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Puhdys / Live At Rockpalast 1996 – CD/DVD-Review

Puhdys / Live At Rockpalast 1996

Wir beamen uns zurück in das Jahr 1996. Der Rockpalast hatte sich damals etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sieben Jahre nach dem Mauerfall wurde zu einem gesamtdeutschen Rock-Event in die Berliner Waldbühne geladen. Neben den Puhdys erschienen City, Karat, Die Zöllner, Selig, Extrabreit, Stern Combo Meissen und die Prinzen, um vor einem begeisterten Publikum aufzutreten. Insgesamt also acht Bands und jeder stand eine Spielzeit von maximal 35 Minuten zur Verfügung, da bereits um 23:00 Uhr der Stecker gezogen werden musste.

Die Puhdys gehörten in den Jahren vor dem Mauerfall neben Karat und City zu DEN Rockexporten und 'Reisekadern' der ehemaligen DDR. Mit ihren Auftritten im 'Westen' konnte man beweisen, dass ostdeutsche Bands auch ohne englisches: »yeah, yeah, yeah*« mit intelligenten deutschen Texten ordentlich rocken können.
Ich glaube, die Puhdys sind die am meisten geliebte, aber auch gehasste Rockband der ehemaligen DDR, da ihnen nach wie vor der Vorwurf der Angepassten, die damals nie gegen den Strom schwammen, anhaftet und deshalb ungehindert reisen durften.
Dennoch, sie hielten die Fahne des Ostrocks von Anbeginn an hoch, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2016 und ihre Fans verehren sie nach wie vor. Im gleichen Jahr erhielt die Band übrigens den Echo für ihr Lebenswerk.

Aber zurück in die frühen Jahre: Dieter 'Maschine' Birr und seine Mitstreiter waren musikalisch immer topaktuell. Waren ihre frühen Vorbilder Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin, ähnelten ihre späteren Songs eher denen von Slade oder den Bee Gees.

Zu ihrem endgültigen großen Durchbruch verhalf Ihnen der Film "Die Legende von Paul und Paula", für den Peter Gotthardt die Filmmusik schrieb, unter anderem die Titel "Geh zu ihr" und "Wenn ein Mensch lebt", die zu den größten Hits der Band zählen. Selbst vor der NDW machte man nicht halt. Bestes Beispiel die Veröffentlichung von "Computer-Karriere" (1983).
In den 80ern waren die Puhdys dreimal in der (West)Berliner Waldbühne aufgetreten, kehrten nun, nach 13 Jahren erstmals wieder dorthin zurück. In dieser Zeit war viel passiert, das Rad der Geschichte hatte sich weitergedreht, Deutschland war zwischenzeitlich wieder vereint.

Deshalb ist "Live At Rockpalas" auch ein echtes Zeitdokument, selbst wenn die Puhdys hier nur einen Kurzauftritt ohne Zugabe hinlegten, denn nach ihnen mussten die Prinzen noch ihren Set abliefern. Aber mit Titeln wie dem Opener "Kühle Lady", Klassikern wie "Wenn ein Mensch lebt" (1973), "Lebenszeit" (1976) oder "Alt wie ein Baum" (1976) haben Birr, Hertrampf, Meyer, Jeske und Scharfschwerdt ihre Fans von Anfang an im Griff und werden, wie auch auf der DVD eindrucksvoll zu sehen ist, frenetisch abgefeiert. Ab und zu schwenkten sie mit ihren Songs auch mal kurz in die 80er und 90er und präsentierten "Was bleibt" (vom 1992er Album "Wie ein Engel), "Keine Ahnung (1994) oder auch das Stück "Ich will nicht vergessen", erschienen auf der LP "Das Buch" 1984, welcher in der DDR weder im Radio noch im Fernsehen gespielt werden durfte. Den Abschluss bildet, wie sollte es auch anders sein, die "Rockerrente" (1984).

Auf der DVD ist zu sehen, dass Sänger Dieter Birr tief bewegt von der Atmosphäre in der prall gefüllten Lokation war und sich das eine oder andere Tränchen verdrücken musste.
Alan Bangs vom Rockpalast und Ingo Dubinski von Elf 99 moderierten das Event sehr souverän.
Es war übrigens Harry Jeskes letzter Auftritt gemeinsam mit den Puhdys. Er stieg 1997 aus.

Als Bonus gibt es auf der DVD neben dem Konzert in der Waldbühne noch ein etwa achtminütiges Interview vor dem Brandenburger Tor, welches ebenfalls von Bangs und Dubinski geführt wurde. In diesem erzählt das Quintett auf humorvolle, ab und zu aber auch nachdenkliche Art und Weise über die Entstehungsgeschichte der Puhdys und – natürlich mit einem Augenzwinkern – über ihre Wünsche nach einem gemeinsamen Auftritt mit den Rolling Stones.
Beigelegt ist diesem Doppeldecker ein Booklet mit Informationen des bekannten Musikjournalisten Christian Hentschel.

MIG Music weist noch darauf hin, dass die Puhdys vor genau 50 Jahren bei Amiga ihr erstes Album auf Vinyl veröffentlichten und dieser Mitschnitt aus dem Jahr 1996 ihr letztes Puhdys-Album sein wird. Es wird zusätzlich zur CD/DVD ebenfalls auf Vinyl erscheinen. Damit schließt sich der Kreis.

*Zur Erläuterung hier die Äußerung Walter Ulbrichts auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965: »Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen. (…) Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?«


Line-up Puhdys:

Dieter `Maschine´ Birr (Gesang, Gitarre)
Dieter Hertrampf (Gitarre, Gesang)
Harry Jeske (Bass)
Peter Mayer (Keyboard)
Klaus Scharfschwerdt (Schlagzeug)

Tracklist Live At Rockpalast 1996 (CD/DVD)

  • Kühle Lady
  • Wenn ein Mensch lebt
  • Lebenszeit
  • Was bleibt
  • Ich will nicht vergessen
  • Keine Ahnung
  • Alt wie ein Baum
  • Rockerrente

Bonus auf DVD:

  • Interview

Gesamtspielzeit: 34:25 (CD), 42:34 (DVD), Erscheinungsjahr: 2024

Über den Autor

Ilka Heiser

Hauptgenres: Classic Rock, Blues Rock, Heavy Rock
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