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Wenn ein erfolgreicher Künstler seinen Rücktritt von den Bühnen der Welt ankündigt, ist das Interesse daran, ihn noch einmal live zu sehen, besonders groß. So musste auch in Berlin die Werbetrommel nicht allzu sehr gerührt werden, als bekannt wurde, dass Meat Loaf zum letzten Mal die Bretter der O2 World betreten wird. Restlos ausverkauft war die Halle zwar nicht, es taten sich besonders in den oberen Rängen kleine Lücken in den Blöcken auf, aber die Anwesenden haben dafür eine grandiose und extrem emotionale Show gesehen.
Ich mache mich mit leichtem Gepäck auf den Weg in den Bezirk Friedrichshain und nutze dazu die Öffentlichen. Die Anzahl der Presseakkreditierungen und Fotogenehmigungen ist aufgrund der großen Nachfrage sehr begrenzt und deshalb bleibt meine Ausrüstung heute zu Hause. Somit kann ich die Veranstaltung in aller Ruhe im Sitzen genießen, dachte ich zu mindestens. Der Innenraum ist komplett bestuhlt und mein Platz ist in der Mitte des Saales. In der riesigen Halle ist die Bühne optisch fast einen Kilometer entfernt. Was mögen erst die Fans empfinden, die weiter hinter mir platziert sind? Gäbe es nicht die zusätzlichen Leinwände rechts und links, würden viele interessante Details der Show für die meisten Besucher im Verborgenen bleiben. Die Wartezeit bis zur Show sowie die Pause nach dem ersten Akt und den Rückweg verbringe ich mit interessanten Gesprächen mit meiner zufälligen Sitzplatznachbarin.
Als sich um fünf Minuten nach Acht der Saal verdunkelt, werden die Beatles mit "When I'm Sixty-Four" intoniert. Sozusagen als Hinweis darauf, dass in den nächsten Sekunden ein Mann auf der Bühne erscheinen wird, der diese Altersgrenze bereits ebenfalls überschritten hat. Als dann Meat Loaf mit seiner Band im Rampenlicht steht, ist es mit dem gemütlichen Sitzen vorbei. Das gesamte Publikum erhebt sich und wird auch die kommenden zwei Stunden und fünfzig Minuten, abgesehen von der Pause, die Party im Stehen feiern. Kaum erklingt seine Stimme zum Opener "Red Light", werden alle Erinnerungen der letzten dreißig Jahre an ihn und seine Musik wach.
Meat Loaf, alias Marvin Lee Aday galt in seiner Anfangsphase als ein schwieriger Mensch, der aufgrund seiner Körperfülle oft belächelt und deutlich unterschätzt wurde. Wenn er damals schweißtriefend mit zerzausten Haaren und offenem Rüschenhemd über die Bühne rannte, wirkte das, besonders auf Frauen, nicht gerade anziehend. Als er dazu noch in diesem Zustand über seine Duettpartnerinnen herfiel, war das für sein Image auch nicht gerade förderlich. Entweder man mochte diesen übergewichtigen Menschen oder man hasste ihn. Dieser rote Faden zog sich schon seit frühester Kindheit durch sein Leben und verhalf ihm ungewollt zu seinem Spitznamen. Sein verhasster, versoffener Vater kreierte diesen bereits im Alter von zwei Jahren und nannte ihn wegen seiner Fülle Meat. Den vollständigen Namen verpasste ihm sein Football-Trainer, dem er aus Versehen auf den Fuß getreten war. Fortan hieß er nur noch Meat Loaf, zu deutsch Hackbraten. In jungen Jahren ist das die Höchststrafe. Wie soll also ein Jüngling, der sich natürlich auch für das weibliche Geschlecht interessiert, damit umgehen? Er beginnt mit der Musik, lernt zufällig die richtigen Leute kennen und veröffentlicht mit "Bat Out Of Hell" einen Millionseller, der bis heute in der Rangliste der meistverkauften Scheiben auf dem fünften Platzt geführt wird. Als Neuling in diesem Geschäft eine bedeutende Leistung, die erst einmal zu toppen ist.
Sein Abschiedskonzert steht deshalb auch im Zeichen dieser Platte und ist in zwei Akte unterteilt. Akt eins beginnt, wie erwähnt, mit "Red Light" und er greift damit sofort in die Vollen. Im Hintergrund ist eine überdimensionale Videowand montiert, auf der gestochen scharfe Filme ablaufen, die passend zum Song das Thema darstellen. So umgibt er sich beim Opener filmisch mit Damen aus dem Gewerbe und frönt dem Luxusleben. Ein Traum, den sicherlich viele in sich tragen.
Passend zu diesem dargestellten, besseren Leben, steht er in schwarzen Anzug und mit schwarzem Hemd vor dem Publikum und gibt eine sehr angenehme Erscheinung.
Das erste Highlight ist "Dead Ringer For Love", ebenfalls einer seiner großen Hits, der als dritter Song aufgeführt wird. Leider ist das der einzige Höhepunkt im ersten Akt. Die weiteren Songs sind zwar alle sehr gut, zünden aber beim Publikum noch nicht so richtig. Vielleicht sind viele, so wie ich, durch die Film- und Bilderflut auf den drei Leinwänden abgelenkt und vergessen einfach, sich auf die Musiker zu konzentrieren. Alles läuft wie im Kino ab und da Meat Loaf, bis auf eine kurze Begrüßung, keinerlei Ansagen macht, bleibt die Stimmung vorerst zurückhaltend. Ich versuche aber dennoch, ihn und seine Begleiter im Auge zu behalten. Dabei wird mir deutlich bewusst, wie schlecht er aussieht. Eigentlich gehört er in diesem Zustand ins Bett und nicht auf die Bühne vor zehntausend Menschen. Seine Ankündigung, die Musikerkarriere aufgrund seines Gesundheitszustandes zu beenden, wird klar ersichtlich und völlig verständlich. Vor kurzen wurde ihm links ein künstliches Kniegelenk implantiert und er hat extrem damit zu kämpfen. Humpelnd bewegt er sich von links nach rechts, die Treppen zu den Podesten vermeidet er gänzlich und beim Singen stützt er sich entweder auf den Mikrofonständer oder benutzt einen der drei Barhocker. Er muss höllische Schmerzen haben, scheint diese aber zu verdrängen so weit es ihm möglich ist. Die Pause nach fünfzig Minuten ist für ihn also unerlässlich. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, öfter selbst zur Gitarre zu greifen, um seine beiden hervorragenden Gitarristen mit einigen Akkorden zu unterstützen.
Nach der kurzen Pause folgt der Akt auf den alle warten. Meat Loaf singt und spielt sein Album "Bat Out Of Hell" in voller Länge. Die einzelnen Songs werden dabei theatralisch ausgedehnt und laufen bis zu zwanzig Minuten. Auf der Leinwand werden Einspieler über die Entstehung der Stücke gezeigt. Wichtige Mitwirkende, wie Songschreiber Jim Steinmann, Produzent Todd Rundgren und die damalige Duettpartnerin Ellen Foley kommen zu Wort. Alles ist perfekt ins Deutsche übersetzt und wird über die Anlage ausgestrahlt. Die Fans müssen keine Untertitel lesen und bekommen somit enorm viel Hintergrundinformationen. Zudem werden einige Songs mit überdimensionalen, aufblasbaren Figuren - wie einer gigantischen Fledermaus - geschmückt.
Das Publikum ist gefangen und Meat Loaf wächst trotz Bewegungseinschränkungen weit über sich hinaus. Song für Song wird die Show emotionaler. Er bedankt sich mehrmals für seinen Erfolg, den er nur durch seine Fans erreicht hat und huldigt diese in den höchsten Tönen. Dabei bringt er sehr viele Menschen im Saal an den Rand ihrer Fassung und ich kann beobachten, wie sie sich die feuchten Augen trocknen. Ich gebe zu, wie ich ihn zusammengekauert auf dem Hocker sehe, er mit stark zitternder Hand das Mikrofon hält, sich für sein Leiden entschuldigt und sich immer wieder bedankt, rührt es auch mich zu Tränen und ich ringe mit mir selbst. Wenn ich dreißig Jahre zurückdenke, als ich ihn das erste Mal in Nürnberg auf einem Festival gesehen habe, und mir er und seine Musik nicht sehr angenehm waren, denn ich hatte damals auf Grund seines Äußeren eine ebenso abweisende Haltung, so kann ich nun nur noch meinen Hut vor diesem großen Künstler ziehen.
"Bat Out Of Hell" endet unter tosendem Applaus und Meat Loaf geht für einen kurzen Kleidungswechsel hinter die Bühne. Ohne sich lange bitten zu lassen erscheinen er und die Band sowie seine grandiose Duettpartnerin Patti Russo zum Zugabenblock, bestehend aus dem phänomenalen "I'd Do Anything For Love" sowie "Boneyard" und "Free Bird". Noch einmal gibt er alles und spielt uns sogar den Blues-Rocker. Erneut verausgabt er sich total. Schweißtriefend, zerzaust und mit offenem heraushängenden Hemd - ganz wie damals - verabschiedet sich der 'Batman der Musik' und fliegt ein letztes Mal von der Bühne in den sternenklaren Berliner Nachthimmel.
Es war ein grandioser Abend mit sehr vielen Emotionen. Meat Loaf wird der Musikwelt fehlen, aber da bei ihm die Vernunft gesiegt hat und seine Gesundheit endlich für ihn wichtig ist, soll er bitte den Rest seines Lebens so genießen, wie er es sich wünscht und es verdient hat. Die nächste OP ist nämlich bereits angekündigt, denn das andere Knie macht auch nicht mehr mit.
Vielen Dank an Janine Lerch für die Akkreditierung.
Line-up:
Meat Loaf (vocals, guitar)
Patti Russo (vocals)
Paul Crook (guitar)
Randy Flowers (guitar)
Dan Miranda (bass)
David Luther (keyboards, saxophone, backing vocals)
Justin Avery (piano, keyboards, backing vocals)
John Miceli (drums)
Setlist:
01:Red Light
02:Life Is A LemonAnd I Want My Money Back
03:Dead Ringer For Love
04:Break It
05:Los Angeloser
06:The Giving Tree
07:Palome
08:Objects
09:Fryin' Pan
Pause 15 Minuten
10:Bat Out Of Hell
11:You Took The Words Right Out Of My Mouth
12:Heaven Can Wait
13:All Revved Up With No Place To Go
14:Two Out Of Three Ain't Bad
15:Paradise By The Dashboard Light
16:For Crying Out Loud
Encore:
17:I'd Do Anything For Love
18:Boneyard
19:Free Bird
Externe Links:
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