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Als Rezensent eines Online-Magazins und eines Mailorders gleichzeitig, konsumiert man Musik konform der Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft, mittlerweile fast nonstop.
Die Veröffentlichungstermine und die schier unfassbare Flut an Neuveröffentlichungen aus allen Bereichen lassen außer auf der Arbeit, bei der Nachtruhe und vielleicht noch beim Vollzug der ehelichen Pflichten, kaum noch Zeit zum Durchatmen, geschweige denn die Muße, sich mit dem einen oder anderen Werk aus der Vergangenheit zu beschäftigen. Das zu erkundende Geleistete wird kurzweilig intensiv durchgehört, und man fragt sich schon unmittelbar nach Ende des Reviews, wann dieses Teil überhaupt mal wieder in einem der mittlerweile zahlreich angeschafften CD-Player landen wird, selbst wenn es von herausragender Qualität beschaffen war.
Gar nicht zu reden von den LPs. Früher der ganze Stolz eines Rockmusikfreundes, heute verstauben sie auf dem Boden in der Ecke meines Arbeitszimmers, und sind von meiner Frau als interessante Ablagefläche für die Wäschekörbe mit den zu bügelnden Anziehsachen
geortet worden.
Plötzlich flattert eine Live-CD von Poco ins Haus, mit Song-Material, das im Jahre 1977 aufgenommen wurde. Komisches Gefühl angesichts des gerade beschriebenen Sachverhaltes! Poco, eine Band, die ich Mitte der 70er bis Mitte der 80er, dank ihrer Verwurzelung mit dem Country, relativ gerne gehört habe, also in der Blütezeit der Westcoast-Ära. The Eagles, Nitty Gritty Dirt Band, Dirt Band, Souther, Hilllman & Furay, die Richie Furay Band, Firefall und natürlich auch Poco-LPs, sechs an der Zahl, fallen mir nach dem Wegräumen besagter Wäschekörbe wieder ins Auge. Ach ja, "Rose Of Cimarron" war die erste, die ich mir damals zulegte, es folgten ihr Debüt, "Ghost Town", "Blue And Grey", "Cowboys And Englishmen" und "Legacy", die mir die einstmalige D-Mark aus der Tasche lockten.
Interessanterweise enthüllen die von John H. Thaler zur CD erstellten Credits, dass "Rose Of Cimarron", die Scheibe, die ich schon immer als Poco's erfolgreichste empfunden habe, eher ein Verkaufsflop gewesen ist. Die Band hatte zum Album die Plattenfirma gewechselt und das Altlabel 'Epic' hatte gleichzeitig "Poco-Live" mit großem Erfolg ins Rennen geschickt.
Das jetzt veröffentlichte Material fiel genau diesem Konflikt zum Opfer. Die Band wollte wieder ein Live-Werk rausbringen, dass jedoch Songs ihrer Wahl enthalten sollte und nicht ein Konzeptalbum der Plattenfirma darstellen sollte. Da 'MCA' allerdings eine erneute Kollision mit dem erfolgreich zur Tour angelaufenen "Indian-Summer"-Album befürchtete, landeten die Aufnahmen bis zum heutigen Tage im Archiv.
Und man staunt nicht schlecht, wenn die knapp 63 Minuten Spielzeit verstrichen sind. Ein sehr variables Werk haben da die Herren Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmidt (der übrigens kurz danach zu den Eagles wechselte) und George Grantham hingezaubert: Westcoast mit den typisch perfektionistisch gestalteten Harmoniegesängen, Rock, Country, Bluegrass und sogar Blues- sowie Southern-Rock-Elementen. Cotton's und Schmidt's dünne, helle Stimmen, werden von einem Drumming Grantham's, dass durch Mark und Bein geht, sowie grandiosem Spiel des Multiinstrumentalisten Rusty Young, (in der Regel Steel, Banjo u. Mandoline) sowie ihren eigenen druckvollen Bass- und Gitarrenläufen getragen.
Herausragend aus meiner Sicht das sechs Minuten währende J. J.-Cale-Cover "Magnolia", mit einem tollen, langgezogenen E-Solo, die super-relaxte Ballade "Indian Summer", die von den Eagles nicht besser hätte gemacht werden können, und das furiose 10-Minuten-Stück "The Dance", das mit Southern-Flair der Marke Outlaws beginnt, sich durch Bläsereinsätze zur Bluesnummer entwickelt, um dann in einem bombastischem, orchestralem, streicherlastigem Finish zu enden. "Hoe Down / Slow Poke", eine Mischung aus Country-Gute-Laune-Nummer und Bluegrass-Instrumental-Polka, wird von einem frenetisch umjubelten Gastauftritt des Gründungsmitgliedes Richie Furay begleitet. Der Klassiker "Rose Of Cimarron" (abgesehen vom Gesang mit gitarrentechnisch frappierender Ähnlichkeit zur Marshall Tucker Band) beschließt ein sehr abwechslungsreiches, und dank heutiger Technik recht gut abgemischtes Live-Werk mit viel nostalgischem Charme.
Und eine Thematik wäre ohne Poco's "The Last Roundup" vor lauter 'Rezensiererei' fast von mir verdrängt worden:
Mensch Daniel, du musst dir mal wieder Zeit nehmen, deine Wäsche zu bügeln...
Spielzeit: 62:56, Medium: CD, Futuredge Music Entertainment, 2005
1:Living In The Band 2:Dallas 3:Magnolia 4:Honky Tonk Downstairs 5:P.N.S. (When You Come Around) 6:Sagebrush Serenade 7:Indian Summer 8:Too Many Nights Too Long 9:Starin' At The Sky 10:Twenty Years 11:The Dance 12:Keep On Tryin' 13:Hoe Down/Slow Poke 14:Rose Of Cimarron
Daniel Daus, 27.05.2005
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