Im zarten Alter von achtzehn Jahren bin ich mehr zufällig auf den ungarischen Exportschlager Omega gestoßen. Damals waren die LPs "Time Robber" und "The Hall Of Floaters In The Sky" in den einschlägigen Hard Rock-Musikschuppen angesagt. Die Single "Never Feel Shame" überzeugte mit geradlinigem Rock und brachte mich dazu, mir die beiden Scheiben zuzulegen. Heute, Jahrzehnte später, feiert die Band um Sänger János Kóbor ihr 50-jähriges Jubiläum. Wer hätte das damals gedacht. Immerhin kommt die Band aus einem Land, das mit diktatorischer Hand regiert wurde und dem Quintett viele Steine in den Weg geworfen hat. Umso erstaunlicher ist es auch, dass die Truppe immerhin seit 1971 in der gleichen Besetzung existiert und vor Spielfreude nur so strotzt.
Mit dieser Energie geht die Band auf ausgedehnte Europa-Tour und präsentiert ihre größten Hits mit Unterstützung eines Symphonieorchesters. Während der Konzerte wird das 2010er Album "Rhapsody" in voller Länge performt, sowie natürlich viele Überraschungen aus den vergangenen fünfzig Jahren. Gleichzeitig erscheint Mitte April ein Doppel-Live-Album mit dem Titel "Greatest Performances". Darauf enthalten sind sechsundzwanzig Mitschnitte von Stadion-Konzerten der vergangenen zehn Jahre, bei denen bewusst der Jubel der Fans zurückgehalten wurde, um einen, laut Aussage von János, Studiocharakter zu erhalten. Dem kann ich nicht zustimmen, denn die Applaus-Einspielungen sind genau in der richtigen Länge um einen wunderbaren Live-Charakter zu vermitteln. Vor mir liegt nun dieses umfangreiche Werk und ich tue mich gerade schwer damit, mich durch die Liste der Titel zu beißen, die in Originalsprache gedruckt sind. Deswegen bitte ich auch die Leser um Verzeihung, dass ich nicht alle Titel anführe, da das Schreiben ebenso kompliziert ist, wie das Lesen. Vorweg kann ich schon nach der Hörprobe sagen: das Album ist top und verdient es erworben zu werden. Natürlich wird in Ungarisch gesungen, aber dem Hörgenuss tut das nicht den geringsten Abbruch, da die Musik einfach klasse ist. Wie ich mich auf das Konzert in Berlin im August freue, muss ich wohl nicht extra betonen.
Beide CDs sind in grundsätzliche musikalische Richtungen aufgeteilt. CD Nummer eins spiegelt den geradlinigen Rock wieder. Ab und zu mal von der Hammondorgel oder dem Synthesizer aufgepeppt, sind Gitarren die tragenden Instrumente. Auf CD zwei ist es genau umgekehrt. Viel Synthie und Hammond, dafür wird an den Gitarrensoli gespart. Da das Repertoire der Band von sehr ruhig bis brachial hart reicht, kann mit diesem Live-Doppelpack alles abgedeckt werden, was sich der Hard Rock-Fan wünscht. Auf der ersten Silberscheibe werden die Songs recht kurz gehalten. Eigentlich unüblich für Konzertmitschnitte. Dafür finden sich vierzehn Tracks darauf, die von schnell und treibend, bis zur ruhigen Ballade oder einem Instrumental alles bieten. Durch den Klang der Hammondorgel erinnert mancher Song in kleinen Abschnitten an die guten Alten
Deep Purple. Bis zum fünften Stück geht dabei auch völlig die Post ab. Anschließend gönnt sich die Band eine kleine Auszeit und spielt einige ruhigere Stücke und Balladen. Zwischen zwei extrem kurzen Instrumental-Einspielungen versteckt sich sogar mit "Hazafelé" ein kleiner Blues. Das Drumsolo beim Start von "Van Aki Nyugtalan" läutet die längeren Stücke ein und der Hörer tut gut daran, CD Nummer zwei bereit zu halten, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten.
Darauf geht es im Wechsel sehr schnell und sehr ruhig zur Sache. Tasteninstrumente in jeglicher Form geben wie bereits angemerkt den Ton an, wobei es zum Anfang nicht so erscheint. Gerade "Gammapolis" besticht mit einem herausragenden Gitarrensolo, bevor die Saitenbretter erst einmal Pause haben. Trotz der vielen Synthesizer-Stücke gönnt sich die Band in der Mitte der CD nochmals ein Instrumental, dass ausschließlich aus Elektronik besteht. Gegen Ende der Scheibe wird es noch einmal Interessant. Höre ich richtig, oder ist "Petróleumlámpa" ein Country-Song? Zumindest freue ich mich, diesen Titel fehlerfrei lesen und sprechen zu können. Was sich die Band allerdings dabei gedacht hat, wissen nur sie selbst.
Zum Abschluss kommt noch einmal einer ihrer größten Hits auf die Bühne: "Gyöngyhaju Lany", was so viel wie "Das Mädchen mit den Perlen im Haar" bedeutet. Mit diesem Song schaffte die Band 1970 ihren Durchbruch. Für
Frank Schöbel (DDR-Schlagersänger) wird dieser Song in deutscher Version als "Schreib es mir in den Sand" ein Hit und selbst den
Scorpions dient die Nummer als Vorlage für ihren Erfolg "White Dove". Selbstverständlich feiern die Fans im Stadion diesen Gassenhauer ausgiebig, und der Applaus klingt noch lange nach, als
Omega bestimmt schon unter der Dusche stehen.
Fazit dieser Doppel-CD: Ein hervorragendes Live-Album, dass das bisherige Schaffen der Band widerspiegelt, und somit auf eine schöne Jubiläumstour einstimmt, und Hoffnung gibt, dass
Omega die
Rolling Stones überdauern werden.