The Holmes Brothers / State Of Grace
State Of Grace Spielzeit: 54:43
Medium: CD
Label: Alligator Records, 2006
Stil: All American Music

Review vom 27.12.2006


Norbert Neugebauer
Thanks Joe!
Fast hätte ich ohne Bluesbruder Joe diese formidable Scheibe verpasst und mich dafür kreuzweise in den Arsch beißen müssen! Ich hatte hinter dem Titel nämlich saisonbedingt eine der unseligen Weihnachtsscheiben vermutet (also das absolut tristeste, was diese triste Zeit mit sich bringt), aber auf seine Empfehlung hin doch mal online reingehört. Und die Ohren gewaltig aufgesperrt!
The Holmes Brothers waren seltsamerweise bislang noch nicht in meiner Plattensammlung gelandet, obwohl die Herren erstens nicht mehr die Jüngsten sind, zweitens schon seit 1979 zusammen Musik machen, drittens mit sechs W.C. Handy Award (jetzt Blues Award)- Nominierungen für ihr Album "Simple Truth" einen Rekord aufstellten und viertens immer wieder als eine der besten Bands, die traditionelle schwarze U.S.-Musik zeitgenössisch auf Platte und Bühne bringen, von den unterschiedlichsten Institutionen benannt werden.
Die leibhaftigen Brüder Wendell Holmes (guitar, piano, vocal), Sherman Holmes (bass, vocal) und ihr angenommener Popsy Dixon (drums + lead vocal) stammen aus Virginia, sind allerdings seit langem in New York zuhause. Die inbrünstigen Gospel- und Bluestöne des amerikanischen Südens sind ein wesentlicher Bestandteil ihrer Musik, dazu integrieren sie auch noch erstklassige Funk-, Pop-und Country-Titel in ihr Repertoire. Drei klasse Stimmen, soulful und bluesy, die solistisch oder im Chor alles beherrschen, was einmal gute amerikanische Musik ausmachte. Archaisch wie Taj Mahal, mitreißend wie die Temptations, betörend wie die Neville Brothers, heavy wie Buddy Guy, (fast so) schmalzig wie Don Williams und herzergreifend wie die Blind Boys Of Alabama.
Und das alles ist in "State of Grace", ein Querschnitt durch die letzten Jahrzehnte nordamerikanischer Musik, gekonnt, stilsicher und up to date interpretiert. Dazu sind die drei Herren, die da vom CD-Cover im Gegenlicht strahlen, auch noch hervorragende Instrumentalisten und Songschreiber. Zusammen mit ihren Gästen liefern sie 14 Titel ab, einer schöner wie der andere. Mit dabei sind als bekannteste Namen Rosanne Cash, die Band-Freundin Joan Osborne und
Levon Helm. Und mit diesen zelebrieren sie drei Titel, die wohl ihren sonstigen Begleitmusikern die Tränen in die Augen treiben. Mit der Cash hauen sie den Hank Williams-Song "I Can't Help It If I'm Still In Love With You" raus, so rührend altmodisch, wie ihn sich wohl niemand mehr in Nashville aufzunehmen traut. Gleich im Anschluss schrammeln sie dann in bester C&W-Manier "Bad Moon Rising" runter, als hätte der CCR-Hit nie anders geklungen.
"Three Gray Walls" ist ein Soul-Song im Stil der Sechziger Jahre (geschrieben von Glenn Patcha, der auf fast allen Tracks mitwirkt, meist an den Tasten), bei dem sich Aaron Neville fragen mag, wann er da mitgesungen hat. Mit Ms. Osborne stimmen sie einen schwungvollen Gospel ("Those Memories Of You") an. Schmuse-soulig geht's mit "I Want You To Want Me" (ja, dem Cheap Trick-Song!) und gekonnt-sentimental mit "Ain't It Funny What A Fool Will Do" weiter. "Standing In The Need Of Love" ist ein Bluesrocker mit krachender E-Gitarre. Zusammen mit Levon Helm liefern sie mit "I've Just Seen The Rock Of Ages" die beste Band seit deren "Last Waltz" ab. Gospelhaft noch einmal der Schluss: "God Will", das zweite Cover von Lyle Lovett. Das erste ist "If I Had A Boat", das die Herren einmal mehr als tolles Vokal-Trio präsentiert. Die CD beginnt mit "Smiling Face Hiding A Weeping Heart", bei dem die Brothers mit Glenn Patcha popmäßig anfangen, dann soulmäßig aufrüsten und sich in ein Bluesfinale mit bemerkenswerter Gitarren-Orgel-Kooperation steigern. "Close The Door" bringt eine weitere Überraschung. Eigentlich eine Gospelnummer, die aber mit harschem Gesang und akustischer Gitarren/Mandolinen/Tamburin-Begleitung eine ganz eigene Note bekommt. Das Gitarren-Riff von "If Not For You" läutet mit "(What's So Funny 'Bout) Peace, Love And Understanding" einen Pop-Schlager mit Pedal-Steel-Unterstützung ein, der Hippie-Feeling produziert. Dann 'funkts' nochmal mit "Gasoline Drawers", die Brüder machen aus dem Nick Lowe-Song einen absoluten Ohrwurm, das Ding hätte sich früher wochenlang in den Top-Ten der Soul-Charts festgefressen.
Schade, dass wir die erst kürzliche Tour der drei Herren in Deutschland verpasst haben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und bis dahin sind wir im "State of Grace".
Thanks Brothers!
Tracklist
01:Smiling Face Hiding A Weeping Heart
02:Close The Door
03:(What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding?
04:Gasoline Drawers
05:I Can't Help It If I'm Still In Love With You
06:Bad Moon Rising
07:Three Gray Walls
08:If I Had A Boat
09:Those Memories Of You
10:I Want You To Want Me
11:Ain't It Funny What A Fool Will Do
12:Standing In The Need Of Love
13:I've Just Seen The Rock Of Ages
14:God Will
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