Hourglass / Oblivious To The Obvious
Oblivious To The Obvious Spielzeit: 139:00
Medium: Do-CD
Label: Eigenproduktion, 2009
Stil: Prog Rock


Review vom 25.04.2009


Boris Theobald
Wieder so ein auf Mainstream-Kurs glattgebügelter Dream Theater-Klon, denke ich mir nach ein paar Takten Hourglass. Denkste! Das Denken sollte ich sowieso den Pferden überlassen. Die hätten größere Köppe, sagt mir meine Mutter immer. Erst wird der Hörer im Stile eines Alle-Monate-Wieder-Prog-Teils angefixt; und nach ein paar Takten öffnet sich ganz schnell eine wahre Wundertüte "Oblivious To The Obvious" ist ein progressiver Grenzgang zwischen Rock- und Metal-Einflüssen verschiedenster Geschmackssorten, der mehr als zwei Stunden dauert und trotzdem nicht langatmig wird.
Dream Theater-lastig legt die fünfköpfige Combo aus Utah dennoch los. Doch schon der Opener ist trotz eindeutiger stilistischer Referenzen viel zu gut für Plagiats-Vorwüfe. "On The Brink" fesselt mehr als zwölfeinhalb Minuten lang mit einem Mix aus einerseits brutal eingängigen Gesangs-Passagen mit Bäume ausreißenden Staccato-Riffs und andererseits unendlichen Instrumental-Strecken, die einen selbst dann noch staunen lassen, wenn man Petrucci, Portnoy, Rudess und Myung gewohnt ist. Und das will was heißen!
Auch "Skeletons" ist ein Stück ultrahartes Präzisionsmetall, mit dem man auch problemlos Anhänger von Redemption, Andromeda oder Symphony X für sich gewinnen kann. Bis zum Abwinken gespickt mit übermenschlich tighten Läufen, Frickeleien und Rhythmuswechseln gelingt Hourglass ein ums andere Mal die perfekte Architektur aufwändiger Prog Metal-Longtracks, bei denen unzählige Melodien kreativ miteinander verzahnt werden.
Hourglass jedoch als Prog Metal-Band zu bezeichnen, ist schon mit dem zweiten Song nicht mehr ohne Weiteres möglich. "Homeward Bound" offenbart über weite Strecken Neo Prog-Anleihen, für die vielmehr Marillion oder Pendragon Pate stehen könnten. Meist wandeln Hourglass aber genau auf der ominösen Schwelle zwischen Rock und Metal. Das Finale von "Faces" erinnert an Galahad, die verspielten, aber nicht kindischen Melodien von "Facade" an Everon und die bildschöne Entfaltung verträumt-intensiver Melodien zu vertrackter, dabei gleichermaßen legerer Rhythmik an Enchants erstes Album "A Blueprint Of The World".
Zugegeben: Derart plakativ kann man die Musik von Hourglass eigentlich kaum beschreiben. Namen bekannter Bands sollen nur als ungefähre Richtschnur einer gewissen Geschmacks-Verwandtschaft dienen. Mit was soll man einen Song wie "Pawn II" auch vergleichen, wo atmosphärischer Frickel-Flamenco, ein Schuss Orientalisches, Funk Rock, galoppierende Heavy Metal-Refrains und technisch halsbrecherische Technik-Wunder aus Menschenhand zusammengemixt werden? Eine emotionale wie kompositorische Achterbahnfahrt, eine 'Rhapsody In Prog'!
Eine Nähe zu Enchant drängt sich dadurch immer wieder auf, dass Sänger Michael Turner, der für dieses dritte Album neu zur Band gestoßen ist, stimmlich große Ähnlichkeiten zu Ted Leonard aufweist. So umfangreich die musikalische Palette der Band alleine auf diesem einen (Doppel-)Album ist, so vielseitig schafft es auch Turner, zu überzeugen - aggressiv und druckvoll bei den Metal-lastigeren Stücken, wehmütig klagend bei "Faces", das zum Teil sogar psychedelische Züge hat, intensiv und emotional im Mittelpunkt bei dem über weite Teile akustisch gehaltenen "Estranged".
Eine großartige Gesangsleistung. Besonders die wahrlich progressiven Melodielinien von "38th Floor" samt betäubend schöner Höhen sind nicht von dieser Welt. Dabei machen die Gesangs-Parts mit diesem Rohdiamanten namens Michael Turner nur geschätze 50 Prozent des Albums aus. Die andere Hälfte besteht aus einer instrumentalen Weltklasse(!)-Performance, die zur Steigerung der allgemeinen Herrlichkeit auch noch weit über egozentrische technische Sportlichkeiten hinausgeht; stattdessen stets einer sinnvollen Entwicklung folgt.
Alle Beteiligten bilden eine fantastische Einheit. Die Gitarre und das Keyboard in einer Vielzahl an neuzeitlichen Klängen à la Andromeda und Circus Maximus und Retro-Synthesizer-Klängen eifern im steten Wettstreit um die prickelndsten Melodien. Währenddessen lässt John Dunston am Schlagzeug mit unerschöpfliche Kunstgriffen Einflüsse von Leuten wie Neil Peart, Mark Zonder, Mike Portnoy oder Nick D'Virgilio erkennen.
Das Zusammenspiel all dieser Ausnahmekönner klingt immer wieder Jazz-beeinflusst, in der Art, wie alle Instrumente mit einer ausgebufften Rafinesse und zugleich einer gefühlten Spontaneität einander ergänzen - teils auch in Form unglaublich packender Prog-Jams. Sie demonstrieren, wie man progressive Musik für Kopf und Bauch zelebriert, und das hundertfach. Besonders möchte ich aber die Leistung von Basser Eric Blood - noch ein Neuling in der Band - hervorheben. Der groovt, der frickelt, der brummelt, der slappt und zupft, dass einem der Atem stockt. Sein Tieftöner ist mächtig prominent in den Vordergrund gemischt und hat sogar eine Hand voll waschechte Soli.
Mit den Lyrics krönen Hourglass ihr brillantes Doppel-Album. Die Texte sind gar nicht abgehoben, sondern nah am Leben, handeln etwa von großen Sehnsüchten und Träumen, die zu platzen drohen ("Homeward Bound"), von unglücklicher Liebe ("Pawn II"), von menschlicher Entfremdung in einer modernen Welt ("Faces") und von deren alltäglichem Druck, der einen an den Rand des Wahnsinns treiben kann ("On The Brink"). "38th Floor" wird aus der Perspektive eines frustrierten Büro-Angestellten erzählt, den Gedanken über verpasste Chancen quälen.
Der in fünf Sektionen unterteilte Titeltrack, der mit seinen scharfen Wechseln aus drängenden Passagen und sehr ruhigen, intimen Momenten an einen Spock's Beard-Longtrack erinnert, kann einem beim Hören besonders nahe gehen. Das Thema ist eine der großen Geißeln der Menschheit, die Diagnose Krebs. Als der Protagonist von seiner unheilbaren Krankheit erfährt, beschließt er, sein Leben zu ändern und realisiert, dass er seinen Kindern all die Jahre kein guter Vater war. Verfolgt wird er von den schlimmen Erinnerungen an seine eigene Kindheit.
"Oblivious To The Obvious" schafft es tatsächlich, seine textlichen Botschaften sehr eindringlich auch auf musikalischer Ebene zu transportieren. Jetzt könnte man darüber streiten, ob das Spannungslevel im langen "38th Floor" zwischenzeitlich mal durchhängt, oder ob es ganz am Ende des Titeltracks glücklich ist, mit einem 9:19 Minuten langen Instrumental aufzuhören.
Letztendlich ist jede der 139 (!) Minuten stimmig - es ist wohl eher das Durchhaltevermögen auch des eingefleischtesten Proggers, der zwar mehr als 70 Minuen lange Alben gewohnt ist, aber bei der prallen Herrlichkeit von mehr als zwei Stunden Spielzeit beim Wechseln der CDs einfach eine Pause braucht, um wieder aufnahmefähig zu sein. Aufnahmefähig für ein genial zusammengeführtes Potpourri aus zahllosen Unterarten progressiver Rock- und Metal-Musik mit vielen Farbtupfern anderer musikalischer Welten, aufgenommen von ein paar heimlichen Stars aus dem fernen Utah.
Line-up:
Michael Turner (vocals)
Brick Williams (guitar)
Eric Blood (bass)
John Dunston (drums)
Jerry Stenquist (keyboard)
Tracklist
CD 1:
01:On The Brink (12:39)
02:Homeward Bound (9:58)
03:Pawn II (13:41)
04:Faces (11:53)
05:38th Floor (21:22)
CD 2:
01:Facade (14:50)
02:Skeletons (6:58)
03:Estranged (7:05)
04:Delirium [instrumental] (10:20)
Oblivious To The Obvious (30:33)
05:Part 1 - No Chance
06:Part 2 - Realization
07:Part 3 - Remember Me
08:Part 4 - In My Hands
09:Part 5 - Redemption (instrumental)
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