American Dog / Neanderthal
Neanderthal Spielzeit: 47:13
Medium: CD
Label: Bad Reputation, 2014
Stil: Hard Rock

Review vom 26.07.2014


Steve Braun
Wissenschaftlich völlig inkorrekt wird der Neanderthaler gerne als proportional missgestalteter Affenmensch dargestellt, der wegen ausgeprägter Schwachsinnigkeit schlichtweg von der Evolution ausgelöscht worden sei. Belesene Menschen wissen dagegen, dass genau das Gegenteil der Fall gewesen ist, allerdings der Neanderthaler nicht über die Anpassungsfähigkeit des Homo Sapiens verfügte.
Zudem ist unser Halbbruder keineswegs von der Bildfläche verschwunden, denn wir sind alle nicht nur Weltmeister oder Papst, sondern auch ein wenig Neanderthaler!! Neueste Genforschungen haben ergeben, dass es zwischen den Spezies zu Kontakten (auch sexueller Art) gekommen sein muss. In unserem Gencode stecken eindeutig Nukleinsäuren, die dem Neanderthaler zugeordnet werden können - vor allem in unserem eurasischen Kulturkreis.
Als 'echtes' Bindeglied zwischen dem Homo Sapiens Musicus und dem Homo Neanderthalensis Musicusensis darf dagegen die nordamerikanische Band American Dog gelten. Die Jungs reiten voll auf der radikal-kernigen Redneck-Schiene: »I keep drinkin' - you're still ugly!!« - da kommt doch hellste Freude auf, wenn man das alles nicht so furchtbar ernst nimmt. Die drei großen 'B's - nur das zählt wirklich: Bikes, Bier und Bräute!
Hell yeah, American Dog ist Assi'n'Proll-Rock'n'Roll vom Feinsten!! Selbstverständlich ist das nichts als reine Attitüde. Das sind richtig nette Burschen, wenn man nur selbst genug Trinkfestigkeit mitbringt, um adäquat dagegenhalten zu können - denn: American Dog »...Ain't Gonna Not Get Drunk Tonight«, niemals!!
Nach sechs Studio- und drei Live-Alben ist "Neanderthal" die siebte Veröffentlichung des ehemaligen Trios. Mit Vinnie Salvatore war erstmals ein zweiter Axtschwinger im Studio dabei, der den Sound der Band - offensichtlich und angenehm - 'verbreitern' konnte. Deshalb hebt sich "Neanderthal" kompositorisch deutlich von den (für meinen Geschmack) eher nur leicht überdurchschnittlichen Vorgängern "Mean" (2009) und Poison Smile (2012) ab.
Natürlich bleibt man der bewährten Linie treu: räudig-rüpelhafter Rock'n'Roll der härtesten Gangart, gerne mal mit einer Portion Southern Boogie à la Hatchet gespickt und vor allem bühnenreif (d. h. ohne jeglichen Schnickschnack) eingespielt. Nur ist die Riff-Grundierung mit der zweiten Gitarre naturgemäß saftig-fetter und sehr viel variabler als zuvor - besonders, wenn sich einer der beiden Gitarreros gerade auf solistischen Höhenflügen befindet. Da Vinnie Salvatore keinesfalls weniger 'rotzt und schnotzt' als Steve Theado, kann man mit Fug und Recht behaupten: Da haben sich zwei gesucht und gefunden!
Diese Entwicklungen haben auf "Neanderthal" zwei Songs hervorgebracht, wie ich sie in dieser Komplexität noch nie von American Dog gehört habe: "Sun Won't Shine" und "Devil Inside", beide deutlich über der Sieben-Minuten-Marke angesiedelt und knietief im Blues verwurzelt. "Sun Won't Shine" steigert sich nach einem stimmungsvollen Intro mit Slide-Einlagen in einen mörderisch-dampfenden Southern Boogie, der gegen Ende geradezu theatralisch in sich zusammenbricht. Wie geil ist das denn?? "Devil Inside" groovt auf einem glutvollen und PS-starken Midtempo-'Zwölfzylinder', verfügt über einen widerborstigen Mittelteil und endlose Soli der beiden axtbewaffneten 'Holzfäller'. Hier werden ultradicke Bretter gebohrt!!
Die restlichen acht Nummern sind genau diese Knaller, die man von American Dog erwartet: derbe, wunderbar grenzwertige Texte ("We Ain't Gonna Not Get Drunk Tonight"), donnernde Riffs ("Dirty Fun", "Start To Bleed"), gnadenlose Gitarrenduelle ohne das geringste Erbarmen ("Neanderthal"), knurrige Bässe und herzhaftes Schlagwerk an allen Ecken und Enden. Und über allem rülpst Frank Hannons von Hektolitern 'Mr. Jack' gegerbtes, versoffen-gröhlendes Reibeisenorgan. Das ist alles so herrlich abgefuckt...
Als besonderes Schmankerl gibt's den uralten Klassiker von Onkel 'Mushy Pear' Ted, "Dog Eat Dog", in einer atemberaubenden Version - von einem angedeuteten "The Star-Spangled Banner" stilecht Nuge-a-like eröffnet.
Sage mal noch einer, Neanderthaler seien vierschrötige Schlagetots - ausgeschlafener, ja sogar filigraner, hab ich persönlich bis dato die 'amerikanischen Höllenhunde' noch nie gehört. "Neanderthal" muss man sich garantiert nicht schönsaufen, aber allzu 'befindlich' sollte man nicht sein und am besten noch ein Faible für deftig-kernige Mucke mitbringen - dann basst des scho...
Line-up:
Michael Hannon (bass, lead vocals)
Steve Theado (guitars, backing vocals)
Michael 'Hazard' Harris (drums)
Vinnie Salvatore (guitars, backing vocals)
Tracklist
01:Carnivore (3:37)
02:Who's She Killing (4:36)
03:Dirty Fun (3:49)
04:Sun Won't Shine (7:24)
05:Neanderthal (3:58)
06:Stuck In The Mud (3:09)
07:We Ain't Gonna Not Get Drunk Tonight (3:45)
08:Dog Eat Dog (4:17)
09:Start To Bleed (4:44)
10:Devil Inside (7:25)
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