Snowy White And The White Flames / Realistic
 Realistic Spielzeit: 53:25
Medium: CD
Label: Soulfood, 2011
Stil: Classic Rock

Review vom 18.03.2011


Steve Braun
Es ist schon bizarr! Da sind gerade in Japan (bislang bestätigte) 2500 Menschen bei einer furchtbaren Katastrophe gestorben, drei Reaktoren stehen vor einem GAU, der zumindest bei einem nach bis dato unbestätigten Berichten bereits geschehen ist. Hunderttausende sind/werden durch Atomnotstandsbedingte Evakuierungen und den Tsunami obdachlos, Supermärkte leer gekauft, Benzin 10-Literweise rationiert, Fabriken wegen Strommangel stillgelegt, in Büros kann aus dem selben Grund nicht mehr gearbeitet werden. Japan steht humanitär, gesellschaftlich und wirtschaftlich am Abgrund - ich dagegen sitze zur gleichen Zeit hier und versuche über Musik zu schreiben. Angesichts der Banalität dieses Unterfangens ist das wirklich eine äußerst bizarre Situation...
Eine gute Gelegenheit, einfach mal innezuhalten und zu reflektieren. Dann kann man durchaus zu der Einsicht gelangen, dass wir hier NUR über Musik schreiben. Die wirklich wichtigen Dinge geschehen ganz woanders - Grund genug, sich selbst zukünftig mal nicht so wichtig zu nehmen!! »It's ONLY Rock'n'Roll but we like it...«
Snowy White hat, wie es sich für einen intelligenten und kreativen Musiker gehört, verschiedenste Projekte am laufen. Dabei ist er sowohl im Blues, wie mit der S.W. Blues Agency und dem S.W. Blues Project, als auch, mit den White Flames, im klassischen Rock zuhause. Und trotzdem wird sein Name zumeist mit Pink Floyd und Thin Lizzy in Verbindung gebracht, obwohl er dort nur sehr begrenzt temporär tätig war. Dass ihn dieser Umstand ein wenig nervt, konnte ich anlässlich eines Interviews vor ein paar Jahren erleben. Der Fluch der Vergangenheit...
'Realistically', it's a 'relaxed' album... dieses kleine Wortspiel sei mir angesichts des Albumtitels "Realistic" und meinen Assoziationen gestattet. Mit "On The Edge Of Something" startet der Songreigen entspannt, warm und ganz in - Snowy mag es mir bitte entschuldigen - Pink Floyd'scher Manier. Das schöne Zwischenspiel "Ongoing..." leitet auf das an Dire Straits' Brothers In Arms (gemeint ist der Titelsong aus diesem Album) erinnernde "Riding The Blues" über. Leider wirkt das folgende "Got To Set Me Free" zwischen Bossa Nova und Hard Rock etwas wirr gestrickt und völlig deplatziert. Diese Scharte wetzt der "Whiteflames Blues" umgehend aus. Hier wird auch der Unterschied zwischen dem Snowy White Blues Project und den White Flames offensichtlich, denn hier wird nicht der traditionelle Blues bedient sondern eher die 'mainstreamige' Variante. Um es scherzhaft auszudrücken: Das ist "Still Got The Blues" für Anspruchsvolle...
Die 'schrubbenden' Riffs wie die 'perlenden' Gitarrenmelodien lassen bei "Careful Now" wieder Erinnerungen an Mark Knopfler wach werden. Die halbakustische Ballade "Finding My Way Home" wird durch eine wunderschön eingesetzte Querflöte akzentuiert. Das lebhafte "Towards Higher Ground" setzt den Kontrapunkt dazu. Hier wird südamerikanisch mit Salsa, Latin und Samba gezaubert. Die Congas und Timbales werden wild geschlagen - da fehlen nur noch die charakteristischen Posaunen und Trompeten.
Und da man sich das Beste bekanntlich für den Schluss aufheben soll, bildet der Zweiteiler "Long Way Out" den musikalischen 'Climax' von "Realistic". Hier baut sich ein schöner Spannungsbogen auf, der sich von Sade in Part 1 bis zu dem quirligen Jazz Rock eines Lee Ritenour im zweiten Teil erstreckt. Zu erwähnen seien im letzteren noch Max Middletons vertrackte Pianopassagen, die angenehm an Lyle Mays zu erinnern vermögen.
Mit seinen Wild Flames ist Snowy White viel stärker im Classic Rock verwurzelt, als die Songs mit dem Wörtchen 'Blues' im Titel vermuten lassen. Entspannt und routiniert zieht der gerade 63 Lenze jung gewordene Gitarrist seine Bahnen - er muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen. Eine glasklare Produktion darf man bei einem solchen Perfektionisten als gegeben voraussetzen. "Realistic" läuft also - bis auf den angesprochenen Aussetzer - aufs angenehmste ins Bewusstsein. Und dies trotz der eingangs beschriebenen, sehr traurigen Rahmenbedingungen.
Line-up:
Snowy White (vocals, guitars)
Max Middleton (keyboards)
Walter Latupeirissa (bass, vocals)
Juan van Emerloot (drums, percussion, vocals)
Gäste:
Thomas White (percussions)
Catherine White (flute - #8)
Tracklist
01:On The Edge Of Something (6:50)
02:Ongoing... (2:27)
03:Riding The Blues (3:47)
04:Team Spirit (1:32)
05:Got To See Me Free (4:02)
06:Whiteflames Blues (4:01)
07:Careful Now (3:49)
08:Finding My Way Home (3:35)
09:Another Story Told (4:20)
10:Towards Higher Ground (3:53)
11:Love Is Not Possession (3:49)
12:Long Way Out Part 1 (3:53)
13.Long Way Out Part 2 (5:35)
14:Outro Peace (1:46)
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