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Wonderland / Wonderland Band No. 1 – Vinyl-Review

Wonderland - "Wonderland Band No. 1" - Vinyl-Review

Die sechziger Jahre waren bekanntlich ein vollkommen einzigartiges Jahrzehnt mit vielen Vor-, allerdings auch ein paar Nachteilen. Beispielsweise war es damals von einer Flucht nach Berlin oder ins Ausland mal abgesehen, gar nicht so einfach, sich dem Dienst in der Bundeswehr zu entziehen. Dies erfuhr auch der damals noch sehr junge Musiker Achim Reichel, für den es doch mit seiner Band The Rattles gerade so gut lief. Nach seiner Rückkehr hatte seine Combo natürlich längst Ersatz gefunden und war für ihn Geschichte. Weiterhin Musik machen wollte Reichel trotzdem und als ersten Verbündeten konnte er seinen alten Rattles-Kollegen, den Schlagzeuger Dicky Tarrach, gewinnen. Dazu kamen der Keyboarder Les Humphries (der später mit seinen Les Humphries Singers fett abräumen sollte), der Sänger und Texter Frank Dostal sowie der Gitarrist Helmuth Franke. Da Reichel damals neidlos anerkennen musste, dass dieser gewisse Helmuth ihm an der Gitarre einiges voraus hatte, übernahm er selbst, ganz rational, den Bass.

Mit "Moscow" wurde 1968 eine erfolgreiche Single veröffentlicht und die Wonderland benannte Band war auch sehr fleißig auf Tour. Allerdings knisterte es bald auch schon gehörig im (Band-) Gebälk und so wurde Les Humphries durch Claus-Robert Kruse ersetzt und auch der neue Bassist Kalle Trapp war für den abgewanderten Franke gekommen. Achim Reichel selbst war nun wieder an der Gitarre aktiv. Tatsächlich dauerte es jedoch Jahre, bis 1971 das einzige Album, "Wonderland Band No. 1", erschien. Allerdings hatte man sich zu diesem Zeitpunkt (gefühlt) mehrere Dutzend zusätzliche Gastmusiker eingeladen, um die sieben Tracks der Scheibe einzuspielen. Herausgekommen ist dennoch ein sehr cooles, wenn auch nicht sensationelles Album. Mäandert wird hier im progressiven bzw. besser gesagt im psychedelischen Pop- und Rock-Bereich, wobei es die Schublade Psychedelic Beat wohl am besten trifft. Und so stark einige der hier vertretenen Stücke auch sind, ein weiterer Hit war der Band nicht mehr vergönnt.

Das doch sehr eingängige "Heya, Dona Laya" (an anderen Stellen auch "… Leya" geschrieben) eröffnet den Reigen sehr flott mit einer feinen rockigen Gitarre, mehrstimmigem Gesang und bereits deutlich psychedelischen Einschüben und wird immer wieder mit guten Breaks versetzt. Noch einen großen Schritt tiefer in die Psychedelic geht es mit "The Liberal John F. Braverstock", hier von teilweise schrägen (wie beispielsweise bei Frank Zappa) Bläsern eingeleitet. In den englischen Text haben sich hier durchaus auch mal Worte wie 'Klofrau' und 'Kummerkasten' verirrt. Eigenwillig, aber auch amüsant und durchaus originell. Nach dem coolen Rocker "Heavy Rider" schließt das bisher beschwingteste Stück "I Make Music" die erste Seite der Schallplatte.

Erneut sehr beschwingt und von der Orgel sowie einem starken Schlagzeug-Groove leitet der "Country Clown" die zweite Seite ein. Wonderland setzte neben dem Lead Vocalist Frank Dostal auch hier auf mehrstimmigen Gesang. Das kürzeste Stück, "Unfaithful" ist dann lediglich eine kurze Zwischen-Etappe und mit knapp zwölf Minuten Spielzeit stellt "The Hill" das Finale dar. Und was für eins! Da ist ganz feine Gitarren-Arbeit am Start, bevor Dostal mit einer coolen Gesangs-Melodie einsteigt. Die Nummer ist tempomäßig eher verhalten und repetitiv, haut aber zeitweise mit voller Band (inklusive Bläser) rein und überzeugt als psychedelische Klein-Ode. Für den Rezensenten zusammen mit "Heya, Donna Laya" und dem abgefahrenen "The Liberal John F. Beverstock" einer der Höhepunkte der Scheibe.

Letzten Endes verkaufte sich "Wonderland No. 1" recht ordentlich, allerdings auch nicht sensationell. Da Achim Reichel mittlerweile andere Musik machen wollte und es obendrein noch zu Unstimmigkeiten mit dem Label kam, wurde Wonderland schlicht und ergreifend zu Grabe getragen. Das Duo Achim Reichel/Frank Dostal arbeitete in dem neuen Projekt A.R. & The Machines zusammen, bis Reichel schließlich auch solo und auf eigene Faust durchstartete, was unter anderem zu Alben wie Blues in Blond führte.

"Wonderland Band No. 1" ist ein feines Zeitzeugnis der Hamburger Rock- bzw. Psychedelic-Szene der frühen siebziger Jahre und durchaus wert, entdeckt zu werden. Nachdem die Scheibe vor etwas mehr als sechs Jahren als CD wieder auf den Markt kam, steht das Album nun glücklicherweise auch als Vinyl mit sehr gutem Sound wieder zur Verfügung. Und das auch noch mit einem etwas … ähem … psychedelischen, auf der Album-Rückseite abgebildeten Würfelspiel, inklusive Spiel-Anleitung. Lohnt sich unbedingt!


Line-up Wonderland:

Frank Dostal (vocals)
Achim Reichel (guitar, vocals)
Helmuth Franke (guitar)
Ladi Geissler (guitar)
Claus-Robert Kruse (guitar, organ)
Bernd Steffanowski (guitar)
Kalle Trapp (guitar, bass)
Hans-Uwe Reimers (piano)
Benny Bendorf (bass)
Hans Hartmann (bass)
Sten-H. Lineberg (bass)
Peter Franken (drums)

Jo Nay (drums)
Barry Reeves (drums)
Dicky Tarrach (drums)
Walter Rudolph (kettle drums)
Max Lindner (xylophone, chimes)
Bernhard Gediga (trumpet, baroque trumpet)
Peter Kallensee (trumpet)
Ernst Möhlheinrich (trumpet)
Walter F. Preu (trumpet)
Heinz Fadle (trombone)
Hermann Heinrich (trombone)
Friedrich Rhode (trombone)
Wiegand Schneidenbach (trombone)

Tracklist "Wonderland Band No. 1":

Side 1:

  1. Heya, Donna Laya
  2. The Liberal John F. Beverstock
  3. Heavy Rider
  4. I Make Music

Side 2:

  1. Country Clown
  2. Unfaithful
  3. The Hill

Gesamtspielzeit: 23:53 (Side 1), 19:37 (Side 2), Erscheinungsjahr: 2022 (1971)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
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Mail: markus(at)rocktimes.de

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