
Dunkel melancholische Gitarrenklänge, meist getragen und repetitiv kreiselnd, legen sich puristisch spröde wie einst bei Chris Whitley über eine Landschaft, wie sie nur im Kopf entstehen kann, als ob die norditalienische Metropole Mailand, Heimat von Nero Kane, durch ein Wurmloch eine Verbindung zu den Wüsten von Texas oder Arizona herstellen könnte. Und nebenbei in eine Welt sakraler Mystik und Symbolik, die schon irgendwie mit einem Fuß im Jenseits steht.
Geheimnisvoll monotone Gesänge schweben teilweise scheinbar losgelöst in dieser Szenerie eigentümlich dahin gleitender Töne und Bilder. Schon nach wenigen Klängen wird deutlich, dass die "Tales Of Noise And Lunacy" eine außergewöhnliche Erfahrung vermitteln werden.
Nero Kanes Musik produziert visuelle Reize, auch wenn sie tief im Kleinhirn entstehen. So verwundert es nicht, dass der Künstler mit Samantha Stella, die hier auch als Gastmusikerin am Keyboard und vor allem mit ihrem eindringlichen und beängstigend fröstelnden Gesang erheblich zur Wirkung des Gesamtwerkes beiträgt, eine Partnerin an seine Seite geholt hat, die nicht nur mit Kopfkino umzugehen versteht. Die Filmemacherin hat schon zum ersten Album "Love In A Dying World" von Nero Kane einen experimentellen Film inszeniert, mit dem die Band in zahlreichen Kirchen und Theatern in Italien und Europa unterwegs gewesen ist. Kirchen passen auch zum neuen Album, klerikale Symbole und Songtitel bringen einen stark morbiden Charme in die Musik und die von sieben Schwertern im Herzen durchbohrte Madonna auf dem Cover macht uns unmissverständlich deutlich, dass wir keine leichte Kost serviert bekommen. Sieben Schwerter, sieben Songs – sieben Sakramente, sieben Todsünden.
Düsterer ging es auch bei Nick Cave nie zu.
Das Video zu "Lord Won’t Come":
Ein düsteres Kaff am Anfang vom Nirgendwo, irgendwo im wilden Westen. Verfallenen Hütten und eine Kapelle. Die Madonna vom Cover, Rosenkränze, Kreuze, schlichte Gräber. In bedrückenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen finden wir einen schwarz gekleideten Mann, der die meiste Zeit in einem Beichtstuhl sitzt und eine Frau, in jungfräulichem Weiß gehüllt, umgeben von barocker Kirchenausstattung. In diesem psychedelischen, fast surrealen Video warten zwei Menschen, deren Wege sich nicht kreuzen, obwohl sie in der gleichen Örtlichkeit anzutreffen sind, unwirklich auf Erlösung – vergebens, denn »lord won’t come to save our soul«. Die hier besonders puristische Gitarre stellt sich ganz allein gegen den leicht schrägen und doch so eindringlichen Gesang von Nero, der ein wenig nach Lou Reed klingt. Das doomige Riff im Mittelteil schlägt ein wie ein Naturereignis und lässt uns zu der bereits zitierten Textzeile im Innersten gefrieren. Ganz spärliche Keyboards unterlegen den sphärischen Ausklang. Wow, dieser Opener hat es in sich und ist ganz sicher nichts für zartere Gemüter in depressiv dunklen Zeiten von Viren, Lockdowns und Kontaktbeschränkungen. Wer den Geistern der Finsternis etwas abgewinnen kann, wird jedoch fasziniert sein.
Der Aufbau der einzelnen Nummern hat stilistisch Ähnlichkeiten mit den ebenfalls sehr minimalistischen Stücken aus dem Wim Wenders-Film "Paris, Texas", die einst David Lindley und Ry Cooder einspielten. Allerdings mit einem gänzlich anderen Duktus, denn die beschriebene Filmmusik hatte ja deutlich romantisch melancholische Aspekte.
Die Atmosphäre der Songs wird fast noch eindringlicher und beängstigender, wenn Samantha wie in "Mechthild" oder "Magdalene" den Gesangspart übernimmt. Diese gespenstisch kühle Stimme passt hervorragend in die morbide Stimmung. Wirklich überragend, wenn in "Mary Of Silence" Nero und Samantha im Duett agieren, das vermittelt so etwas wie die Romantik des Todes, wunderschön unterstrichen durch die schlichte Violine.
Insgesamt kann man die Musik im weitesten Sinne sowohl im Folk wie auch im psychedelischen Blues verwurzelt sehen. Der starke, doomige Sog, den die gänzlich auf Percussion verzichtende Musik entwickelt, dürfte aber auch in der Szene der Wüstenrocker Anklang finden, sofern sich diese mit experimentellen Klängen anfreunden können.
Fast ein wenig zugänglich und wohlwollender wird es zu Beginn von "Lost Was The Road", wenn die schön mäandernde Gitarre mit einem warmen Keyboard-Teppich mehr Hoffnung assoziiert als der Song-Titel vermittelt. Dieser Track erschafft eine ganz eigentümliche und stille Schönheit, die einen durchdringt, man befindet sich in einer Schattenwelt zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Tagewerk und Traum, zwischen Leben und Tod. Ganz weit hinten weckt diese Nummer bei mir Erinnerungen an Felts Meisterwerk "The Stagnant Pool" aus dem Jahr 1984. Sehr geil.
Die abschließende Nummer, "Angelene’s Desert", ist eine einzige hypnotische Meditation mit der hier ganz besonders prägnanten und prägenden Stimme von Samantha. Wer auf den Vibes dieser Musik angekommen ist, wird jetzt Gänsehaut verspüren.
Nero Kane hat mich tief bewegt mit dieser Platte, ihrem eigenartigen Charme und der Schönheit der Dunkelheit. Diese faszinierende und mutige Musik, die oft klingt wie abgefahrener psychedelischer Americana, stammt aus Norditalien, ist aber bereits vor der Pandemie entstanden und somit keine Reflexion auf die erschreckenden Bilder, die wir im Frühjahr von dort übermittelt bekamen. Nein, diese Musik mit ihren Kompositionen zwischen Diesseits und Jenseits ist geprägt von zeitloser Schönheit und Wahrheit. Wer sich darauf einlässt, was ausdrücklich Bereitschaft und Hingabe voraussetzt, der wird Erfüllung finden. Ein außergewöhnliches und inspirierendes Projekt!
Line-up Nero Kane:
Nero Kane (guitar, vocals)
Guests:
Samantha Stella (vocals, keyboards)
Nicola Manzan (violin)
Tracklist "Tales Of Noise And Lunacy":
- Lord Won’t Come
- Mechthild
- Mary Of Silence
- Magdalene
- Lost Was The Road
- I Believe
- Angelene’s Desert
Gesamtspielzeit: 37:21, Erscheinungsjahr: 2020
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