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Von den vielen neuen Genre-Newcomern der vergangenen Jahre aus Italien sind Ashent ein besonders schwerer Fall für den ermittelnden Prog-Kommissar. Das zweite Album des Sextetts aus Venedig höre ich nun schon zum wievielten Mal rauf und runter und werde einfach nicht schlau aus dieser Platte. Dabei kann ich die Band nicht einmal von dem Verdacht freisprechen, ganz im Sinne 'progressiver' Liedermacherkunst neue musikalische Rezepte auszuprobieren.
Ihr Motiv geben Ashent sogar zu: nicht die 'Großen' nachahmen - ja in keine Schublade gesteckt werden! Das Vorgehen der Täter scheint jedoch etwas verwirrend; der Tathergang auf dem Album "Deconstructive" schwer zu de-konstruieren (pun intended!). Der Experimentierfaktor ist durchgängig hoch; man vereinnahmt auch Einflüsse aus den Bereichen Thrash Prog à la Communic und Melodic Death Metal. Für Prog-Verhältnisse zugleich überraschend ist die Kompaktheit der Stücke - alles bewegt sich im Bereich von vier, fünf Minuten, mit einer Ausnahme von gut sechs Minuten. Doch trotz des akustischen Häppchen-Formats gehen diese Stücke ganz schwer ins Ohr.
Dafür gibt es bei progressiver Musik noch lange keinen Punktabzug. Doch erschließen sich mir auch nach mehrmaligem Hören in der Musik von Ashent nur wenige rote Fäden. Sie brennen ein zweifelsohne vorzügliches technisches Feuerwerk ab. Die Einflüsse stammen aus dem Bereich sehr harter und düster angehauchter Prog Metal-Musik im Stile von Redemption oder Beyond Twilight. Markante Passagen mit unterschiedlichsten Rhythmen, vertrackten Gitarrenriffs und von messerscharfen Breaks durchsetzten Double-Bass-Salven werden meist ziemlich atemlos aneinandergeschnitten.
Was im Detail sehr stark klingt, ergibt bei Ashent aber kein überzeugendes Gesamtbild. Die wilde Aneinanderreihung diverser Heavy-Hightech-Exerzitien wirkt zu unmotiviert. Zwischendurch erklingt plötzlich zwei Takte lang eine Akustikgitarre oder eine Keyboardmelodie, die nichts mit dem Drumherum zu tun hat. Es ist keine Entwicklung erkennbar, nur ein Hin- und Herschalten zwischen nervösem Vollgas und atmosphärischen Parts. Zuweilen erlebt man auch ein paar positiv konstrastierende, lyrische Klavierparts ("Ebb And Flow Of Awareness "). Doch das ist eines von nur wenigen Beispielen, bei denen das Schlagzeug nicht völlig overplayed daherkommt.
Die Melodien werden auf "Deconstructive" zwar deutlich in den Vordergrund gestellt. Was sicherlich als Kontrast zur druckvollen Heaviness der Rhythmussektion gedacht war, erweist sich aber als weitere Baustelle. Der sehr klare und hohe, an Rick Mythiasin (Ex-Steel Prohet) erinnernde Gesang kommt zunächst stark. Doch schon nach kurzer Zeit wirkt er bereits eindimensional und unflexibel. Die ganz weit ausholenden Melodien klingen zudem willkürlich, unausgereift, wenig emotional. Gleiches gilt für die recht diffusen Gitarrensoli.
Eine Ausnahme bietet da "Imperfect", das irgendwie alles anders macht - eine elegische Hookline, ein Frickel-Solo genau auf den Punkt, ein paar moderne Keyboard-Melodien im Stile von Andromeda und ein sehr eingängiger, wehmütig-getragener Gesang im Chorus. Auch "Ephemera" hat starke Momente, was das komplexe Riffing und die nachvollziehbaren Melodien angeht, aber auch den gelungenen Einsatz von Akustikgitarre zusätzlich zur elektrischen. Ein seltsamer Fremdkörper ist dagegen "How Could It Feel Like This?", das dank einiger elektronischer Klänge und Effekt-beladener Drums einen seltsam unpassenden Hauch von Elektro-Pop verströmt.
Eine erst einmal gelungene Idee von Ashent ist die Einflechtung von Melodic Death-Elementen. In fast allen Songs wird stellenweise parallel zum klaren Gesang zusätzlich gegrowlt - nicht zu vordergründig, eher als Effekt im Hintergrund. Dazu gibt's ausgedehnte Double Bass-Flächen und hohe Keyboards am anderen Ende des Klang-Spektrums. Schade nur, dass diese eigentlich gelungenen stilistischen Ausflüge immer wieder gleich klingen und im Endeffekt mit zu einem einheitlichen, etwas fantasielosen Gesamtklang von "Deconstructive" beitragen. Dessen Songs nicht wirklich schlecht, aber zu gewöhnungsbedürftig, um Ashent uneingeschränkt empfehlen zu können. Man braucht schon gute Nerven... ich habe "Deconstructive" nun oft genug gehört - aber nie zwei Mal am Stück.
Line-up:
Steve Braun (vocals)
Onofrio Falanga (guitar)
Cristiano Bergamo (guitar)
Davide Buso (drums)
Gianpaolo Falanga (bass, growls)
Paolo Torresani (keyboard)
| Tracklist |
01:Sinking Beneath (3:54)
02:Imperfect (4:18)
03:Ephemera (4:16)
04:To Develop Self-Creativity (1:41)
05:The Resonance Of Life (4:48)
06:Cassandra (5:07)
07:Spectral Vanity (5:27)
08:How Could It Feel Like This? (4:27)
09:Ebb And Flow Of Awareness (2:50)
10:Starlinked Innerness (6:17)
11:Eclipsing Binary (4:07)
12:Music For Departure (2:30)
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