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Markneukirchen hatte wieder einmal zum Metal-Stelldichein eingeladen. Nach dem Konzert an gleicher Stelle vor Jahresfrist mit den Schwergewichten Saxon und Rage geben sich auch in diesem Jahr in der Musikhalle mehrere Metalbands die Klinke in die Hand. Zu Gast sind in den kommenden Wochen beispielsweise Gotthard und Lordi. Am 1. März 2024 waren die Band U.D.O. im Rahmen ihrer "Touchdown"-Tour und als Support Primal Fear für die gute Unterhaltung zuständig. Beide erfüllten diese Aufgabe vorzüglich.
Markneukirchen im sächsischen Vogtland ist weltberühmt für seinen Musikinstrumentenbau, der in der territorialen Bezeichnung 'Musikwinkel' seinen Niederschlag findet. Die Region war schon immer eine Metal-Hochburg. Hinzu kommt, dass der Ort für Musikfans aus Thüringen, Bayern, Tschechien und die übrigen Landesteile aus Sachsen aufgrund der zentralen Lage ein idealer Austragungsort für Konzerte ist. Dazu kommt eine Besonderheit: Eine Gaststätte ist der örtliche Ausrichter der Großereignisse und das gute Miteinander mit den Security-Mitarbeitern eines Unternehmens aus dem nahen Plauen beweist: Es geht auch entspannter. Schon nach ersten Takten des Supports sollte sich zeigen, dass hier zwei international angesagte deutsche Acts aus dem Bereich Heavy Metal am Start waren, die sich hervorragend ergänzten. Primal Fear wurden begeistert empfangen. Die 1997 von Ralf Scheepers (Gesang, Ex-Gamma Ray) und Mat Sinner (Bass und Gesang, Sinner) gegründete Band hatte wie U.D.O. im vergangenen Jahr ein neues Album veröffentlicht.
Die Stimmung in der Halle war so gut, dass die Zuhörer schon nach zwei Tracks lautstark mitsangen und Frontmann Ralf Scheepers gar nicht erst den Chefanimateur geben musste. Für die gute Laune sorgten die Akteure auf der Bühne, die mit einer enormen Spielfreude agierten. Anstelle des offiziell noch erkrankten Mat Sinner wirkte Tourbassist Alex Jansen mit. Der Holländer füllt diese Funktion seit 2022 aus. Ein Primal Fear-Urgestein ist Tom Naumann. Das Gründungsmitglied ist nach zwei Unterbrechungen seit 2013 wieder dabei. Eine feste Konstante innerhalb der Band ist außerdem Gitarrist Alex Beyrodt, der seit 2007 dazu gehört. Das Line-up als Fünfter im Bunde ergänzt Schlagzeuger Michael Ehre. Beide leisteten ihren Anteil am soliden Auftritt von Primal Fear. Das Set dauerte ansprechende 75 Minuten. Mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein kündigte Ralf Scheepers an: »Wir schließen jetzt mit einem Dreier-Block ab«. Von wegen noch einen Titel zum Abgesang spielen. Hier wurde nicht gekleckert, nein, es wurde ordentlich geklotzt. Mit Sicherheit werden Primal Fear nach ihrem furiosen Auftritt neue Fans hinzugewonnen haben.
Die obligatorische Umbaupause nahm die üblichen 30 Minuten ein. Schließlich musste die Bühne komplett verändert werden. Die Spannung wurde gegen Ende der Pause durch den AC/DC-Klassiker "Thunderstruck", der in volle Länge vom Band lief, angeheizt. Die Bühne war völlig frei von störenden Kabeln. Vor der Schießbude von Schlagzeuger Sven Dirkschneider, dem Sohn von Mastermind Udo Dirkschneider, standen lediglich drei Mikrofonständer. Diese sollten im weiteren Verlauf noch eine wichtige Rolle spielen. Mit "Isolation Man", dem Opener des Albums Touchdown, wurde die zweistündige Headlinershow erüffnet.
Das Konzert war in fünf kleinere Blöcke unterteilt, zu deren Beginn jeweils ein neues Intro erklang. Vier Lieder waren insgesamt aus "Touchdown" zu hören. Mission durchaus erfüllt, damit war Platz für ein Best Of-Programm aus der Schaffenszeit von Udo Dirkschneider, der U.D.O. 1987 gegründet hatte. 1992 bis 1996 ruhte die Band. Danach gab es immer wieder Besetzungswechsel. Wie in Markneukirchen unschwer zu sehen und zu hören war: In der aktuellen Formation befindet sich die Band unstrittig auf ihrem Höhepunkt und ist gewiss nicht zu toppen. Das belegen auch die vielen ausverkauften Konzerte der laufenden Tournee.
Mit einer passablen Spieldauer von 75 Minuten hätten Primal Fear gefühlt fast für ein Co- Headliner-Konzert gesorgt. Doch U.D. O. hielten mit ihrer Spieldauer dagegen, ließen sich vor allem mit der Zahl von fünf Zugaben nicht lumpen. Zum Abschluss erklang aus Dirkschneiders Cover-Album My Way, der Queen-Titel "We Will Rock You". Was für ein Brett zum Abschluss eines Doppel-Konzertes, das man getrost als Sternstunde des Metal einstufen darf. Die Zwei-Generationen-Band U.D.O. empfahl sich mit fünf hervorragenden Einzelkönnern, die eine kollektive Meisterleistung hinlegten. Krönung war der wuchtige Satzgesang. Bei fast jedem Titel legte das Trio den kräftigen Background-Gesang hin. Ein Markenzeichen von U.D.O. seit der Anfangszeit vor fast 40 Jahren. Peter Baltes schaffte es, während des Konzertes fast jeden Zentimeter der großen Bühne zu erkunden. Die Publikumsnähe des Bassisten war beispiellos. Das Urgestein der deutschen Metalszene sorgte für eine Einlage, indem er dem Publikum die Gitarrentechnik des Tracking erläuterte und von Andrey Smirnov wissen wollte, welche Effekte er seinem Instrument entlocken würde. Bei dieser speziellen Technik werden – bevorzug im härteren Bereich – die Gitarren doppelt gespielt. Der zweite Gitarrist Fabian Dee Dammers wusste ebenfalls mit einer Soloeinlage zu überzeugen.
Abgesehen von Schlagzeuger Sven Dirkschneider war der Sänger der einzige Akteur, der für die Dauer des Konzertes weitestgehend an seinem Arbeitsplatz stehen blieb. Beim ersten Titel der Zugabe ("Give As Good As I Get") stellte Udo Dirkschneider eindrucksvoll unter Beweis, dass dem Sänger mit der Reibeisenstimme auch die leisen Töne liegen. Über seine gesangliche Leistung muss man an dieser Stelle nicht zusätzlich philosophieren. Nach fast 50 Karrierejahren ist der 71-Jährige stimmlich immer noch unverändert gut drauf. Besucher, die angesichts des Einsatzes von Peter Baltes auf so manchen Accept-Klassiker gehofft hatten, wurden enttäuscht. Wenngleich Enttäuschung an diesem Abend ein Fremdwort war. Der Verzicht auf Songs von Accept war vielmehr einer professionellen Einstellung und dem Fundus eigener Titel zuzuschreiben.
Ein herzliches Dankeschön geht an Sandra Eichner von Rosenheim Rocks für die Fotoakkreditierung und den Platz auf der Gästeliste.
Bildnachweis für alle Bilder des Konzertes: © 2024 | Mario Keim | RockTimes
Line-up U.D.O.:
Udo Dirkschneider (vocals)
Andrey Smirnov (guitars)
Fabian Dee Dammers (guitars)
Peter Baltes (bass)
Sven Dirkschneider (drums)
Line-up Primal Fear (live):
Ralf Scheepers (vocals)
Alex Beyrodt (guitars)
Tom Naumann (guitars)
Alex Jansen (bass)
Michael Ehre (drums)
Primal Fear
- Primal Fear-Tourbassist Alex Jansen
- Sänger und Gründungsmitglied Ralf Scheepers
- Alex Beyrodt in Aktion
- Gitarrist Tom Naumann
U.D.O.
- Andrey Smirnov
- Wenn der Vater mit dem Sohne…
- Gitarrist Fabian 'Dee' Dammers
- Synchronspieler
- Starker Auftritt mit 71 Jahren: Udo Dirkschneider
- Fabian 'Dee' Dammers (links) und Peter Baltes
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