
»Oh, verdammt, Köpfe einziehen, da vorne kommt der 'Killer'!!!« Egal ob auf der Bühne oder im Privatleben, es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn das aufgeführte, natürlich scherzhaft gemeinte, Zitat ab Mitte der fünfziger Jahre bis heute massenhaft gefallen wäre, sobald sich Jerry Lee Lewis dem Rest der Menschheit auf etwa einhundert Meter Radius näherte. Lewis war seit Beginn seiner Karriere – zusammen mit Little Richard – ganz sicher der durchgeknallteste Rock’n’Roller, der die Clubs und Bühnen in Schutt und Asche legte. Leider legte er diese (gelinde gesagt) leichte Spur von Wahnsinn allerdings auch im Privatleben nicht ab, was sein Leben zu einem (erneut leicht untertrieben) einzigartigen Ritt mit der imaginären Berg- und Talbahn werden ließ. Ob der Amerikaner manisch-depressiv war oder ist, darüber kann von außen lediglich spekuliert werden, die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen lagen bei ihm jedenfalls zeitlich nie wirklich weit auseinander.
Dazu passt auch, dass der (mit unter vielen anderen beispielsweise "Great Balls Of Fire" oder "Whole Lotta Shakin' Goin' On") hammermäßig hart abrockende Lewis eine ganz andere Seite, nämlich den sanft und beseelt von der Liebe singenden Jerry Lee in sich hatte (und ganz sicher immer noch hat). Exakt damit beschäftigt sich nun diese neue, wie immer sehr liebevoll von Bear Family Records zusammengestellte, Song-Kollektion mit dem Namen "The Ballads Of Jerry Lee Lewis". Pralle 27 Songs mit einer Spielzeit von mehr als 72 Minuten sind schon ein Wort, wir haben es also wieder einmal mit der gewohnten Qualität dieses Labels zu tun. Und das bezieht sich unbedingt auch auf den Sound, denn der strömt erstaunlich sauber und aufgeräumt aus den Boxen. Dazu kommen sehr interessante und weiter ausholende Liner Notes von Bill Dahl sowie die gewohnten ausführlichen Infos wie Aufnahmedatum, Studio, Prouzent sowie Musiker zu (fast) allen Songs.
Okay, denkt man an den 'Killer', dann denkt man natürlich zunächst an Rock’n’Roll. Wenn man aber von vornherein weiß, dass hier die zartere Seite des Pianisten und Sängers beleuchtet wird und es sich mit dieser Erwartungshaltung im Sessel vor der heimischen Anlage gemütlich macht, dann kommt man hier voll auf seine Kosten. Der große Songwriter war Jerry Lee eigentlich nie und so sind auch hier sehr viele Stücke von anderen Komponisten vertreten, wobei quantitativ der Haus-Songwriter von Sun Records, Charlie Rich, sowie der legendäre Hank Williams (den Lewis verehrte wie kaum einen anderen Musiker) herausstechen. Es gibt viele bekannte ("Born To Lose", "I’ll Make It All Up To You", "You Win Again" und das unwiderstehliche "Cold Cold Heart"), aber auch unbekanntere ("Turn Around", "Fools Like Me", "Set My Mind At Ease" oder "I’m The Guilty One") auf die Ohren und was sie alle eint, ist das auch bei dieser Art von Songs einzigartige Piano-Spiel sowie der sehr gute Gesang des Protagonisten.
Was bleibt zu sagen? Eigentlich nicht mehr viel, außer vielleicht noch einmal zu betonen, dass man sich mit "The Ballads Of Jerry Lee Lewis" ganz herrlich in längst vergangene Jahrzehnte und in eine Wohlfühl-Zone beamen kann, die einfach nur Spaß macht und entspannt. Falls die musikalische Seele des Hörers gerade auf Krawall gebürstet und rastlos ist, sollte er natürlich lieber zu einer anderen 'Medizin' greifen, aber ansonsten ist diese Scheibe ein Rezept mit Erfolgsgarantie und definitiv ohne Nebenwirkungen.
Tracklist "The Ballads Of Jerry Lee Lewis":
- Crazy Arms
- Invitation To Your Party
- Born To Lose
- I Could Never Be Ashamed Of You
- Tomorrow Night
- I’m The Guilty One
- Fools Like Me
- Will The Circle Be Unbroken
- Sail Away (duet with Charlie Rich)
- Set My Mind At Ease (stereo)
- I’ll Make It All Up To You
- It Hurts Me So
- Love Letters In The Sand
- How’s My Ex Treating You
- You Win Again
- I Know What It Means
- Turn Around
- The Ballad Of Billy Joe
- It All Depends
- Love On Broadway
- Seasons Of My Heart (duet wth Linda Gail Lewis)
- Someday
- That Lucky Old Sun
- Cold Cold Heart
- Love Made A Fool Out Of Me
- Goodnight Irene
- I Can’t Seem To Say Goodbye
Gesamtspielzeit: 72:15, Erscheinungsjahr: 2020 (1956 – 1963)
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