Sebastian Sternal Trio
feat. Anne-Marie Jean / Paris
Paris Spielzeit: 46:40
Medium: CD
Label: Stockfisch Records, 2010
Stil: Jazz

Review vom 14.05.2010


Wolfgang Giese
In den Liner Notes spricht der Pianist Sebastian Sternal von Paris als einer Stadt, die ihn seit seiner Kindheit fasziniert. 2007 und 2008 studierte er auch dort.
So hat er dieses Album der Seine-Metropole gewidmet und es auch nach ihr benannt. Der 1983 geborene Musiker spielt seit seinem 6. Lebensjahr Klavier und kann mittlerweile auf Zusammenarbeiten mit u.a. Dee Dee Bridgewater, John Riley und Mike Richmond zurückblicken. Seine Sporen verdiente er sich bei dem verstorbenen Talentförderer Peter Herbolzheimer in dessen einstigem Bundesjazzorchester.
Unterwegs ist er nicht nur in diesem Trioformat, sondern auch in anderen Formationen. Im Spiel des Trios finden sich mannigfaltige Referenzen, nicht nur aus dem Jazz, sondern auch aus Klassik und Folk. Als Einflüsse werden der Pianokollege Brad Mehldau, Miles Davis sowie der klassische Komponist Debussy und der Filmkomponist John Williams genannt.
Seit etwa 7 Jahren besteht diese Formation nun und zusammen mit dem Bassisten Sebastian Klose und dem Schlagzeuger Axel Pape, die beide in Mainz studierten, hat sich im Laufe der Zeit eine traumwandlerische Sicherheit im Spiel und in den Interaktionen der Drei entwickelt. Man spürt diese Geschlossenheit, diese Einheit einerseits in den Themen, und diesem freien Fließen, das dennoch zusammengehalten wird, und in den Improvisationen.
Für diese Platte hat sich auf drei Titeln die studierte Jazzsängerin Anne-Marie Jean hinzugesellt. Ihre klare Stimme gibt der Musik aus meiner Sicht jedoch weniger eine typische Jazzfärbung, und gerade bei "Les Mains D'Elsa" habe ich den Eindruck, das könnte auch ein Track sein, der im Umfeld von Carla Bley und ihren früheren experimentellen Nummern zu suchen ist. Da swingt es gar nicht, da wird einfach eine 'Stimmung' erzeugt, verklärt, fast schon kühl und dezent emotionslos (laut Booklet handelt es sich bei diesem Song um die Vertonung eines Gedichtes von Louis Aragon), bis sich nahtlos "Paname" anreiht, das in der Atmosphäre an die Zeit der jüngsten Klaviertrios von Keith Jarrett erinnert. Aber auch hier scheint eine offensichtliche Liebe zur klassischen Musik durch, die die 'Jarrett'sche Stimmung' dann wieder durch feine Einstreuungen unterbricht.
Jeder der sechs Titel scheint für den Pianisten eine besondere Bedeutung zu haben - er gibt zu jedem Stück entsprechende Erläuterungen. So ist das Gefühl von 'Sehnsucht und Aufbruchstimmung', die in den Zeilen eines Gedichtes von Henri Michaux steckt, vielleicht dem Gefühl vergleichbar, das ich bei meiner Ankunft in Paris hatte. Doch, man kann sich auf diese Empfindungen einlassen und sie dann auch nachempfinden bei "Caravelle".
"Custine" ist der längste Track und hat eine sehr experimentelle Einleitung, die absolut nicht den Mustern traditioneller Jazzformen entspricht. Jean haucht ihrenText, von diversen Geräuschen der Instrumente begleitet, ihre Stimme wird bald schon zum Instrument … bislang das in herkömmlichem Sinne strukturloseste Stück, mir fällt da spontan "Afternoon Of A Georgia Faun" des Free Jazzers Marion Brown ein - eine Atmosphäre, die teilweise sehr ähnlich ist. Plötzlich Trommelklänge zu gesprochenen Worten und gedehnten Wortfetzen, das atmet den Geist von Avantgarde, der eindeutig ungewöhnlichste Titel der Platte.
Dann ist mit "Les Adieux" auch schon Schluss : Einige romantische Pianoklänge zum Abschied, der ein wenig traurig klingt. Der akzentuiert gespielte Bass wird durch die gestrichenen Schlagzeugbesen sanft unterstützt, das Klavier scheint gedankenverloren.
Fazit: Musik eines nicht gerade typischen Jazz-Piano-Trios, keine Anklänge an das, was man von Leuten wie Art Tatum, Oscar Peterson und anderen Größen des Jazz kennt. Diese Musik hat einen sehr 'europäischen Charakter', auf dem ECM-Label würden die Musiker mit ihrer Art, den Jazz zu improvisieren und zu interpretieren eine gute Heimstatt finden können.
Dieses wird durch die Sängerin auch noch unterstützt, die bei mir nicht unbedingt ein typisches Jazzfeeling auslöst, das spezielle Feeling hierfür fehlt Anne Marie Jean, ohne ihre Leistung als mitgestaltende Sängerin schmälern zu wollen. Auf "Paris" entführt sie uns mit ihrer Stimme eher in eine träumerische Märchenstimmung, vielleicht in das märchenhafte Paris mit all' seinen Facetten des Lebens?

Die CD ist übrigens als Hybrid-CD erschienen, Super Audio-Format, mit vorbildlichem und räumlichem Klang, erstklassig!
Line-up:
Sebastian Sternal (piano)
Sebastian Klose (upright bass)
Axel Pape (drums, percussion)
Anne-Marie Jean (vocal - #1, 3, 6)
Tracklist
01:Place Dauphine (Sternal, Jean) 7:36
02:Prélude (Sternal) 3:50
03:Les Mains D'Elsa (Sternal, Aragon) 4:53
04:Paname (Sternal) 7:35
05:Caravelle (Sternal) 7:32
06:Custine (Sternal) 9:51
07:Les Adieux (Sternal) 5:17
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