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Wieder haben wir es mit Schweden zu tun. Sie nennen sich Nightvision und beschreiben ihre Musik als einen Mix aus Pink Cream 69, Ozzy Osbourne und Magnum. Aha! Nicht sonderlich aussagekräftig das alles. Aber es vermittelt doch eine Ahnung davon, welcher Art von Schweiß dem Zuhörer durch seine Nachtvisionen auf die Stirn getrieben wird. Angstschweiß ist es sicherlich nicht. Eher ein Schweiß, verursacht durch leichte Fieberschübe in der Akutphase eines quälenden Entscheidungsnotstands. Warum? Weil bei Nightvision alles zusammen kommt und teilweise verschiedenste Eindrücke hinterlässt. Einige fast banale Lutschersongs wechseln sich mit wahren Krachern ab, die eigentlich nur während eines Anflugs von Genialität entstanden sein können. Mache viel zu schwülstige und überbetonte Keyboardpassagen werden plötzlich von brachialen Hard/Heavy Riffs durchs Arrangement gejagt und letztendlich erbarmungslos erlegt. Ihr merkt schon, das alles macht die CD durchaus interessant.
Nightvisions Debütalbum ist im Moment übrigens noch unbetitelt. Ein Blick auf die Songliste lädt spontan zum mitraten ein. Wird das Album nach einem Track benannt und wenn ja nach welchem? Zu präferieren wäre wohl so was wie "Time Is Runnig Out" oder viel besser noch "Soldier Of A Dark Land". Vielleicht sind die Jungs gar ein wenig durchgeknallt und bringen die CD unter dem Slogan heraus, dessen Worte jetzt noch die Plattenhülle verzieren: "For Promotion Only" ist doch auch mal ein cooler und vor allen respektloser Name.
Beeinflussen hat sich die Band lassen durch Typen wie Ray Gillan, Zakk Wylde, John Bonham und John Lord. Das sind nicht gerade unbekannte Namen. Sie verpflichten schon. Aber es ist schön zu lesen, dass auch mal Trommler und Keyboarder in der Beeinflussungsliste auftauchen.
Richtig klasse bedient Stefan Fjellner seine Gitarren. Er hat starke Riffs drauf und frickelt durchaus beeindruckende Soli über die Tonabnehmer. Aber auch bei langsamen, melodischen Passagen liegt er gut im Griffbrett. Zwiespältig ist die Arbeit von Tastenmann Mårten Sandén zu beurteilen. Teilweise übertreibt er mit allzu schmierigen Sounds. Dann wieder ist er mitten am Song oder liefert sich spritzige Duelle mit Stefan Fjellner.
Wer sich auf Ray Gillan bezieht, darf natürlich niemals klingen wie eine offene Hose. Das beherzigt auch Sänger Peter Högberg. Er singt eigenständig, aber nicht einzigartig. Er verpasst den Songs brauchbare Gesangslinien, aber er erfindet den Kehlkopf natürlich nicht neu. Peter ist ein solider Handwerker, der das ganze Spektrum an Stimmfrequenzen spielend beherrscht, welches die Komposition verlangt. Besonders, wenn die Band mit Backingvocals arbeitet, wird's richtiggehend cool.
Ruhig mal reinhören könntet ihr beispielsweise in diese Songs:
"Silent Cry" zeigt Nightvision in Höchstform. Der Riff ist verdammt gefährlich und die Keyboarduntermalung spannungssteigernd. Die Soloarbeit der Gitarre passt haargenau. Das Stück ist ein richtiger Knaller. Auf diesem Niveau brauchen die Schweden keine Vergleiche zu scheuen.
"Break The Chain" schmettert fast in die gleiche Kerbe. Es ist nicht ganz so schwer wie "Silent Cry" gleicht dieses aber durch die eingängige Struktur wieder aus. Warum Peter Hörberg den seligen Ray Gillan zu seinen Faves zählt, zeigt er schon in der Anfangsphase des Songs.
Zuerst bitte nicht reinhören in "Fight" und "Hard To Let You Go" Das Erstere ist ein doch ziemlich lutschender Rocksong ohne so ziemlich alles und das Zweite die obligatorische, erzwungene Ballade. Warum nur werden solche Nummern immer wieder auf Teufel komm raus digitalisiert? Wohl nur in der Hoffnung, dass irgendein Radio DJ, der seinen Kummer gerade in Jägermeister ertränkt, den Track die ganze Nacht immer wieder spielt und der Band so zu einem Superhit verhilft. Nichts gegen Balladen, aber wenn man nun mal keine wirklich gute auf Lager hat, sollte man sich keine herbeipfuschen.
Nightvision sind richtig stark, wenn sie es ordentlich krachen lassen. Leider hatten sie auf dem Album "X" nicht immer Lust dazu. Daher müssen sie sich mit trotzdem überdurchschnittlichen 7 RockTimes Uhren zufrieden geben.
Spielzeit: 58:50, Medium: CD, MTM, 2005
1: Before The Storm 2: Fight 3: Soldier Of A Dark Land 4: Silent Cry 5:D ragonfire6:Thin Line Between Love And Hate 7: Stand Tall 8: Hard To Let You Go 9: Break The Chain 10: The Last Time 11: Time Is Running Out 12. The End
Ella Wirtz, 20.07.2005
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