Joël Fafard / Rocking Horse
Rocking Horse Spielzeit: 38:10
Medium: CD
Label: Bellweather Music, 2006
Stil: Acoustic Folk

Review vom 25.11.2006


Norbert Neugebauer
Lebt eigentlich Leo Kottke noch?
Instrumentalalben sind immer was Besonderes. Es gibt nicht so viele Künstler, die sich ohne Gesang ausdrücken. Es besteht wohl die berechtige Befürchtung, dass eine solche Musik zu leicht als reine Hintergrundmusik und Berieselung abgetan wird. Und es ist natürlich viel schwerer, den Hörer ohne eine menschliche Stimme am Zuhören zu halten.
Im aktuellen Folkbereich kenne ich nur wenige "wortlose" Produktionen. In den Siebziger Jahren waren akustische Gitarrenalben (darunter auch einige sehr schöne aus dem deutschsprachigen Raum) mal angesagt. Und auf diversen Speziallabeln findet der interessierte Fan solche Schätze auch heute noch. Im Zuge des 'New Folk Movements', das jenseits des Atlantiks traditioneller Folklore zu neuer Aufmerksamkeit verhilft, frisch und mitunter recht aufregend serviert, haben auch Instrumentalisten eine Chance.
Dazu zählt der kanadische Gitarrist Joël Fafard, ein echter Könner vor allem auf der Slide. Mit seinem eigenen Stil aus Blues, Folk, Country, Bluegrass und keltischen Klängen wird er in seinem Heimatland sehr geschätzt. Sein selbstproduziertes "Rocking Horse" wurde als 'herausragendes Instrumentalalbum' für den Western Canadian Music Award nominiert. Es kam schon 2003 heraus, wird uns aber erst jetzt von Taxim hierzulande präsentiert.
Allerdings ist diese CD die Ausnahme. Wie nachzulesen ist, verfügt Fafard auch über eine gefühlvolle Stimme, mit der er sein sonstiges Spiel ergänzt. Auf der Bühne soll er gern den Hinterwäldler geben, der das Publikum aber sofort herumreißt, wenn er nur mit seinem außergewöhnlichen Fingerpicking beginnt. Auch bei uns war er schon zu erleben, er wurde bei der diesjährigen Popkomm in Berlin auf dem kanadischen Showcase 'Canadacoustic' präsentiert. Und tourte anschließend für vier Wochen.
Egal, hier geht's ums Vorliegende. Zusammen mit Richard Moody an Violine/Viola und Gilles Fournier am Kontrabass hat Fafard ein sehr munteres Album hingelegt, das quer durch den Folkgarten führt. Die drei ergänzen sich hervorragend, das ist absolut eine Gemeinschaftsarbeit, bei der keineswegs die Gitarre im Vordergrund steht. Im Gegenteil, meist übernehmen die sehr variabel klingenden Streichinstrumente Moodys die Führungsarbeit. Und das Slide-Spiel ist sehr homogen und pointiert eingesetzt, keine ellenlangen Exkursionen. Selbst in dieser kleinen Konstellation beschränkt sich der Bass keineswegs auf Grundlagenarbeit, wie nicht zu überhören ist. Da wird nicht nur geschrammelt, geknarzt und geslapt, ganz im Stil wie etwa eines Miroslav Vitous ertönt er oft als drittes Soloinstrument. Die 13 Songs aus der Feder von Fafard perlen nur so aus den Lautsprechern, eingefangen in einem schönen warmen Sound, der die akustischen Instrumente bestens zur Geltung bringt.
Eindeutig ist die Basis die Musik seiner Heimat Saskatchewan, einer der Prärieprovinzen Kanadas. Allerdings die der europäischen Einwanderer, nicht der Ureinwohner. Der Unterschied zu den angrenzenden amerikanischen Nachbarn ist in dieser Hinsicht freilich nicht so groß. Das ist der Sound der ländlichen Bevölkerung, Feierabend- und Unterhaltungsmusik, natürlich hier konzentriert und auf einem ganz anderen Level. Aber das klingt genauso organisch und flutscht nur so. Meist schnellere Nummern, nur "Unless It's Not" kommt als langsamer Walzer daher. Bei "Sweet Mosquito Buzz" ist sogar etwas Gypsie-Swing im Geigenspiel. "Voodoo Hoodoo" tönt ganz modern, die beiden Melodieinstrumente duellieren sich, marschieren aber auch unisono southbound. 38 sehr unterhaltsame, aber auch leider sehr kurze Minuten, dieser Ritt auf dem Schaukelpferd.
Und was ist jetzt mit Leo Kottke? Er war einer der Pioniere für instrumentale Gitarrenmusik, mit ähnlicher und damals atemberaubender Technik, der auch in Rockkreisen geschätzt wurde. In seinem Sound spiegelte sich ebenfalls die Tradition, die er aber mit einer rockigen Attitüde verband. Nicht nur "The Last Waltz of John Kordic" erinnert mich sehr an einen der ganz Großen früherer Tage. Vielleicht hören wir auch mal wieder was von ihm. Ich halte meine RockTimes-Ohren weit offen!
Line-up:
Joël Fafard - guitar
Richard Moody - violin, viola
Gilles Fournier - double bass
Tracklist
01:Fire Breathing Trout
02:Squirrel
03:Sweet Mosquito Buzz
04:La Ronge
05:Painted Sky
06:Unless It's Not
07:Voodoo Hoodoo
08:Shoshanna I Don't Wanna
09:Fred Brophy
10:The Last Waltz of John Kordic
11:Blue Gramma
12:Alice in Grenfell
13:The Big Thaw
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