The Graviators / Same
The Graviators Spielzeit: 61:00
Medium: CD
Label: Record Heaven/Transubstans Records, 2010
Stil: Doom / Hard Rock

Review vom 21.03.2010


Ingolf Schmock
Eigentlich würde man vermuten, dass der propere Gärtopf voll schwarzkuttiger Gesellen, die finsteren Blickes tiefer gestimmte Saiten malträtieren und sich den Lehren von verborgenen Erscheinungen lautstark unterwerfen, seinen Überschuss als hässliches Rinnsal unwiederbringlich in den Hades vergießen müsse. Dass dem nicht so ist, beweisen uns in regelmäßigen Abständen erscheinende Genre-Tonträger einer nachgewachsenen Musikergeneration, die sich wohl dieses höllische Gebräu mit der Muttermilch einverleibten, um es später als künstlerische Intentionen auszukotzen.
Getreu dem derzeitigen Trend, vom abnehmenden prätentiösen Maximalismus zum musikalisch geweihten Klassizismus der Siebziger folgend, überraschen jungblütige Aspiranten der schwarzmetallischen Langsamkeit immer häufiger mit grundsoliden und erquickend altmodischen Studioauswürfen, die mit einem gewissen Hauch von Modernität mattenwehende Nostalgie hoffähig zu gestalten vermögen. Dabei spielt die musikalische Vorherrschaft des Classik Rock-Königreiches und Vaterlandes Sabbath'scher Abgesänge schon längst nicht mehr die erste Geige, zumal der hohe Norden mit gedimmten Lichtverhältnissen schlichtweg idealen Nährboden für okkulte, düstere Zeremoniengesänge der härteren Gangart darbietet, und die ureigenen Inspirationen der Skandinavier mittlerweile durchaus Paroli bieten können.
So ist man geneigt, jegliche neue Genrevertreter aus jenen Landstrichen mit Fanfaren zu begrüßen, die sich geradewegs aufmachen, das mattglänzende Dreieck zwischen Hard Rock, Doom Metal und Schwarzer Messe mit feierlicher Akribie zu erforschen und tonträgertechnisch zu besiedeln.
Jetzt versuchen vier beseelte schwedische Heißsporne aus dem dichten Dunstkreis doomiger Kollegen hervorzutreten und mit ihrem Debüt mehr als nur ein paar Smörebrötkrümel zu erhaschen.
Mit reichlich Selbstvertrauen ausgestattet, beschränken sich die Protagonisten jedenfalls nicht darauf, sich der gruftentlassenen musikalischen Muster zu bedienen, sondern erweitern die Genregrenzen um einige feinmotorische Nuancen, ohne dabei dem Spielwitz und der nötigen fragilen Atmosphäre einen Makel zu verpassen. Widersprechend ihres Bandnamens The Graviators erbieten deren musikalische Attribute doch recht erdverbundene Elemente, die als gebündelte Zielkoordinaten unvermeidlich in die Unterwelt führen.
Schwergewichtige bzw. mutwillig mehrere Halbtonschritte heruntergetrimmte E-Gitarren, hypnotisch verzerrte Bassläufe sowie nebulös beschwörende Gesänge widerstreben einer neuen musikalischen Versuchsanordnung, blasen stattdessen allerhöchstens eine gehörige Portion Staubpartikel von den prähistorischen Proto-Metal-Vorlagen.
Es werden hierbei zehn frischverpackte Kompositionen nicht als überlagerte Auftauware kredenzt und auch nicht des Kaisers neue Kleider hofiert, dagegen aber geradezu mit enorm patentiertem Selbstvertrauen ausgestattete, todesverachtende Moritaten ausgepackt.
Die Akteure bemühen sich redlich, durch das Geschwindigkeitswechselspiel der schwarzlackierten Monotonie zu entrinnen und ihrem grummelnden Doom-Geschwitz inklusive der dräuenden Stimmung durch kultivierte flotte Melodien das Senkblei zu entziehen.
Das Songwriting insgesamt ermöglicht zwar wenig Spielraum, köchelt dennoch eine vitale instrumentale Mischung, die teilweise ungewöhnlich und für so manchen verwöhnten Hörer auf seltsame Art doch zwingend erscheint.
Die Schweden verblüffen in ihrem pubertären Drang und mit frischer musikalischer Interpolitur, die selbst ältere Stoner und Doom Metal-Gassenhauer wie Pentagram oderSaint Vitus als abgelebte Anachronisten erscheinen lassen. Voluminöse, rostig quietschende Gitarrenriffs fräsen sich unaufhaltsam durch aufgetürmte Palisaden aus bollerigen Bassrhythmen und stoisch flankiertem Schlagwerk, deren streckenweise zäh fließende Zeitlupen-Arrangements zwischendurch vom Gaspedal strapaziert werden, dass man die beizende Testosteron-Note allenthalben zu spüren glaubt.
Niklas Sjörbergs rituelles und sehr eindringliches Organ dürfte jedenfalls alle traditionsbewussten Underground Doom-Jünger zu einem verzückten Beschwörungstanz vor dem heimischen Kaminfeuer animieren.
Durch alle scharfkantigen Höhen und Tiefen begleiten ihn seine wallemähnischen Gesellen durch die unbehaglichen Beschwörungslieder, ohne dabei Gefahr zu laufen, die synergetischen Interpretationen jeglicher Spannungslosigkeit auszuliefern. Ob bei dem mit psychedelischen Stuckaturen ausgeformten und monolithischen "Mountain Man", nebst dem akustisch geschmückten "Back To The Sabbath" oder gar beim brachial-funeralen "Planet Gone" scheuen sich die ungeschminkten Protagonisten nicht, mit kleinen erfrischenden Einlagen das abgegriffene musikalische Korsett etwas zu lockern, wenn es dann zu eng wird.
Trotz bleierner Black Sabbath-Riffs, die sich mit Stoner-vernebelten Collagen und levitierenden Rhythmusattacken paaren, versuchen selbige innerhalb schwarzgefärbter Siebziger Heavy Rock-Ursuppe ihr ureigenes Claim für sich abzustecken. Offensichtlich verfügt das Quartett dabei über keinerlei kommerzielles Kalkül, noch wollen sie als 'schwergewichtige' Erneuerer aufs Treppchen steigen, zumal in diesem Genre übergroße Innovationskellen weiß Gott den Brei verderben könnten.
Hervorstechende Eigenschaften dieser Produktion sind auf jeden Fall die Tatsachen, dass hier keine Saiten dreschenden Flegel mit plumpem Voodoo-Gekreische bzw. platten satanistischen Aussagen am Werke waren, und dass selbigem die streng analog gehaltene Produktion der Brüder Blomström insbesondere spürbar gut zu Gesicht zu stehen vermag.
Zu diesem empfehlenswerten Erstling aus den fundusbeladenen Genreschubladen für die härteren Hörerfraktionen sehe ich angesichts der begrüßenswerten Qualitäten und dem Gespür des beseelten schwedischen Labels für die Jungs eine reale Chance, sich vom Wust unzähliger unmotivierter musikalischer Grabräuber abzukoppeln.
Line-up:
Niklas Sjörberg (vocals)
Martin Fairbanks (guitar)
Johan Holm (bass)
Henrik Bergman (drums)
Tracklist
01:Keep Em Comin'
02:Storm Of Creation
03:Back To The Sabbath
04:Juggernaut
05:Shapes Of Babylon
06:Mountain man
07:Saturnus '84
08:She's A Witch
09:Roller
10:Planet Gone
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