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Tja, so leicht kann man sich täuschen. Irgendwann in grauer Vorzeit, beim ersten Hören der Songsamples, hatte ich noch den Eindruck, als wären Blondelle eine Rock'n'Roll-Hoffnung der alten Schule. Beim intensiven Studium des CD-Albums stellt es sich nun heraus, dass die vier englischen Teenager massenkompatibles Indie-Garagenrock-Britpop-Punk-Geschrammel (patentierte Abkürzung lautet IGBPG) bieten. Aber das ist noch nichts: Manche sprechen gar im Zusammenhang mit "Die Pretty" das Wort 'retro' aus. Nichts genaues weiß man nicht, aber wenn 'retro' bedeutet, dass man das IGBPG der letzten sechs-sieben Jahre - das könnte das ungefähre Zeitfenster sein, in dem sich die Mitglieder bewusst mit Rockmusik beschäftigen - wiederkäut, muss der Begriff neu definiert werden. Unverzüglich!
Der Brithype scheint also noch nicht ganz vorbei zu sein, auch wenn "Die Pretty" in Europa bei einem italienischen Independent-Label erscheint (Rude Records), denn in Japan steht die Gruppe beim Major Columbia unter Vertrag und scheint dort bereits kleine Erfolge gehabt zu haben. Vielleicht hätte die Band noch eine größere Chance auf den großen kommerziellen Erfolg, wenn sie ein 'The' vor den Bandnamen setzen würde. Blondelle ist schon mal originell, das muss man anerkennen. Aber die existentiellen Fragen des Lebens stellen sich erst jetzt: Was werden die Brünetten sagen, von den Schwarzhaarigen gar nicht zu sprechen?
Nein, niemand soll mich nicht richtig verstehen, das ist keineswegs schlecht, was hier gespielt wird. Die Jungs haben durchaus Ideen und besitzen den typisch britischen Humor, der sich gleich im urkomischen Intro der die immens erfolgreichen Fünfjahrespläne lebendig in Erinnerung ruft ("2 Years Short Of A 5 Years Plan" ist sogar der beste Track) - Ostalgie in Reinform. Aber einigen interessanten Breaks, variablem Schlagzeugspiel stehen die simplen Gitarrenakkorde, der polternde Garagensound und das gutem Songwriting nicht unbedingt dienliche, auf drei Minuten beschränkte Songformat gegenüber. Die gelungenen Einfälle werden meistens nicht richtig zu Ende gedacht, der Musik wird so wenig Luft zum Atmen gelassen - IGBPG eben - und die Stücke enden oft, wenn man richtig losgelegt hat. Die Ausnahme wären vielleicht "Wonder" und "Yesterday's Man".
Der wenig originelle Antigesang von William Cameron kann auch nicht richtig gefallen, aber vielleicht werden die Jungs bei der Newcomer TV-Zielgruppe Erfolg haben. Ich persönlich werde jedoch weiterhin zu Dr. Feelgood, Quireboys und Co. greifen, wenn ich einfachen Rock'n'Roll aus Großbritannien hören möchte. Fazit: Ich werde langsam alt.
Line-up:
Rory O'Donnell (bass)
Sam Stewart (guitar)
Mike Deegan (drums)
William Cameron, Jr. (guitars, vocals)
| Tracklist |
01:Canary Effect
02:The English Way
03:Wonder
04:Golden Carriage
05:Yesterday's Man
06:Other People's Car
07:Robolove
08:Leave Em For Dead
09:Sofia Run Away
10:Snow Clear Lies
11:Die Pretty
12:With No Money
13:2 Years Short Of A 5 Years Plan
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