Big Robot / Aquafit
Aquafit Spielzeit: 60:36
Medium: CD
Label: Karisma Records, 2009
Stil: Electronica, Avantgarde

Review vom 27.06.2009


Joachim 'Joe' Brookes
Elektronische Musik aus Norwegen?
So ziemlich alles haben wir in RockTimes schon an Genres und Ländern durch, aber diese Kombination ist, denke ich, neu.
Um in der Musikrichtung mit etwas aufwarten zu können, hat sich der Big Robot mit einer Kompetenz in Sachen Electronica/Avantgarde vernetzt: Christian Schnitzler, über den es mehr zu schreiben gibt, als vom namensgebenden Projekt der Norweger Per Sjøberg, Ole Christensen sowie Joakim Langeland.
Schnitzler, der eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen hat und Schüler von Joseph Beuys war, soll für Kraftwerk den ersten Synthesizer besorgt haben und hatte bereits mit Bands wie Tangerine Dream, Cluster oder Eruption zu tun.
Einen Abstecher in die Metal-Szene machte der Künstler auch noch: Für Mayhem komponierte er das Intro zu deren EP "Deathcrush".
Lassen wir den Metal mal weg, befinden wir uns mittendrin, im Sound-Zeit-Koordinatensystem von Big Robot und dem Deutschen.
Eine Frage sei berechtigt: Wie viel Schnitzler steckt in den Klangbahnen des 'großen Roboters', wenn man schon im Informationsblatt von »Schnitzlers philosophy and uncompromised expression is the building blocks on this exciting release« liest?
Welche Klangerzeuger genau an der norwegischen 'Wassergymnastik', von mir frei assoziiert, beteiligt sind, lässt sich nicht ausmachen. Ob echt oder künstlich erzeugt, man schwimmt im Nass ehemals so trendiger Sounds der oben genannten Bands und liefert gar einen 'synthetischen' Reggae ("Coca Kohle") mit teilweise deutschem Text ab. Pfiffige Idee, gut umgesetzt, obwohl der Track auf "Coca" von Schnitzlers "Con 3"-Album basiert.
Ob Avantgarde, Electronica, Industrial, oder Cosmic Instustrial, wie Big Robot es nennen, hat "Aquafit" meines Erachtens von allem etwas.
Nach fiktionär-synthetisch funktionierendem Reggae wird es nicht nur dem Namen nach avantgardistischer... "Psychic Joker" sowie der Titelsong sind schon gewöhnungsbedürftige Collagen, versehen mit wellenförmiger Dynamik und einer gewissen Modulationsmatrix.
Viele Eindrücke fließen auf den Hörer zu und man mag an die alten Tangerine Dream denken. Vor dem imaginären Auge geschieht verdammt viel.
Wenn man sich darauf einlassen kann, startet das Kopfkino von ganz alleine.
Schnitzler ist mittlerweile über die siebzig Jahre und immer noch ein Exot in seinen Ideen und die fast schon, wenn auch nur in kurzen Sequenzen, obligatorisch nach Walen klingenden Klänge, dürfen natürlich nicht fehlen.
Den Ort der Tat, also der Aufnahmen, gleich in zwei Nummern zu huldigen, hat an sich schon etwas Extravagantes. Darauf muss man kommen!
Dallgow... wird einer Big Robot-Gemeindereform unterzogen, in zwei verschiedene Orte geteilt: "Dall" wie "Gow" und, welch ein Zufall, entfallen auf diese beiden Stücke ein Drittel der Spielzeit. Folglich keine Kaffe am Rande der Republik, sondern richtige Großstädte sind diese beiden Nummern.
Welcher man nun den Zuschlag für die schönste Teil-Ortschaft im Havelland gibt, mag der Hörer entscheiden, so er sich diesen akustischen Gedankenmalereien hingeben möchte.
Eines schaffen die Leute von Big Robot und der Christian Schnitzler auf jeden Fall: "Aquafit" ist nicht einfach belangloses Gezirpe oder Gebrodel. Hinter allem steckt schon ein roter Faden und den hat zweifelsohne Herr Schnitzler in der Hand.
Ja, es sind umgesetzte Ideen und für die Vorstellungen von "Birds" bin ich vielleicht zu fantasielos, es sei denn, es handelt sich um Archeopteryx.
"Wild Mix" hat nicht unbedingt etwas Wildes und spätestens nach "Back To The Beast" weiß man, welche zusätzlichen Ideen hier und da hätten verwirklicht werden können.
Bei aller Vielfalt der Gedanken, es fehlt stellenweise die Rhythmik.
Sounds schweben, in einander fließen und sich Chamäleon-artig verändern lassen ist bestimmt gut, aber nur die eine Seite der Knöpfe und Regler. Ab und an mal so etwas wie Drums oder ein schön pumpender Bass, wenn auch künstlich erzeugt, wären nicht schlecht gewesen.
Letztendlich liest man, dass Big Robot 2009 in Schweden mit Amon Düül II unterwegs ist und auf der Bühne sehr wohl mit dem Drummer Kjetil Manheim (Mayhem) sowie dem Sänger Jonas Almquist von Leather Nun (die gibt es noch) auftreten.
Tracklist
01:Dyrenes Dronning (2:46)
02:Coca Kohle (3:39)
03:Psychic Joker (2:30)
04:Aquafit (4:06)
05:Dall (8:37)
06:Gow (11:29)
07:Dollgau Zugschlüss (5:24)
08:Birds (2:20)
09:Wild Mix (9:48)
10:Back To The Beast (9:56)
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