Das alleine macht diesen Song schon hörenswert. Der Ref ist schön eingängig und unterstreicht das Hit-Potenzial.
Aufgepasst, ein neues Gespann reitet über das gefährliche Terrain der gemischtgeschlechtlichen Rock-Duos. Gefährlich ist dieser Untergrund deshalb, weil schon viele versucht haben ihn zu bewältigen. Aber nur die Besten haben wirklich das erwünschte Ziel erreicht. Denn es scheitert gnadenlos, wer nicht wirklich gut ist. Also gut, zu Nicks/Petty, Goff/Meat Loaf und Larin/Medlocke gesellen sich mit "Hope For The World" Betsy Miller und Billy King. Was die Beiden da singen ist kaum zu glauben. Rockig/soulig geht es mal abwechselnd, dann wieder zweistimmig zu. Und zwar mit Druck, Volumen und, was die Melodien betrifft, mit grandioser Treffsicherheit.
"Hope For The World" ist ein tragendes, fast schon dramatisches Stück. Es hätte zweifellos das Zeug dazu eine weltweit bekannte Hymne zu werden, ähnlich wie damals "We Are The World " beim Live Aid - nur besser.
Einen instrumentalen Klangteppich a la Lanvall weben die Musiker mit "Sequoyana". Immer wieder spannt die Leadguitar den Melodiebogen, um sich dann mit den Keyboards abzuwechseln. In der zweiten Hälfte des Songs komplettiert die Indian-Flute das Arrangement.
"Buffalo Thunder" macht seinem Namen alle Ehre. Eingangs dominieren die Toms, in Verbindung mit einem verspielten Gitarrenlick und einer sehr satten Bass-Drum. Nach ein paar Zeilen Sprechgesang übernimmt die E-Gitarre das Geschehen, bis sie prompt von einer mehrteiligen Refrainkonstruktion abgelöst wird.
Eine solch breite Keyboardsequenz wie bei "Dance Of The Ghosts" habe ich letztmalig von Klaus Schulze gehört. Aber bald erfolgt ein Tempowechsel und der Song wird peppiger. Nach ungefähr 4,5 Minuten wird die Geschwindigkeit wieder herausgenommen. In der folgenden Passage darf Betsy Miller endlich solo beweisen, was sie drauf hat. Mit New-Age Keyboard Sounds und der Lead-Guitar untermalt, bringt sie den Song zu einem ergreifenden Abschluss. Viel zu kurz die Passage, viel zu kurz!
Auf 16 Seiten bringt es das Booklet. Abgedruckt sind lesbare Infos zu den Songs und nette Native-Arts
Kokopelli bieten gute Rock Musik mit starken nativen Einflüssen. Der Hörer wird aber weder mit zuviel Pow-Wow gestresst, noch mit zuviel sanften "Meditativen New Age" gelangweilt.
Diese CD sollte übrigens ein Pflichtkauf für all jene einfallsreichen Junggesellen da draußen sein, die sich bei den regelmäßigen ATTAC-Treffen langweilen, weil sie dort eigentlich nur flippige Bräute aufreißen wollen. Mit "Indian Legends" im selbstredend akkubetriebenen Discman kann locker ein neuer Angriff gewagt werden!
Spielzeit: 57:48, Medium: CD, Town Music, 1997
1:The First Apache 2:Kokopelli's Dance 3:Ghost Dancers 4:Hope For The World 5:Spirits Of The Earth 6:Sequoyah 7:Legend Of The Wild Pony 8:Anthem 9:Buffalo Thunder 10:The Spirit Of Cochise 11:Dance Of The Ghosts 12:Lullaby
Olli "Wahn" Wirtz, 13.12.2004