Sind drei Künstler aus Amerika auf den Hund gekommen? Welches Musik-Müsli haben die Leute denn zum Frühstück verzehrt? Wo kann man diese Klamotten, in denen sich Matt Whyte, Kamara Thomas und Ricc Sheridan auf vielen Bildern zeigen, noch kaufen? Sieht verdammt nach einer Zeit zwischen Mitte Sechziger bis Siebziger aus. Earl Greyhound ( EG) kommt aus Brooklyn und trotz des opulenten Sounds bleibt es bei einer Triobesetzung. Seit 2002 gibt es diese Formation und zunächst war als Schlagzeuger Christopher Bear dabei. Der ist zwar im Ort geblieben, hat sich aber zu einer anderen Band aus dem Staub gemacht: Grizzly Bear. Soll er dort sein Glück finden. Die Drumstöcke hatte er allerdings auf der ersten EG-Scheibe in Betrieb. "Soft Targets" erschien 2005. Der Weggang von Bear wurde durch Sheridan ausgeglichen und der Dreier konzentrierte sich zunächst auf Konzerte in den Staaten, Kanada sowie Japan. So stand man unter anderem als Support für Gov't Mule auf der Bühne.
Dem vorliegenden Folgemodell vom Debüt gab man den Namen "Suspicious Package". Für uns Europäer hat die Plattenfirma The Organisation am Ende der Platte noch drei Bonustracks obendrauf gepackt. Diese stammen aus der ersten Scheibe.
Kommen wir nun zu einer Stunde EG und ihren zehn neuen Kompositionen. Na ja, an und für sich sind es elf Tracks. Der Opener ist zweigeteilt. Geht hier überhaupt was los? Lauter, lauter, man muss alles mitbekommen! Vereinsamte Keyboardklänge suchen sich ihren Weg durch die Luft. Stellt das Trio den Hörer schon auf die erste Probe? Zwischen den Pausen wabert es immer mehr. Sheridan setzt die Becken ein. Die Thomas mit ihrer Afro-Haarpracht zupft erste tiefe Töne und lautmalert mit ihrer Stimme. Dann geht es plötzlich los ... mit lateinamerikanischer Rhythmik. Hammer, was ist das? Ganze fünfundzwanzig Sekunden holen den Hörer aus dem Sessel. Vorbei, der schöne Spuk. Die Keyboards perlen dauerhaft und Thomas singt. Hatte mich schon gewundert. Jaja, der Whyte mischt auch mit. Zunächst sehr zaghaft, aber mit zunehmender Dynamik packt er einen Gitarrenriff nach dem anderen aus und lässt im Solo direkt die Saiten fliegen. Der zweite Teil von "The Eyes Of Cassandra" rockt klasse und am Ende fällt alles in sich zusammen, als würde der Track in einem schwarzen Loch verschwinden.
Ohne die Fertigkeiten der anderen beiden Musiker schmälern zu wollen, muss man über die gesamte Distanz auf den Sheridan Obacht geben. Was der an perkussiven Elementen einfließen lässt ist ein Vollwaschgang ohne Ecotaste. Wow, jetzt geht es ab. "Oye Vaya" ist dran. Whyte und Thomas teilen sich die Lead Vocals und dieser Rock ist hart, psychedelisch und fast gnadenlos. Hier fliegen zu einer rhythmischen Dramaturgie die Fetzen. Unglaublich, wie tief man einen Bass klingen lassen kann. Okay, das ist ja erst der Auftakt. Nicht jetzt schon euphorisch werden.
Allerdings fundamentiert Earl Greyhound den initialen Eindruck. "Ghost And The Witness" legt eine Spur der Freude. Dann kann Whyte seine Stimme auch noch so phrasieren, dass er Robert Plant drauf hat. Fade out ... Hölle, welch ein brodelnder Schmelztiegel!
"Shotgun" scheint Kamara Thomas' Ding zu sein. Mit mittlerem Tempo und wirkungsvollen Gitarrenriffs singt die Frau in einer kein Ende findenden Gefühlswelt. Mit ihrem Bass treibt sie diesen Track durch eine staubige Wüste und man mag diese Stimmung. Der Hörer muss bei EG wohl mit allem rechnen. Irgendwie hat das Trio den Blues als versteckte Wundertüte in viele Songs verpackt. Der 12-Takter schimmert in unterschiedlichem Mehrwert durch die Arrangements, aber in "Sea Of Japan" ist die Tüte von ihrer Verpackung befreit. Es rockt, rifft, groovt und gefällt. Das ist Psycho-Blues knapp vor dem Kollaps. Nix Botox, alles handgemacht. Hin und wieder füttert Earl Greyhound den Hörer mit Süßem aus dem Orbit. Meine Schlaghosen passen nicht mehr.
"Black Sea Vacation" gehört, meint man, es mit einer anderen Band zu tun zu haben. Strom-Gitarren-Sechziger-Keyboard-Pop trifft auf herzliche Melodie. EG kann auch mit Samthandschuhen umgehen, ohne den Hörer zu verlieren und direkt eine neue Kontaktanzeige aufgeben zu müssen. Wenn es einen Song gibt, den Lenny Kravitz nie geschrieben hat, dann ist es "Bill Evans". Feinste Tastenklänge zwischen Synthesizer und Piano begleiten Whytes sowie Thomas Gesang und die beiden können so herrlich duettieren.
Ganz am Anfang der Karriere war Earl Greyhound ein Duo ohne Drummer. Wie das klingt, wird zu Beginn von "Out Of The Air", einer Ballade mit akustischer Gitarre und an einer Stelle leicht floydigen Klängen, präsentiert. Wir nähern uns mit einer weiteren Ballade im Schafspelz ("Misty Morning") den Bonustracks und sind gespannt, was auf dem Album "Soft Targets" los war.
Oh Mann, "S.O.S.", das muss man wörtlich nehmen. Led Zeppelin-Ambiente mit tonnenschwerem Rhythmus wird einem jetzt um die Ohren gehauen. Das ist die unglaubliche Akrobatik dieses Trios! Im ruhigen Gitarren-Stakkato-Riff-Intermezzo bringt man mehrstimmige La-las unter und dann begibt sich die Band abermals auf in die Gnadenlosigkeit ihrer Musik. "It's All Over" ist ein Indie-Song mit schnellen und scharfen Dr. Feelgood-Riffs sowie melodischem Gitarrensolo.
Earl Greyhound ist wild, elektrisierend, ekstatisch, bombastisch, sinnlich und verschreibungspflichtig.
Line-up:
Matt Whyte (vocals, guitar)
Kamara Thomas (bass, keyboards, vocals)
Ricc Sheridan (drums)
| Tracklist |
01:The Eyes Of Cassandra (Part I) (2:08)
02:The Eyes Of Cassandra (Part II) (4:33)
03:Oye Vaya (3:24)
04:Ghost And The Witness (3:44)
05:Shotgun (4:49)
06:Holy Immortality (3:20)
07:Sea Of Japan (3:50)
08:Black Sea Vacation (3:14)
09:Bill Evans (3:57)
10:Out Of Air (5:29)
11:Misty Morning (6:33)
Bonus Tracks:
12:S.O.S. (5:01)
13:It's Over (3:47)
14:I'm The One (5:28)
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Externe Links:
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