|
Mal wieder Lust auf was Ungewöhnliches, was Abgedrehtes? Dann seid ihr bei dem Neuseeländer Delaney Davidson richtig. Mir war zunächst ehrlich gesagt auch etwas schleierhaft, was ich von einer Scheibe mit dem Namen "Self Decapitation" (Selbst-Enthauptung) eigentlich erwarten sollte. Aber der Reihe nach: Der mittlerweile 38 Jahre alte Musiker ist schon von Jugend an ständig zwischen Neuseeland und Australien hin und her gependelt, war eigentlich grundsätzlich irgendwohin unterwegs, bis es ihn schließlich in die Schweiz, genauer gesagt nach Bern verschlug. Dort lernte er den Musiker Reverend Beatman und kurz danach auch das Label Voodoo Rhythm Records kennen, bei dem er schließlich auch einen Solo-Vertrag unterzeichnete. Zuvor war er Mitglied der Dead Brothers, mit denen er zwei Alben einspielte.
Davidson mag auch dem Großteil der RockTimes-Leser wahrscheinlich noch vollkommen unbekannt sein, nichtsdestotrotz hat der Mann doch tatsächlich schon drei Europa- und zwei US-Touren durchgezogen. Kommen wir zurück zu dieser Debüt-Scheibe: Unser Protagonist zeichnet hier nicht nur für sämtliche Songkompositionen und -texte verantwortlich, sondern hat dazu (von einer Handvoll Gästen abgesehen) auch noch alle Instrumente selbst eingespielt.
Sobald der Opener "Around The World" beginnt, hat man das Gefühl, sich auf einem völlig durchgeknallten Jahrmarkt zu befinden. Sowohl abgedrehtes Pfeifen wie auch echte Drums (von Dan 'Woggle' Elektro), eine irgendwie schiefe, stolpernde Gitarre und als Krönung die den Track bestimmende Posaune lassen umgehend an den irrwitzigen Kosmos eines Tom Waits denken, während die Nummer im Walzer-Takt ihre Kreise dreht und die eher dunkle, gar ein wenig unheimlich wirkende Stimme Davidsons ihre Geschichte erzählt. Abgefahren …
Nur mit akustischer Gitarre und (gesampeltem?) Streichinstrument untermalt kommt "Little Heart", dafür allerdings mit einer sehr starken Gesangsmelodie. Das Stück hat etwas Countrymäßiges, was Bluegrassmäßiges, ohne allerdings weder das eine oder das andere zu sein. "Homeward Bound" ist dagegen eine verschrobene Ballade, die instrumentell vor allem von ihrem warmen Keyboard-Sound lebt, bis ein 'krummes' Gitarrensolo die Führung übernimmt.
Aber um hier nicht falsch verstanden zu werden: Das läuft schon alles genau so, wie Delaney Davidson es haben möchte. Landen tut er dabei irgendwo in der Avantgarde. Textlich nimmt er uns mal zu reinen Vergnügungsreisen, mal in die tiefsten Abgründe seiner Seele mit, sodass man sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein kann, ob man es hier nun mit dem netten Herrn von nebenan oder mit einem Psychopathen zu tun hat, der kurz davor ist, völlig aus dem Ruder zu laufen. Das ist ganz großes Kino, was uns der Mann aus Ozeanien auf dieser Scheibe vorsetzt. Dazu vollkommen überzeugend gebracht, was in diesem Stil, bzw. auf diesem Niveau bisher noch nicht sehr viele andere (zumindest mir bekannte) Musiker abgeliefert haben.
Davidson erschafft diese Sound-Landschaft, ohne jemals aggressiv zu wirken oder seine Songs in hohem Tempo vorzutragen. Was diese Atmosphäre kreiert, ist vielmehr die etwas ungewöhnliche, unangepasste und manchmal auch anarchistische Zusammenstellung der Instrumente und Arrangements. Wobei wir wieder bei Tom Waits zu Zeiten von "Swordfishtrombones" (1983) angelangt wären. Irgendwo sind die Grundstrukturen dann doch alle im Country, im Blues, im Jazz und Singer/Songwritertum verwurzelt, wenn sie auch fantastisch 'verkleidet' werden. Wie zum Beispiel auch bei "Seasons Of God" und "In The Pines", bei denen man sich irgendwo nicht so ganz sicher ist, ob man jetzt im Himmel oder in der Hölle gelandet ist. Wohlfühlen tut man sich trotzdem dabei, ganz einfach weil Delaney Davidson trotz so mancher ungewöhnlichen Sounds immer hochmelodisch vorgeht.
Es gibt sehr viel zu entdecken auf "Self Decapitation". Wer Tom Waits' "Frank's Wild Years"-Triologie mag, der kann hier bedenkenlos zugreifen und sich in ein neues, elf Songs umspannendes Abenteuer stürzen. Mir macht diese Scheibe auf jeden Fall Höllenspaß …
Line-up
Delaney Davidson (vocals, all instruments)
With:
Dan Woggle' Elektro (drums - #1,3,6,7,8,11)
Reverend Beatman (guitar -#3,6)
Garage Kid (drums - #3,6)
E. McFadden (guitar, vocals - #5)
Melanie Jane (cello - #4)
Fanfare Kalashnikov (brass - #10)
| Tracklist |
01:Around The World
02:Tonight
03:In The Pines
04:Little Heart
05:Lackie's Men
06:Dirty Dozen
07:Back In Hell
08:Homeward Bound
09:Seasons Of God
10:I Slept Late
11:Magpie Song
|
|
Externe Links:
|