
"Medienapplaus" nennt der 24jährige Edy Edwards seinen ersten Longplayer und dass er damit auf ebensolchen schielt, ist mehr als offensichtlich. Als »Authentisch, mitreißend und intelligent« soll er sich laut Anschreiben selbst charakterisieren. »Wenn Stoppok noch mehr Rock’n’Roll-Biss hätte. Wenn ein Westernhagen ohne Allüren müllern würde. Wenn Selig noch direkter und Rio und seine Scherben noch intimer geklungen hätten, dann hätte man den perfekten deutschsprachigen Rock’n’Roller.« lese ich weiter in der Presseinfo. Dreimal dürft ihr raten, wer all das selbstverständlich in sich vereinigen soll… Bescheidenheit zählt nicht zu seinen Skills. Klar gehört Klappern zum Handwerk und wie das mit der Bescheidenheit ist, brauchen wir hier auch nicht aufzuwärmen. Doch ’ne Nummer kleiner wäre vermutlich wesentlich sympathischer rübergekommen.
Aber lassen wir das und widmen uns der Musik. Die geht schon ganz gut ab. Handwerklich gut gemacht, durchaus auch mit Schwung eingespielt. Unterstützung hatte Edwards dabei von Bassist Ian Stewart, Drummer Daniel Knop und Gitarrist Henning Leise. Doch das ganz große Manko vorweg – das klingt alles sehr bekannt oder netter formuliert, Edys musikalische Sozialisation ist unüberhörbar. Nicht nur die oben bereits benannten Musiker hört man durch, sondern im Prinzip das gesamte whoiswho der deutschsprachigen Musikszene der 70er bis 90er Jahre. Nicht nur die oben bereits angesprochenen Musiker blinzeln überall durch, auch Klaus Lage, Wolf Maahn, Edo Zanki bis hin zu Pur assoziiere ich stellenweise. Und darin liegt für mich die Krux bei dieser Platte, die zwar mit Eigenkompositionen aufwartet, aber doch auch irgendwie den eigenen Charakter vermissen lässt. Falls das Medium, das applaudieren soll, das Radio ist, könnte das Kalkül sogar aufgehen, denn eingängige Melodien, die wenig Risiko eingehen, werden hier reichlich geboten. "So laut ich nur kann" ist als letzte Nummer schon in einer Radiofassung enthalten – wesentlich glatter als die ’normale' Version.
Doch von vorn angefangen – der Opener "Was man so hört" erinnert zwar verdammt an Westernhagens "Herr D." – gut gemacht ist er aber allemal. Bei "So laut ich nur kann" denke ich bei den allerersten Takten spontan an die Gebrüder Engel, im weiteren Verlauf geht die Nummer dann aber doch in eine andere Richtung. "Pummel Po" – was auch immer man sich unter dem Titel vorstellt – rockt gut geradeaus. "Herzinfarkt", "Schlaflos", "Es tut mir leid" kommen ziemlich bluesig rüber, mir persönlich ist hier die Stimme zu klagend, aber sowas kann man ja durchaus als Geschmackssache betrachten. Rockiger geht es wieder bei "Medienapplaus" zur Sache. Das softe "Nicht wie du" hätte sicher gute kommerzielle Chancen, Feuerzeuge (oder Handys) raus und eine Runde schmachten. Der "Prinz der Paranoia" dagegen rockt wieder ganz kräftig und geht gut ins Ohr. "Chemisch rot" beginnt recht sparsam instrumentiert mit rauem Sprechgesang und gefällt durch dynamische Abwechslung. Das "Theaterstück" ist auch keine neue Inszenierung, bringt dafür aber soliden Rock auf die Bühne, auch wenn der Text stellenweise holpert und in anderen Ecken ziemlich vorhersehbar ist.
Doch trotz allem, insgesamt hat Edy Edwards hier ein ordentliches Debüt vorgelegt, das mich hoffen lässt, dass er einen eigenen Stil ausprägt, denn noch klingen die Einflüsse sehr deutlich durch. Wer allerdings die deutschsprachige Rockmusik der späten 70er und frühen 80er Jahre mag, sollte ruhig mal ein Ohr riskieren.
Line-up Edy Edwards:
Edy Edwards (Gesang, Gitarre)
Ian Breck Stewart (Bass)
Daniel Knop (Schlagzeug)
Henning Leise (Gitarre)
Hans Christian Becker (Klavier, Wurlitzer, Orgel, Programming)
Tracklist "Medienapplaus":
- Was man so hört
- So laut ich nur kann
- Pummel Po
- Herzinfarkt
- Schlaflos
- Es tut mir auch leid
- Medienapplaus
- Nicht wie du
- Prinz der Paranoia
- Chemisch rot
- Theaterstück
- So laut ich nur kann (Rundfunkfassung)
Gesamtspielzeit: 38:42, Erscheinungsjahr 2016
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