Psymbience / Is
Is
Man soll sich bekanntlich nicht vom Äußeren verleiten lassen, denn dann würden einem Köstlichkeiten wie Pfälzer Saumagen, Kartoffelgulasch oder der feine Drachenkopf verwehrt bleiben. Der erste Eindruck, den das Cover und auch Tracknamen wie "Psymbiology", "Gihon" und "Atonement" vermitteln, lassen zumindest ahnen, dass hier keine Double-Leads, kein Blues-Rock und keine feinen Backings des Hörers Ohr erfreuen.
Religion, Düsternis, Apokalypse... kommt mir in den Sinn und ich liege damit gar nicht mal verkehrt. Apropos "erster Eindruck": Das kann man eh vergessen, denn dieser Scheibe muss man mehrere Hördurchgänge spendieren, da sie ansonsten beim 'normalen' Konsumenten zusammen mit der Lederhaut des Drachenkopfes zum Entsorgen in die Gihon-Quelle wandern würde.
Zu schräg, zu wirr, zu zeitaufwändig die Suche nach einem Fitzelchen des roten Fadens. Auch der Begleittext führt zunächst in die Irre: "a strange mix of Pink Floyd, Tool and Primus". Pink Floyd vergessen wir mal gleich. Na gut, ein paar melodische Sequenzen erinnern 'entfernt' an den Dino. Hätte damals der 'Eugene mit der Axt' richtig gewütet... ja dann.
Tool kenne ich zuwenig und Primus gleich gar nicht. Bisschen 'toolisch'? Ja.
Bis Hördurchgang vier ändert sich an der Klassifizierung wenig. Was sich ändert sind Gesichtsausdruck und -farbe meines Gegenübers. Also Kopfhörer auf und in den Musik-Kosmos eintauchen. Kosmos - das trifft es, denn auf "Is" muss man sich von Gewohntem trennen und sich einfach dem Unausweichlichen hingeben. Die Klangstrukturen wirken lassen und den Reiseführern blind in den Musik-Kosmos folgen.
Die Reiseführer, das sind Eric (guitars), C. Revell (vocals, guitars, harmonica), Bobby (drums), Brian (bass) und Allen (keyboard, guitars, samples).
Hörsession fünf unter dem Frisurvernichter:
"Aurora", Göttin der Morgenröte und bitte nicht mit dem gleichnamigen russischen Panzerdeckkreuzer verwechseln. Jazzige Strukturen verschmelzen mit des Sängers (gewöhnungsbedürftiger und leicht an Marian Gold erinnernden) Stimme. Aus dem Hintergund schieben sich leichte Growls ins Geschehen und: Break zu einer melodischen und vor sich hin plätschernden Sequenz, welche wiederum von einer Bluesharpeinlage gescheucht wird.
Wasserplätschern und akustische Gitarre leiten hin zu einem eher ruhigen und fast besinnlichen Tune. Hart angerissene Saiten, zarte bis aufmüpfige Vocals, ein rollender Bass, sägende Gitarreneinlagen und 'proggische' Keys lassen es aber nicht allzu besinnlich werden. Old School Prog-like die Keyboard-Einlagen zu Beginn von "Genesis". Die Nummer ist leicht vertrackt und doch zieht sich das 'Geschehen' wie am (roten) Faden durch die Minuten. Spannende, rollende Tastenklänge, knarrende Basssaiten... Eine aus dem Instrumentendschungel ausbrechende Stimme lässt das Instrumentarium zurückfahren und nach ca. viereinhalb Minuten 'breakt' der Rhythmus. Nur kurz und dann bricht sie wieder aus, die Stimme.
So seicht der Gihon, so kurz die Nummer. Im Prinzip 90 Sekunden Geisterbahn-Geräusche. Im Kontext mit dem vorherigen und dem folgenden Track "Medium", aber absolut stimmig. Fast Yes-mäßig der Beginn. Bis dann ein kollektives 'Geschrei' losbricht. Kinners, das kommt unterm Headphone lecker und ist wie Film kucken. Rhythmus-, Stil- und Tempiwechsel, orientalische Klänge tauchen wie die Schlange aus des Beschwörers Korb auf und ich beschließe, den Stil, der als independent und altenativ angegeben wird, zu ändern. Das ist sicher independent und alternativ sowieso. Aber alles unter dem großen Prog-Mantel. Wenn etwas progressiv ist, dann diese Band und diese Scheibe. Indie Prog, das gefällt mir. Moment, gerade werden die Vocals fordernder - ja bitte, fangt an zu growlen. Das würde prima zu den hart angerissenen Stahlsaiten des Viersaiters passen.
"...ignoring the music industry's boundaries of formulaic authority and marketability", lese ich gerade. Ja, ich sagte es doch: Indie Prog.
Fast zärtlich kuschelt sich "Atonement" aus den Muscheln, doch die Gitarren beginnen bereits zu sägen, die Tastenhiebe werden härter, die Sticks wirbeln übers Fell. Ruhe!
Bass und Keyboard übernehmen und zaubern mit dem dezenten Beckenstreichler eine beinahe gemütliche Stimmung. Bis sich fast geflüsterte, tiefe Vocals hinzugesellen und die Stimmung an beste Horrorfilme (das sind die B-Filme) erinnert. Ich schrieb schon einige Reviews über Bands, die in der Lage sind, mit Musik mehr als nur Musik zu bieten, quasi für 'Filme im Kopf' sorgen können. Psymbience ist auch eine dieser Bands.
Im richtigen Leben dauert die Kommunion (oder ist Verkehr gemeint) länger als "Communion". Im Prinzip handelt es sich lediglich um ein Geräusch welches uns in den Hammertrack "Fifteen" ( mit elfeinhalb Minuten fast 'Kopf-Spielfilmlänge') geleitet. Erst mal etwas wirres Hintasten zu geilen überirdischen Progsphären mit fast schon süßlicher Melodie. Halt, der Bass bricht aus und 'läuft' mit 'tiefen Schritten' davon, bis ihn die Drums eingeholt haben und seinen Weg begleiten. Gebremst wird der Run durch Keyboard und eine Wah-Wah Gitarre. Bis zum Stillstand.
Nun traben Gitarre und Bass von dannen. Wer soll sie aufhalten?
Das schafft eine Donnereinspielung und gruselige Kirchturmglocken. Ich denke, ich stehe auf einem zugewachsenen Friedhof mit verwitterten und windschiefen Grabsteinen und durch den Nebel tönt aus dem Tale die Kirchturmglocke. Die Leichenhalle öffnet sich und eine Horde Zombies an den Wah-Wahs schiebt sich durch den Nebel. Meine Ohren kleben mittlerweile am Kopfhörer...
"Synchronic", quasi der Abspann des gerade 'gehörten' Films, 'zeigt' das bisher 'Gehörte' noch mal wie im Zeitraffer und belohnt uns fürs 'Durchhalten' mit einer astreinen psychedelischen Gitarren-Bass-Keyboard-Sequenz.
Mein lieber Scholli, die 'Reise', die ich gerade hinter mir habe, war nicht der Königstrip des 'Flieg-mit-uns-in-den-Wahnsinn-Platzhirschen', sondern das Debüt-Angebot eines neuen feinen 'Brain-Reisebüros'. Meinen nächsten 'Urlaub' dieser Art will ich dort wieder buchen. Ich bin schon jetzt gespannt und "Fasten your seatbelt!!"


Spielzeit: 63:02, Medium: CD, Psyncopated Arts L.L.C., 2005, Indie Prog
1:Aurora 2:Psymbiology 3:Genesis 4:Gihon 5:Medium 6:Atonement 7:Communion 8:Fifteen 9:Synchronic
Ulli Heiser, 12.06.2006