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Jamie Kent noch keine Sau.
Wie, keine Witze mit Namen? Doch, der würde das bestimmt erlauben, denn Jamie Kent präsentiert sich auf seiner Website doch selbst mit reichlich Humor und einer gesunden Portion Selbstironie. In einer Mariachi-Band hat er gespielt und in einer a-cappella-Gruppe sowie in einer 16 Mann starken Big Band gesungen, sagt er. Er steht auf bequeme Klamotten und coole Hüte, beschreibt sich außerdem als übermütigen und umweltbewussten Zyniker mit seltsamem Muttermal auf dem Rücken, der besser singen als Gitarre spielen kann. Solche Leute muss man einfach Musik machen lassen, oder?
Noch ist er ein Geheimtipp. Aber daheim in Nordamerika arbeitet der Mittzwanziger aus Massachusetts eifrig an seinem Bekanntheitsgrad und lässt dazu keine Gelegenheit aus, sein Können live auf der Bühne zu zeigen - sei es mit 'kompletter' Rockband oder als Akustik-Trio Jamie Kent & The Options. Sein zweites Album "Navigation" bietet ihm dazu auch reichlich starkes Material. Stilistisch ist Jamie Kent ein Singer/Songwriter, der macht, was er will und auch keine Mühen scheut, das alles genau so umzusetzen. Seine Mitmusiker benutzen Banjo, Mandoline, Pedal Steel, Hammond, Cello, Klavier, Saxofon, Kontrabass...
Was dabei rauskommt, ist beispielsweise im Titelsong "Navigation" eine Art funkig angehauchter R&B-Rocker im Mitteltempo mit Southern-Piano im jazzig-relaxten Raggae-Drive. So viel drin, so viel dran - und trotzdem klingt der Mix genial federleicht. Noch Fragen? Vielleicht zum Gesang? Damit kann Jamie Kent so richtig punkten. Seine Stimme klingt reifer und 'älter' als sie ist und macht seine Messages glaubwürdig, verleiht der Musik Tiefgang. Gleichzeitig hat er eine ordentliche Portion 'Sunny Boy' à la Jack Johnson im Organ - wenn er denn will. Stimme und Stimmungen sind angenehm wandlungsfähig, so wie seine Songideen pfiffig und abwechslungsreich sind.
Das Spektrum reicht vom flott pulsierenden Fusion-Groover "Hold On" (mit fantastischem Hammond-Solo!) bis hin zum nachdenklichen "The Fear": Hauchzarte Instrumentierung mit wunderschönen Details von Piano und Pedal Steel. Dazu kommt der Gesang, der beinahe schon zu kraftvoll wirkt - aber er zieht den Rest mit; gegen Ende baut der Song eine optimistische Portion Energie und Drive auf. Ganz fein gemacht! Bei der soulig-warmen Dreivierteltakt-Nummer "Fight For This Love" schwingt irgendwie Lionel Richie mit. "Lovers Lost" ist drolliger Ukulelen-Jazz-Pop mit Ragtime-Solo. Und mit "Drop Baby Drop" liefert Jamie Kent einen Reggae mit Saxofon-Sondereinlagen ab - übrigens das einzige Cover; die Vorlage stammt von Eddie Grant.
Ein besonderes Experiment stellen Jamie Kent und Kollegen mit "So Bad" an. Der Song ist ein temporeicher R'n'B-Rocker mit feinen Big-Band-Zutaten. Am Ende des Albums wird der Song mit "So Bad, Still" noch einmal aufgegriffen - langsamer, reduzierter, und extrem lässig. Kontrabass statt E-Bass - und der groovt und hüpft und tänzelt ganz genüsslich vor sich hin. Das ist so ein Song, bei dem man zwar cool bleibt und nicht ausflippt, aber sich trotzdem bewegen muss. Da schwenkt der Kopf auf den Schultern hin und her und vor und zurück wie der eines Wackel-Dackels beim Fahren übers Kopfsteinpflaster. Singt da eigentlich wirklich ein Weißer? Wow...
Unterm Strich am Bemerkenswertesten finde ich trotz allem "Changes", "Rosalita" und "I'll Be Here Tonight". Das sind 'klassische' Singer/Songwriter-Stücke - irgendwie gedankenversunken, aber sie entwickeln dennoch eine mitreißende (ganz überwiegend rein akustisch generierte) Dynamik. Die Einsprengsel von Banjo, Mandoline und Streichern versprühen einen Hauch von Country. Die feurig-folkige Liebeserklärung "Rosalita" hat heimliches Hitpotenzial; und "Changes" ist vielleicht das Stück mit dem meisten Tiefgang. Es erinnert mich in angenehmster Weise an Colin Hay, den Ex-Frontmann der Australier Men At Work, der ganz hervorragende Soloalben macht.
Jamie Kent kann auch ein Großer werden. In ihm steckt ein leidenschaftlicher Troubadour mit Herz und Verstand. Wohl dem, der Jamie kennt.
Line-up:
Jamie Kent (acoustic guitar, lead vocals)
Rhees Williams (upright and electric bass)
Tim Boucher (banjo, string arrangement, backing vocals, resonator guitar, piano, Rhodes, Wurlitzer, melodian, twelve string guitar - #1,2,6,9,10)
Dan Holmes (drums - #1)
Bill Carbone (drums - #1,2,3,4,5,6,7,8,9,11)
Auyon Mukharji (violin, mandolin - #1)
Harris Paseltiner (cello - #1)
Danny Bernini (percussion - #3,9,10)
Beau Sasser (Hammond organ, clavinet - #3,4,5,7,8,11)
John Waynelovich (piano, electric piano - #3,4,5)
Jon Graboff (pedal steel - #3,10)
Scott Murawski (electric guitar - #4,7,8)
Jessica Freeman (backing vocals - #4)
Nick Borges (trumpet - #7)
Emily Duff (tenor saxofone - #7)
Kathryn Rapacki (trombone)
Charles Neville (alto saxofone - #9)
Sen Morimoto (baritone saxofone - #9)
Paul McNamara (organ - #10)
| Tracklist |
01:Changes (4:07)
02:Rosalita (3:30)
03:The Fear (5:09)
04:Hold On (3:29)
05:Navigation (4:19)
06:Lovers Lost (3:39)
07:So Bad (3:19)
08:Fight For This Love (4:30)
09:Drop Baby Drop (3:12)
10:I'll Be Here Tonight (3:48)
11:So Bad, Still (4:35)
12:Changes (Reprise) [0:48]
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Externe Links:
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