Chumbawamba / ABCDEFG
ABCDEFG Spielzeit: 44:46
Medium: CD
Label: Westpark Music, 2010
Stil: Modern Folk

Review vom 23.02.2010


Norbert Neugebauer
Nach knapp zwei Jahren liefern Chumbawamba den Nachfolger für The Boy Bands Have Won, der auch willkommener Anlass für eine weitere Tour durch Deutschland (ergänzt um ein paar Termine in Nachbarstaaten) im schönen Mai ist. "ABCDEFG" ist das mittlerweile 17. Album der englischen Polit-Folkband mit 17 ebenso kurzen, wie kurzweiligen Songkleinodien. Das Line-up ist noch dasselbe, ergänzt wieder mit einer Schar von Gästen aus dem Umfeld.
Der Albumtitel könnte genauso "La La La" oder "Sum Sum Sum" lauten - er steht für Musik im Allgemeinen und Besonderen. Denn inhaltlich dreht sich alles um Themen, die mit Musik zu tun haben. Und die verpackt das Quintett in federleichte, swingende, ohrfällige, seelenwärmende Melodien mit wenig (meist akustischer) Instrumentierung und anmutigen Folk-Vokalsätzen. Aber Vorsicht - auch diesmal versteckt sich hinter der Chumbawamba-Süße oft ein bitterer, trauriger, ironischer, karikierender oder scharfer Stoff, der den Zuhörer auf unterschiedlichste Weise reizt, wenn er erstmal den Guss abgeschleckt hat.
Die Stimmen klingen noch immer wunderbar, makel- und zeitlos, die Arrangements sind so abwechslungsreich wie stilsicher und reichen von a cappella, einer einfachen Rassel als Rhythmusgeber, zarter Klavier- Cello- oder Lautenbegleitung und viktorianischer Tanzmusik, über modernen Folk-Pop bis zu schwelgerischem Orchester-Aufguss. Und immer wieder leicht schräge Gimmicks wie Opernstimmen vom Grammophon, undefinierbare Hintergrundgeräusche, verstaubte Tanzsaal-Sounds, Stimmverfremdungen, Radio-Jingles oder quakende Frösche.
Nach der madrigalen "Introduction" folgt gleich der erste poppig-sonnige Ohrwurm "Voices, That's All". "Wagner At The Opera" protestiert raschelnd-krachend durch einen Holocaust-Überlebenden, als Wagner zum ersten Mal in Israel gespielt wurde. "Torturing James Hetfield" ist ein typischer Pranger-Song à la Chumbawamba. Im swingenden Fünfzigerjahre-Tanzsound nageln sie den Blechhohlkopf für seine Zustimmung zur Guantanamo-Psychofolter mit Metallica-Stücken pointiert und witzig ans Kreuz. Psychedlischen Folksound der Spätsechziger, bei dem Jon Boden von Bellowhead eingänggig fiedelt und zum Ende Chopper von der Oysterband mit dem Cello apocalyptic sägt, fährt "The Devil's Interval" auf. "Puccini Said" erinnert an die sanften Beatles, "Singing Out The Days" ist ein a cappella-Soldaten-Marschlied (was für ein Vokalsatz!) und bei "Missed" säuselt sich eine klagende Stimme durch Wald und Flur. Mit dem seemannsliedartigen "New York Song" und dem zusammen mit der No Masters Cooperative geschriebenen Schmähsong "Dance, Idiot, Dance" (im Schunkelrhythmus) auf die rechtsgerichtete British National Party klingt die Scheibe aus.
"ABCDEFG" ist ein typisches, also hervorragend gemachtes Chumbawamba-Album, das diesmal die folkigen und folkloristischen Seiten der Band in den Mittelpunkt stellt, aufgelockert durch Stilmittel aus anderen Bereichen. Bewundernswert einmal mehr das Gefühl für die schönen Harmonien und die kreative Umsetzung der Songideen. Chumbawamba bleiben ein Jungbrunnen für intelligenten, kritischen britischen Folk. Und so gibt es auch 2010 die dicke Empfehlung für alle Fans, mit "ABCDEFG" die noch lange Zeit bis zum Frühling zu überbrücken und dann zu einem der Konzerte von Chumbawamba zu pilgern.
Line-up:
Neil Ferguson (vocals, guitars)
Lou Watts (vocals, percussion)
Boff Whalley (vocals, ukulele)
Jude Abbott (vocals, brass)
Phil 'Ron' Moody (vocals, accordion)
Tracklist
01:Introduction (1:01)
02:Voices, That's All (3:30)
03:Pickle (2:43)
04:Wagner At The Opera (2:13)
05:Underground (3:30)
06:Torturing James Hetfield (2:17)
07:The Devil's Interval (4:00)
08:Hammer, Stirrup & Anvil (3:04)
09:Puccini Said (2:02)
10:That Same So-So Tune (2:35)
11:Singing Out The Days (2:18)
12:You Don't Exist (2:36)
13:The Song Collector (3:26)
14:Missed (1:40)
15:Ratatatay (3:40)
16:New York Song (1:13)
17:Dance, Idiot, Dance (2:43)
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