RPWL
03.09.2005, Reichenbach, Peter-Paul Kirche
PROG @ CHURCH
RPWLEine geradezu andächtige, weihrauchgeschwängerte Atmosphäre beherrschte die Szenerie an jenem denkbaren Samstagabend in der Reichenbacher Peter-Paul-Kirche.
Initiator Uwe Treitinger mit seinem Bergkeller-Team und geistliche Hochwürden persönlich, hatten diesmal ihre eingeschworene Progrock-Gemeinde für ein einmaliges musikalisches Event der besonderen Art unter das barocke Kirchenschiff zusammenkommen lassen, um vielleicht die Absolution bzw. endgültige Läuterung für höchst mentale Genüsse zu empfangen.
Das konnte man sich als musikatmender Homo sapiens natürlich nicht entgehen lassen, zumal die Ausnahmemusiker dieses Konzertabends etwas Einmaliges darbieten wollten. Und sie kamen in Scharen! Das generationsüberschreitende Progpublikum lies sich auch nicht von der nicht gerade einladenden Baustelle im Kirchenumfeld und längeren Fusstrecken abschrecken, um das Gotteshaus bis zum letzten der insgesamt 500 Plätze (ohne die Emporen) auszufüllen.
RPWLDie Rockgruppe RPWL aus dem blauweissen Freising hatte ein besonderes Programm angekündigt, und setzten es dann auch prompt, zur Freude der reiferen Zuschauer, explizit mit einem grandiosen Set livehaftig um.
Die Herren um ihren fantastischen Frontmann Yogi Lang, huldigten völlig unkonventionell ihren Wurzeln " Floyd 'scher Natur" bzw. zelebrierten unprätentiöse und zugleich überzeugende Interpretationen besagter Klang'Götter'.
RPWLMit der Waters/Wright Komposition "Let There Be More Light" tauchten die Protagonisten überraschenderweise gleich in den clusterartig dahinschwebenden Soundkosmos der 68er Pink Floyd-Phase ein, als diese noch mit ihren psychedelischen Beat eine spacige, minimalistische Klangwelt erschufen.
Von Anfang an beeindruckten das schier unglaubliche Zusammenspiel und die hohe Virtuosität des gesamten Klangkörpers, dessen Resultat sicherlich auf eine große Vertrautheit untereinander bzw. jahrelange Zusammenarbeit und Freundschaft zurückführt.
Gleich einer transcendalen Odyssee durch unendliche Weiten menschlicher Wahrnehmungen gestalteten sich die fantastischen Klänge,voller Spiritualität und Emotionen, Lichtjahre von dem entfernt, was uns draußen täglich umgibt, weitweg von all der Hektik, dem Stress und der Angst. Zudem war der Raum so beeindruckend, dass man sich von staunender Betrachtung nur schwer losreißen vermochte.
RPWLDas von Floyd selbst live nie aufgeführte "Remember A Day" und "Set The Controls For The Heart Of The Sun" mit seinen farbigen und dichten Moog-Synthesizer Klängen, durchwoben mit einen einzigen Gitarren-Akkord, (beide im Original auf dem 68er Psychedelic Meilenstein "A Saucerful Of Secrets") bildeten mit den 70er Jahre - Deco Diaprojektionen eine hypnotische Atmosphäre. Zusammen mit der sakralen Kulisse entwickelte diese außergewöhnliche musikalische Inszenierung ihren eigenen Zauber.
RPWLDie Personen vor dem Altar verwandelten sich in wilde Musiker, die allein nur ihre Instrumente warnnahmen .Dabei verzichteten sie auf irgendwelche originellen eigenen Arrangements, sondern setzten völlig auf die Werktreue.
So begeisterten die ziemlich realitätsnahen, langen Strato-Gitarrensoli von Karlheinz Wallner, die mal verzerrt psychedelisch, dann wieder klar und natürlich klangen. Wabernde Orgeln und Synthies erschufen mit ihren wuchtigen Klangwällen eine Mischung aus Minimal-Musik und Bombast à la Richard Wagner meets Pink Floyd.
RPWLDer Sound war stets ausgezeichnet proportioniert (raumbezogene akustische Abstriche außer Acht gelassen); dynamisch wie klanglich gleichermaßen.
Dass RPWL wohl zweifelsohne zu der Creme der deutschen Rockszene gezählt werden muss, bekamen mit Sicherheit einige Konzertbesucher, die die Band noch nicht kannten einmal mehr via Augen und Ohren bestätigt.
RPWLDie Musiker entlockten ihren Instrumenten eine schier unendliche Klangvielfalt bzw. brillierten mit einer Mischung aus technischer Perfektion und signifikanter Ausgewogenheit.
Der charismatische Frontmann und Sänger (der des öffteren auch selbst in die Tasten griff) bestach mit einer sehr ausdrucksstarken, emotional wandelbaren Gesangsakrobatik. Nebst seiner teils pathetisch anmutenden Gestik, beschwor er des öffteren derart beglückende wohlklingende Momente, dass sich das Auditorium mehrmals zu stehenden Ovationen hinreißen ließ. Abgesehen davon gab es leider auch einige renitente Klatscher, die bei ihren oberflächlichen Bekundungen wohl dabei mehr an einen lustigen Stimmungsmusikabend dachten.
RPWLSehr sympathisch wirkte zwischendurch die kurze Ansprache von Yogi, zur ihn sichtlich bewegenden, gesamtdeutschen zwischenmenschlichen Situation. "Er mag eigentlich die Ost-West Diskussionen gar nicht" meinte selbiger "es gäbe aber im Osten eine Geschichte auf die man mit Recht stolz sein kann, und dass ist die von Kirchen ausgehende friedliche Revolution, die letztendlich durch innere Stärke, Demos mit den Drang nach Freiheit, zur endgültigen Beseitigung des DDR-Regimes und der unmenschlichen Mauer geführt hat."
Natürlich sind solche persönlichen Statements in den neuen Bundesländern Balsam für die Seelen, wobei man es in diesem Fall dem Sprecher auch ehrlich abnehmen mochte.
RPWLTrotz Tastenmaterialschlacht und psychedelischer Diskurse fanden die fabelhaften Frühwerke wunderbar jubilierend den direkten Weg zu Ohr und Herz der Anwesenden. Die Protagonisten bewiesen ihre Fähigkeit, Spannungsmomente mit improvisatorischen Abschnitten klug in Szene zu setzen - vorangetrieben wurde das Ganze von der exzellenten Rhythmusgruppe. Das Schlagzeug hatte Drive von der ersten bis zur letzten Minute, und war von unheimlich großen dynamischen Staffelungen gestaltet. Kein Geringerer als Ur-Drummer Phil Paul Rissettio, hatte für diese exorbitante Konzertreihe die Aufgabe kurzzeitig übertragen bekommen und wusste diese dann auch für sich zu nutzen. Leider kamen aber an diesen Abend wie eigentlich angekündigt, keine "Violet District" Stücke, zum Zuge.
RPWLBeim eigentlich sonst poppig-anmutenden Floyd-Covertrack "Cymbaline" (ursprünglich vom 69er Soundtrack "More") ließen die Künstler ihre Parts unter diesen Bedingungen zu überlangen Epen, voll lebendiger Improvisationen anwachsen. So gestalteten sie das Stück - unter Verwendung von musikalischen Teilen aus "Echoes" und "Atom Heart Mother" - zu einem knapp zwanzig minütigen, episch-fragilen Soundhappening.
Das esoterisch, atmosphärische Arrangement lenkte den Höreindruck wissentlich in bestimmte Kanäle.
RPWLNeben dem ausgiebigen Tribut an die legendären Elektro-Rock-Pioniere promoteten die fünf bayerischen Jungs natürlich auch einige songorientierte Eigenkompositionen, deren größter Anteil verständlich beim aktuellen Werk "World Through My Eyes" lagen.
Davon gefiel mir an diesen Abend besonders das traumhaft, lyrische, mit transparenten Gesangsharmonien auf dicken, schwülstigen Keyboardteppichen gebettete "Day On My Pillow" (inklusive einer Yes -Hommage) und ein spannendes "3 Ligths".
Kurzum gaben RPWL ein gutes Zeugnis von moderner, anspruchsvoller Rockmusik germanischer Prägung - auch als würdige 'floydsche' Erbverwalter ab. Die Balance zwischen elektronischen Klängen, rockigen Gitarrensoli und ambientartigen Stimmungen gelang ihnen während der gesamten Performance im höchsten Maße.
RPWLIm zweiten Konzertteil konnten die Akteure überraschend bzw. unerwartet noch einige musikalische Juwelen aus der Floyd-Frühphase offenbaren und sorgten mehrmals für entrückende Momente.
Mit den wunderschönen, folkigen "Grantchester Meadows" (vom unsterblichen "Ummagumma" Doppelwurf) intonierten sie originallgetreu das womöglich majestätischste und genialste Stück, welches die großen Vorbilder je hervorgebracht haben.
RPWLVöllig im Einklang zur Optik bzw. ohne jegliche überdrehten Showeffekte gelang es damit erfolgreich auf wunderbar erwärmender Weise innerhalb der geheiligten Mauern auf Seelenfang zu gehen. Die allgegenwärtige Emotionskurve blieb beim anschließenden "Fat Old Sun" standhaft. Sie beschwörten förmlich die Geister einer schon längst vergessen geglaubten elektrisierenden Orientierungsphase kreativ arbeitender Musikanten, zu denen Pink Floyd und ihr umstrittenes Werk "Atom Heart Mother" zweifelsohne zählt.
Die Schönheit der Melodie ließ den Schimmer des Lichtes an den Heiligenfiguren Ehrfurcht verbreiten. Man konnte und mochte sich der Magie dieser bewegenden Kompositionen und des großartigen Vortrags kaum entziehen.
RPWLDen Schlussakzent des regulären Konzertsets setzte eigentlich schon Traditionsgemäß, "Welcome To The Machine" , dessen ansatzweise Quadrophonie-Soundspielereien die besondere Vielfalt und Klasse dieser Aufführung nochmals unterstreichen konnte. Solch fulminantes Konzert verlangte natürlich nach einer Zugabe, die posthum mit dem von einen breiten Gitarrensound getragenenm dreieiligen Meisterwerk "The Narrow Way" (ursprünglich auf "Ummagumma"), und der ersten Eigenkomposition in dieser Bandkonstellation "Farewell", nochmals für glanzvolle Momente sorgten.
RPWLDas Gotteshaus wurde von einer alles verzerrende Beifallswelle geradezu in seinen Grundmauern erschüttert und bekundete damit wieder irgendwie die kollektiven Charaktere bzw. Verbundenheit in der Progszene, was den besonderen Flair solcher Veranstaltungen mitprägt.
Dem lautstarken Wunsch nach "In The Court Of The Crimson King" wurde danach aber seitens der Band nicht nachgegeben. Stattdessen bedankte diese sich nach rund drei Stunden, mit einer offensichtlich freudig genossenen knackigen Version von "Start The Fire" aus dem aktuellen Album. Nach solchem zeitintensiven und doch kurzweiligen Konzert musste so mancher mit verdächtig glitzernden Augen erst wieder den Boden unter den Füssen erfassen.
RPWLAngesichts diesen vorbildlichen organisatorischen Rahmenbedingungen, einschließlich der prächtigen Lokalität, erlebten die Dabeigewesenen die wohl kribbelndste, authentischste und auch einfühlsamste Prog-Konzertaufführung seit langem. Man kann daher nur hoffen, dass es nach diesem spürbaren Erfolg nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein möge, und irgendwann erneut visuelle Kühe auf immergrünen Weiden den Altar beleben dürfen.
RPWLDie Freisinger Formation bewies wieder einmal mehr, dass sie musikalische Brücken zwischen Post-Prog und klassischen Pop Rock, zwischen Schönheit und Pathos halten, um den Hörer mit dergleichen ins Herz zu treffen. Was hier tickt ist kreativ, jung im Geiste und gleichzeitig zeitlos gut. Wenn man bei dem Potential annimmt, das die sympathischen Musiker ihren Zenit noch nicht überschritten haben, wird da in Zukunft noch einiges auf den geneigten Konsumenten anspruchsvoller Rockmusik zukommen!
Set 1:
1.Let There Be More Light
2.Hole With The Sky
3.Remember A Day
4.Set The Controls For The Heart Of The Sun
5.Cymbaline
6.Spring Of Freedom
7.Crazy Lane
8.Waiting For A Smile

Set 2:
9.Grantchester Meadows
10. Fat Old Sun 11. 3 Lights
12. Biding My Time
13. Day On My Pillow
14. Welcome To The Machine

Encore:
15.The Narrow Way
16.Farewell
17.Start The Fire
Konzert-Tipp: II PROG@CHURCH am 29.04.2006 mit ECHOES - The Music of Pink Floyd (Das Motto ist Programm!) im Bergkeller Reichenbach


RPWL, 03.09.2005, Reichenbach, Peter-Paul Kirche
Ingolf Schmock (Text & Fotos), Karien Vervoort (Fotos), 27.11.2005