Ricky Warwick / Love Many Trust Few
Love Many Trust Few
Bisher kannte man Ricky Warwick eigentlich nur als raubeinigen Frontmann und Gitarristen der schottischen Heavy Rock Formation The Almighty. Mit dieser Band feierte der gebürtige Ire zu Beginn der Neunziger Jahre mit Alben wie "Blood, Fire & Love", "Soul Destruction" und "Powertrippin'" besonders auf der britischen Insel recht beachtliche Erfolge, nachdem er in den frühen Achtzigern als Rhythmusgitarrist der New Model Army seine ersten Erfahrungen als Profimusiker gesammelt hatte. Bei The Almighty, mit denen er heute, wenn auch weniger erfolgreich, noch immer aktiv ist, lässt Warwick gerne den knallharten Rocker und Macho raushängen. Wie schon auf seiner ersten Soloscheibe, "Tattoos & Alibis" (2003), lernt der Hörer ihn auf seinem zweiten Alleingang, "Love Many Trust Few", von einer ganz anderen musikalischen Seite kennen. Abseits seiner Hauptband beschreitet er wesentlich ruhigere Pfade und betätigt sich als Singer und Songwriter. Während der Sound von The Almighty überwiegend von harten Riffs geprägt ist, sucht man hier verzerrte Gitarren, abgesehen von einigen Soli, vergeblich.
Dafür ist das neue Solowerk durch die gemeinsame Arbeit mit Komponisten aus verschiedenen Stilrichtungen, wie dem irischen Singer/Songwriter Kieren Goss, die aus Nashville stammenden Sharon Vaughn und Rob Crosby, die schon mit Country-Größen wie Willie Nelson bzw. Martina McBride zusammenarbeiteten, sowie Del James, der schon Guns N' Roses zur Seite stand, sehr vielschichtig ausgefallen.
Vor allem schlägt Warwick sehr oft ungewohnt leise Töne an, was ihm wirklich gut zu Gesicht steht. Zwar schrieb er in der Vergangenheit für The Almighty großartige Rock Balladen, die immer zu den Highlights der jeweiligen Alben zählten, aber auf "Love Many Trust Few" klingen die Stücke noch viel gefühlvoller und persönlicher. Oft wird der Gesang, wie bei "New Neighbors Old Fences", "Cold September" oder "Sometimes Even Losers", nur von einer akustischen Gitarre, einem dezenten Piano, Streichern und einem Background Chor im Hintergrund begleitet. Gerade diese Songs sorgen für eine wohlige Gänsehaut, ebenso wie das tolle "Lonely Moon", das durch die wunderschöne Soloarbeit des ehemaligen DIO und jetzigen Def Leppard Gitarristen Vivian Campbell veredelt wird, der auf dem Album ebenso als Gastmusiker fungiert wie Def Leppard Sänger Joe Elliot.
Natürlich ist "Love Many…" kein reines Balladen Album. Hin und wieder wird auch mal ganz ordentlich gerockt. Allerdings nicht ganz so heftig wie bei Warwicks Hauptband. Stücke wie "Johnny Or Elvis?" und "I Don't Know What" könnten gut aus der Feder eines Tom Petty stammen, genauso wie das ruhigere "Learning To Fall". Besonders dessen Scheibe "Full Moon Fever" kommt mir beim Hören einiger Stücke des Öfteren in den Sinn. "Anybody Wanna Waste Some Time" erinnert mich hingegen an die Soloausflüge des Ex-Georgia Satellites Frontmanns Dan Baird.
Zudem ist als Bonus für die europäische Pressung noch die reinrassige Country Nummer "Going Under Over You" vertreten, sowie eine nette Akustikversion des Iron Maiden Klassikers "Running Free", die man allerdings nur am Text erkennt.
Man sieht also, dass Ricky Warwick auf seinem Zweitwerk sehr facettenreich zu Werke geht. Auf "Love Many Trust Few" sind neben Rock noch Einflüsse wie Irish Folk, Americana und Country vertreten, die ich nicht unbedingt von ihm erwartet hätte. Es ist mit seinen ständig wechselnden Stimmungen ein wirklich aufregendes Album geworden, das ich jedem anspruchsvollen Rock-Fan nur wärmstens ans Herz legen kann.


Spielzeit: 59:39 Min., Medium: CD, Sleaszy Rider Records, 2006
1:Johnny Or Elvis? 2:I Don't Know What To Do 3:Learning To Fall 4:New Neighbors Old Fences 5:Anybody Wanna Waste Some Time? 6:Come Back Home To Me 7:Guilty 8:Lonely Moon 9:Cold September 10:Ain't Coming Round 11:Even Know 12:Rich Kids 13:Long Way Back To Nowhere 14:Sometimes Even Losers 15:Going Under Over You(Bonus Track) 16:Running Free(Bonus Track)
Stefan Gebauer,12.05.2006