
Ein Konzertreview als Liebeserklärung
Woodstock 1969 … ein reichlich ausgelutschtes Thema. Aber 55 Jahre später wird es immer schwieriger, Originalartisten dieses ikonischen Festivals noch live und aktiv auf der Bühne bewundern zu dürfen.
Miller Anderson ist einer von ihnen und vermutlich einer der Unbekanntesten, denn die Konservierung seines Auftritts mit der Keef Hartley Band auf den Weidefeldern des Milchbauern Max Yasgur in White Lake nahe der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York wusste ein Manager erfolgreich zu verhindern, so dass es bis heute keine Ton- oder Bilddokumente davon gibt. Mit der zweitniedrigsten Gage aller Festivalgigs gehört somit die Keef Hartley Band, deren Mitglieder damals alle ihren ersten US-Auftritt absolvierten, zu den großen Geheimnissen einer ansonsten bis zum allerletzten Cent ausgequetschten Festivallegende.
Nach seiner Zeit bei Keef Hartley versuchte es Miller Anderson unter eigenem Namen, mit kurzlebigen Formationen wie Hemlock, Dog Soldier (wieder mit Keef Hartley), Broken Glass (mit Stan Webb), mit Stippvisiten bei bekannteren Formationen wie Savoy Brown, T-Rex und Mountain, um schließlich neben seiner eigenen Band lange Zeit die Spencer Davis Group am Leben zu erhalten, inklusive Engagements beim British Blues Quintett, Jon Lord Blues Project und bei der Hamburg Blues Band.
Mittlerweile zählt Miller 79 Lenze und hat angekündigt, diesen Herbst und nächstes Frühjahr seine letzten beiden Tourneen zu absolvieren. Dabei steht auch eine Location auf dem Zettel, die vor knapp 25 Jahren des Rezensenten zweites Wohnzimmer war – Charly’s Musik-Kneipe in Oldenburg mit dem vielsagenden Motto »Blues meets Rock"«. Inhaber Andreas 'Charly' Baumann und Miller Anderson kennen sich noch gut aus der Frühphase des Etablissements, so dass diese Station für den Schotten mit seiner deutschen Band zur Ehrensache gerät.
Und das ist auch gut so, denn die Bude ist an diesem grauen Novemberabend restlos ausverkauft und wird von seinem musikalischen Direktor und Keyboarder Frank Tischer, im Verbund mit Schlagwerker Tommy Fischer als Sound On Purpose firmierend, durch flirrende Tastenkaskaden zwischen elektronischem Krautrock, Pink Floyd ohne Gitarre und Alan Parsons atmosphärisch eröffnet.
Als sich schließlich Neu-Bassist Willy Wagner mit Rio Reiser-, Sabrina Setlur- und Edo Zanki–Vergangenheit und Miller Anderson höchstpersönlich dazugesellen, ist der Jubel vor der kleinen Bühne riesengroß, der Gerstensaft gerät zur Nebensache und der Nostalgietrip gen Woodstock nimmt Fahrt auf.
Der Hauptprotagonist absolviert mittlerweile seine Auftritte nur noch im Sitzen und seine verschmitzt bedächtige Art ist noch eine Spur verschmitzter und nochmals bedächtiger … aber sein Saitenspiel und Gesang bei verhinderten Woodstock-Klassikern wie "Sinnin' For You" oder "Leavin' Trunk" geht emotional durch Mark und Bein und ist in dieser Form durch niemanden auf der Welt reproduzierbar. Er kokettiert dabei schmunzelnd mit seiner 'Billiggitarre', die zum Paradebeispiel feinster britischer Saitenschule wird und es einfach nicht nötig hat, möglichst viele Noten pro Sekunde unterzubringen. Sicherlich auch dem fortgeschrittenen Alter geschuldet verstehen es Miller Anderson und Frank Tischer als Arrangeure vortrefflich, der ganzen Band und ihren überdurchschnittlich guten Instrumentalisten genügend Freiräume zu verschaffen, die zu keinem Zeitpunkt der Gefahr anheimfallen, lediglich als Füllmaterial wahrgenommen zu werden.
Alte Schlachtrösser der rockmusikalischen Popularhistorie wie "Spoonful" werden somit zum unnachahmlichen Kabinettstückchen, Solo-"Hits" wie "High Tide And High Water" funkeln ohne jeden Anflug von Rost und Karriererückblicke auf seine Zeit mit der Spencer Davis Group geraten mit "Gimme Some Lovin'" und "I’m A Man" zum vollumfänglichen Triumph.
Miller vergisst auch seine Zeit bei Savoy Brown nicht und lässt den guten alten Boogie-Rock vom Stapel, aber immer mit einer gehörigen Portion Schalk im Nacken.
So lässt er es sich beim wohlverdienten Schluck eines friesischen Gebräus nicht nehmen darüber zu witzeln, dass dies nunmehr mit beiden Händen zum Erfolg führe.
Nach insgesamt erstaunlichen 135 Minuten Nettospielzeit sitzt der unbekannteste aller Woodstockhelden da, seine Lippen umspielt ein leichtes Lächeln und ungeachtet seiner enormen Bescheidenheit genießt er sichtlich die euphorische Reaktion seines restlos begeisterten Publikums, was ihn zum allerletzten Schlussakkord dazu bringt, zwei ergreifende schottische Volksweisen anzustimmen, bei denen er die Feuchte in seinen Augen nicht leugnen kann.
- Miller Anderson stimmt schottische Volksweisen an
- Miller Anderson bläst zum Boogie II
- Miller Anderson Gitarrengott III
- Schlagwerker Tommy Fischer
- Miller Anderson Gitarrengott III
Dies geht dem Rezensenten definitiv nicht anders und als Resümee nach einem ganz besonderen Konzert eines außergewöhnlichen und unersetzbaren Musikers kann nur festgehalten werden:
'Miller – du fehlst uns jetzt schon!'
Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2024 | Olaf 'Olli' Oetken | RockTimes
4 Kommentare
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Max
21. November 2024 um 23:03 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
https://www.youtube.com/watch?v=UOsCQlxYJMg&t=1100s
Keef Hartley Band, Woodstock, 16.8.1969, Samstag, 16:45 Uhr.
2 Stunden nach Santana, 2 Stunden vor Canned Heat.
Olaf "Olli" Oetken
21. November 2024 um 11:35 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Moin Niko,
das mag sein, bleibt dem Normalsterblichen aber leider trotzdem verborgen. Auf allen massenkompatiblen Veröffentlichungen zum Thema Woodstock ist die Keef Hartley Band leider kein selbiges.
Rock on
Olli
Niko Wohltmann
20. November 2024 um 16:38 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Kommentar von eben. Preis im vierstelligen Bereich.
Gruß
Nico
Niko Wohltmann
20. November 2024 um 16:35 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Bei unbekannt habe ich erheblich meine Zweifel. Alle 38 Woodstock-Auftritte sind komplett auf der 50th Anniversary Holzkisten-Box limitiert auf etwas unter 2000 Exemplaren von Rhino veröffentlicht. Darunter auch der Auftritt der Keef Hartley Band. Der Preis bewegt sich gebraucht im mittleren 5stelligen $ Bereich.
Gruß
Nico