Tea Party / Seven Circles
Seven Circles
Das ist mal eine Tea Party. Wer hätte gedacht, dass es bei einer so biederen sozialen Interaktion dermaßen robust, heftig, erdig und kraftvoll zugehen kann. Im besten Teil Amerikas, also im Land des Murmeltieres, des Ahornblattes und des Sasquatches, werden zu einer Tee-Party offensichtlich ungeniert Vitalstoffe und enthemmende Drogen gereicht. Ansonsten ist diese dammbrechende Dynamik kaum zu erklären.
The Tea Party kommen mit ihrem siebenten Album aus dem Grizzly-durchtriebenen kanadischen Wald. Es trägt den Titel "Seven Circles". Damit wird auf die geozentrische Himmelsmechanik Claudius Ptolemäus angespielt, der das Universum in sieben starre Sphären aufteilte und damit gründlich daneben lag. Er dachte übrigens auch bereits über ein heliozentrisches Weltbild nach. Allerdings verwarf er diese Idee kurzerhand wieder, weil ihm die dabei auftretende heftige Rotation der Erde nicht in den Kram passte. Seine Sphärenidee entpuppte sich trotzdem als ziemlich langlebiger Knaller. Wenn jemand heutzutage im 'siebtem Himmel' schwebt oder 'Sphärenmelodien' bemüht, hat er das Ptolemäus zu verdanken.
Auf der eigentlichen CD können übrigens Sternbilder studiert werden. Am besten allerdings mit einer Lupe.
Das Trio serviert modernen, harten Rock. Die Kompositionen sind absolut songorientiert. Damit sind wir schon bei der ersten großen Stärke des Albums. Das Songwriting ist überdurchschnittlich gut, teilweise gar brillant. Die drei Musiker bolzen fantastische Strophen und Refrains heraus. Unterlegt werden die Arrangements dabei mit saftigen Guitar- und Bassriffs. Der wohldosierte Keyboardeinsatz und selbst die vereinzelten Samples sind dabei so was wie der Rum im Tee.
Der Sound kommt dem Musikfan irgendwie bekannt von. In seiner Dichte und mit seiner Durchschlagskraft erinnert er doch an einige andere Produktionen. Zum Beispiel an Tonics "Head On Straight". Kein Wunder, denn die personifizierte Schnittmenge heißt Bob Rock. Der typische Stil des Co-Produzenten ist auf beiden Scheiben unverkennbar.
Eine weitere große Stärke von The Tea Party ist Gitarrist und Sänger Jeff Martin. Er macht mit seiner Vocalperformance aus jedem der Stücke etwas Wundervolles. Jeff bringt die Texte erregend emotional. Trotzdem muss er seine Parts deswegen nicht jammern oder jauchzen. Er singt kraftvoll und mit gehörigem Volumen. Kurzum, er hat den Dreh heraus, wie man die Stimme als wunderbares, variables und ausdrucksstarkes Instrument einsetzt. Wegen der schon erwähnten Priorisierung auf die Wirkung der Songs werden die Soli-nier unter euch, aus dieser Perspektive gehört, nicht auf ihre Kosten kommen. Aber Eines ist gewiss. Es geht auch ohne extravagante, langatmige und manchmal zugegebenermaßen nervige Soloeinlagen, wenn die Komposition entsprechend genial sind.
Ein paar Anspieltipps:
Mit "Stargazer" wird schon ziemlich früh der erste Hit platziert. Bei diesem Ding stimmt einfach alles. Insbesondere der Refrain ist ein wahrer Killer. "Stargazers" Gewand ist modern. So könnte Dewin Townsend klingen, wenn er mal nicht neurotisch, überdreht und durchgeknallt durch die Studios tobt.
Ein fantastisches Beispiel für die Wirkung einer perfekt gesungenen Strophe ist bei "One Step Closer Away" zu hören. Lieber Jeff Martin, Andere sind mit einer solchen Leistung in die Rock- Geschichte eingegangen. Das ist auch dir zu gönnen. Der Song bietet ein tolles Wechselspiel von härteren Riffsequenzen, emotionalen Strukturen und gelegentlichen, zeitgemäßen Soundsamples.
Wenn "Oceans" ertönt, klingt durch Jeff Martins Klangfarbe ein wenig dieser Salon-Cosmopolit Bodo von U2. Nur besser! "Oceans" hat einen sanften Seegang und rückt Jeff an seinen originären Stammplatz: In den Mittelpunkt.
Eine wirklich ergreifende Nummer stellt "Luxuria" dar. Die emotionale Eindringtiefe ist erstaunlich. Der Mid-Tempo Song mit seinem kernigen Riff lebt vor allem mal wieder durch die Hingabe eines Jeff Martins. Göttlich!
In gleicher Art, nur ein wenig heftiger, folgt der heimliche Höhepunkt des Albums. Das Vorzeigestück nennt sich "Overload". Dieser Song ist ein 'Eins von Tausend'. Welch ein Anflug von Genialität steckt hinter der Komposition! Die Struktur kommt genau auf den Punkt, die gesangliche Interpretation sowieso.
"Seven Circles" ist ein Schwelbrand geworden. Die Energieabgabe erfolgt kontinuierlich und kontrolliert. Und sie ist enorm! Zwischen Ottawa und Toronto genießen The Tea Party Platinstatus. Wer sich "Seven Circles" in die Birne hämmert, begreift genau warum. Da ist beispielsweise noch die gewagte Harmonie in "Coming Back Again". Wenn sich meine durch das lästige Schützenfest malträtierten Öhrchen nicht völlig täuschen, variiert das Trio in so einer Art Vor-Refrain mit ungewöhnlichen Halbtonschritten in den Akkordfolgen. Gewöhnungsbedürftig klingt das, anfangs unterstellt man gar Temposchwankungen. Aber irre ist es trotzdem.
"Seven Circles" ist ein Stück Genial -Rock. Zu gönnen wäre der Band auch der Durchbruch in Europa. Die Version für den alten Kontinent motiviert mit drei zusätzlichen Live Video-Tracks zum Kauf.
Neun begeisterte RockTimes-Uhren gehen an The Tea Party. Diese Veröffentlichung hat sich jetzt schon ihren Platz im Jahresrückblick 2005 gesichert. Zu Recht!


Spielzeit: 45:09, Medium: CD, Inside Out, 2005
1:Writing's On The Wall 2:Stargazer 3:One Step Closer Away 4:Oceans 5:Luxuria 6:Overload 7:Coming Back Again 8:The Watcher 9:Empty Glass 10:Whishing You Would Stay 11:Seven Circles
Olli "Wahn" Wirtz, 22.09.2005