South Carolina wird in Europa nicht unbedingt als einer der musikalischen Hotspots der Vereinigten Staaten wahrgenommen. Wenn man an den Sonnenstaat an der Atlantikküste denkt, fallen dem entsprechend Interessierten sicherlich zwei musische Zentren ein: Spartanburg, die Heimat der Marshall Tucker Band, und das Jamband-Mekka Myrtle Beach, mit seiner quirligen Club- und Festivalszene.
Ten Toes Up, seit einigen Jahren fester Bestandteil der Jamszene South Carolinas, vereint gleich beide Orte: Der Sänger/Gitarrist BJ Craven ist in Spartanburg geboren und aufgewachsen - und die ganze Truppe, seit drei Jahren im aktuellen Line-up aktiv, lebt heute in der unmittelbaren Umgebung von Myrtle Beach. Man hat sich bereits mit zwei Studio- und einem Live-Longplayer eine treue Fangemeinde und den Ruf einer exzellenten Live-Band erspielt.
Die aktuelle Scheibe "Paper House" ist schon seit Monaten im US-Handel, kommt allerdings - wie so oft bei Bands aus dieser Musikszene - erst mit gehöriger Verspätung in die hiesigen Plattenregale.
Den Sound von Ten Toes Up zu 'katalogisieren', fällt nicht leicht. Wenn man sich die ungewöhnliche Instrumentierung vor Augen führt, kommt einem spontan der Gedanke an Jam Rock in den Sinn. Gitarre, Bass und zwei Schlagwerker - ziemlich verrückt. Betrachtet man dagegen die Tracklist, stechen schlaglichtartig die sehr kompakten Spielzeiten hervor, teilweise sehr deutlich unter den Single-kompatiblen 'Drei-dreißig'. Alles andere als typisch für diese Stilrichtung.
Wenn man also den Jam Rock bemühen möchte (und man kann dies sicherlich aus guten Gründen!), dann sollte man eher an 'kompakte Vertreter' wie moe. & Konsorten denken. Auch Southern Rock ist ganz sicherlich gut vertreten, dann aber eher aus den 'alternativ-rockenden Randbezirken'. Die Namen Drivin' N Cryin' und Cry Of Love sind sofort präsent. Ganz viel 'Southern Soul' der cremig-funkrockigen Art zählt ebenfalls zu den Grundbestandteilen der Ten Toes Up'schen Mixtur. Gelegentlich schimmern rotziger Garagenrock ("Right A Wrong") und sogar Zitate der Surfmusik ("California") durch. Eine wirklich abwechslungsreiche Melange ist der Band hier mit ihrem Zweitling gelungen - Langeweile kommt nicht mal eine Millisekunde lang auf.
Die richtig kraftvollen Momente - stark wie eine Appalachen-Eiche - sind die, wenn Gastmusiker Tim Akers in die Tasten seiner Hammond greift. Das funkige "The Real Thing" und (vor allem) das schwerblütige "Wrong Side Of A Woman" lassen die sprichwörtliche 'jammige Wutz' fliegen. Wahnsinn - nehmt Euch dringend einen festen Organisten ins Line-up!!
Aber damit haben Ten Toes Up garantiert noch nicht ihr Pulver verschossen. Mit "Jesse James" stürmt man forsch in den zwölfteiligen Liederzyklus und gleich zeigt sich, was für einen flirrenden Teppich zwei Schlagwerker unter ein knackiges Stück 'Rock' legen können. Soulig, jammig, funky - "Pleased To Meet You" zieht ebenfalls alle Register. Nicht nur hier merkt man, was ein Potenzial für ausgedehnte Jamsessions unter den für das Album straff arrangierten Stücken liegt. Songs wie dieser könnten locker auf über zehn Minuten aufgeblasen werden!!
Sehr eindringlich kommen auch der Rootsrocker "Sing To You", der straight riffende Titelsong und vor allem das zauberhafte "River" daher. Und mit dem beendigenden Instrumental "The Squeeze" schließt sich dann der Kreis von "Paper House": Majestätisch wie die Klassiker der Marshall Tucker Band, die Leib- und Seelenband South Carolinas, hebt dieses feine Stück Southern Rock zu luftig-leichten Höhenflügen ab... dorthin, wo die geflügelten Caldwell-Brüder auf ihren Harfen frohlocken.
Wenn man von der etwas knapp bemessenen Spielzeit mal absieht, bekommt man mit "Paper House" ein überaus erfrischendes Rockalbum mit deutlichen Jam- und Southern-Bezügen vor die Ohren. Die 'Mugge' zündet von vorne bis hinten und ist obendrein noch in ein pfiffiges Digipak verpackt.
Mit Ten Toes Up stellt sich ein weiterer, richtig überzeugender Ostküsten-Newcomer der hungrigen deutschen Szene vor - fehlt nur noch ein (hoffentlich baldiger) Live-Check!!
Line-up:
BJ Craven (lead vocals, guitars)
Charles Freeman (bass, vocals)
Joshua Gregory (percussion, vocals)
Adam Miller (drums)
Additional Musicians:
Tim Akers (Hammond - #6,9)
Marc Meeker (guitar - #7)
| Tracklist |
01:Jesse James (3:34)
02:Pleased To Meet You (3:21)
03:Let It Out (3:02)
04:Paper House (3:07)
05:The Reckoning (2:58)
06:The Real Thing (2:46)
07:Right A Wrong (2:50)
08:California (3:19)
09:Wrong Side Of A Woman (3:22)
10:Sing To You (3:37)
11:River (2:38)
12:The Squeeze (3:09)
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