Auch eine Generation nach dem Fall der Mauer kann man immer noch die positiven Auswirkungen der Musikkultur der DDR beobachten. Nur bestens ausgebildete Musiker bekamen eine Lizenz zur Ausübung ihres Berufes. Dies mag man zwar durchaus kritisch beäugen, aber der 'Qualität' der künstlerischen Darbietungen hat dieser Umstand garantiert nicht geschadet. Den Ostrockbands merkte man in den Siebzigern und Achtzigern stets den hohen Anspruch an ihren Qualitätsstandard an. Für unsereins, eindeutig westlich geprägte Ohrenbesitzer, klang seinerzeit zwar vieles merkwürdig 'verschraubt', aber gerade aus der Retrospektive wächst die Hochachtung vor den Leistungen mancher Musiker unter diesen schwierigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Polis, eine junge Band von Mitt- und Endzwanzigern aus dem Vogtland, stehen - obwohl eindeutig der Nach-Wende-Generation entsprungen - unmissverständlich in der Tradition von Ostrockern wie Karat, Silly oder der Stern Combo Meißen. Das hört man an den hochklassigen instrumentalen Leistungen ebenso wie an der bild- und metapherreichen, eng mit der Musik verwobenen Betextung.
Mit dem Bandnamen erinnern die fünf aus Plauen (und Umgebung) stammenden Musiker an den Städtebund im antiken Griechenland. Diese Bürgergemeinschaften kann man mit Fug und Recht als Urform der Demokratie bezeichnen. Wenn ich an das Ende der DDR denke, kommen unweigerlich diese 'Runden Tische' ins Zentrum der Reflexionen. Eine völlig neue Form des 'Parlaments', das von uns 'Wessies' mit ungläubigem Staunen begutachtet wurde. Wie schön hätte man diese 'Runden Tische' als Standard für Kommunalpolitik im vereinten Deutschland übernehmen können, wenn... ja, wenn die DDR nicht schlichtweg okkupiert worden wäre. Für 'Direkte Demokratie' blieb da nur wenig Raum...
Polis' Überlegungen dürften sich, nach der Gründung vor knapp vier Jahren, bei der Namensfindung sicherlich in diese Richtung bewegt haben - man darf sie also durchaus als 'politische Band' bezeichnen. Genaueres soll ein Interview mit Sänger Christian Roscher zutage fördern...
Nach dem ersten Album, das 2011 stilecht mit "Eins" betitelt erschien, legt Polis nun mit "Sein" den Nachfolger vor. Wie bereits beim Vorgänger stellten die Aufnahmen eine Gratwanderung zwischen den künstlerischen Ansprüchen und den finanziellen Realitäten dar. Im Saraswati-Studio im polnischen Wolimierz konnte beides unter den berühmten Hut gebracht werden. Trotzdem drohte das Projekt noch auf der Zielgeraden zu scheitern. Das Finanzierungsproblem löste der Mäzen der Band, Felix Albus (sinnigerweise lateinisch für 'glückliches Geld'), indem er sich kurzerhand (eher zufällig) bei einem internationalen Poker-Turnier anmeldete und einen riesigen Batzen Schotter gewann. [Gar wundersam sind die Wege des Herrn... ;-)]
Und tatsächlich glaubt man zu hören, dass an den künstlerischen Ambitionen garantiert nicht gespart wurde. Pianist Marius Leicht bekam im Studio seinen Konzertflügel, der sich im Bandgefüge ebenso großartig wie eine nahezu fünfzigjährige 'Hammond-Dame' macht. Die Produktion klingt geschliffen, ohne dass den Songs die Seele 'herauspoliert' worden wäre. Alle Musiker beherrschen ihr Handwerk vortrefflich. Neben dem bereits genannten Keyboarder sind dies die einfühlsam-filigran agierende Rhythmusfraktion, bestehend aus Andreas Sittig und Sascha Bormann, sowie der hervorragende Gitarrist Christoph Kästner.
Christian Roschers Gesangsphrasierungen erinnern - obwohl sehr viel melodischer - in ihrem leicht brüchigen Timbre ein wenig an unseren hochverehrten König von Deutschland. Besonders schön hört man dies in "10.000 Jahre", von dem ein zauberhafter Livemitschnitt von einem Konzert mit dem Chor des Plauener Diesterweg-Gymnasiums, am 6. Juli 2012 in der dortigen Erlöserkirche mitgeschnitten, existiert.
Zur Charakterisierung der musikalischen Kompositionen von "Sein" könnte man jetzt problemlos die üblichen Verdächtigen der (britischen) Progressive Rock-Szene bemühen. Doch das wäre eindeutig zu simpel, denn Polis klingt einfach zu eigenständig, zu 'deutsch'. Genau, die Band ist dem guten alten Krautrock sehr viel näher als den wohlbekannten Prog-Titanen. Vor allem die anspruchsvollen Arrangements in Verbindung mit überaus lyrischen Texten und die Verliebtheit ins Detail rücken Polis eher in die Nähe von großartigen Deutschrockbands wie Novalis oder Anyone's Daughter.
Zwei eng verflochtene Versionen des Titelsongs leiten in das Album... und wieder hinaus - der epischen Einleitung folgen ganz große Gesten und mächtige 'Schlussakkorde', die dann doch schon ein wenig an The Great Gig In The Sky erinnern. Polis mäandert dazwischen zwischen härteren ("Flüstern" und vor allem das sehr jammige "Blumenkraft") und melodisch-stillen Stücken wie "Zwei Frauen & ein Mann" oder "Kraft durch Liebe". Ich - als Freund von Hammondklängen bekannt - schmelze vor allem bei "Danke" wie Schnee in der Frühlingssonne dahin...
Kurz und gut: "Sein" garantiert knapp fünfzig Minuten hochmusikalische und -intelligente Kost für Hirn und Seele gleichermaßen - wundervoll geschrieben, spektakulär-berauschend ausgestaltet, ganz exquisit gespielt!
Freunde ästhetischer Klänge und poetischer Lyrik sollten mit Polis' zweitem Album auf ihre Kosten kommen... vielleicht ergründen sie dabei - so ganz en passant - den Weg zum "Sein".
Line-up:
Christian Roscher (Gesänge)
Christoph Kästner (Gitarren)
Marius Leicht (Tasten)
Andreas Sittig (Bässe)
Sascha Bormann (Schlagzeug)
| Tracklist |
01:Sein I (7:49)
02:Flüstern (3:25)
03:Zwei Frauen & ein Mann (3:27)
04:Blumenkraft (9:43)
05:Danke (7:39)
06:Kraft durch Liebe (4:06)
07:10.000 Jahre (7:04)
08:Sein II (5:43)
|
|
Externe Links:
|