King Of Agogik / The Rhythmic Drawing Room
The Rhythmic Drawing Room Spielzeit: 67:02 (CD1), 67:35 (CD2)
Medium: CD
Label: superskunk/Saustark Records, 2010
Stil: Instrumental, Prog Rock, Art Rock

Review vom 14.03.2010


Boris Theobald
Ein Lehrer, der nur seinen Stoff runterrattert, den will doch keiner. Nee nee, anderen Menschen Wissen zu vermitteln, damit sie es nicht nur aufnehmen, sondern auch begreifen, dazu gehören nicht nur Lehrbücher, sondern auch Leidenschaft, Engagement und Einfühlungsvermögen, dazu gehören Herz und Verstand, und am besten noch ein bisschen Witz. Anderen Wissen beizubringen, ist eine Kunst.
Und anderen Menschen nicht nur Wissen, sondern gar Kunst beizubringen? Hans Jörg Schmitz hat für sich entschieden, dass dazu selbst die vorhandenen Lehrbücher nicht ausreichen - also schreibt er sie selbst! Der Andernacher ist Schlagzeuglehrer von Beruf und legt mit "The Rhythmic Drawing Room" bereits das dritte 'Audio-Lehrbuch' vor, sozusagen...
Seit Anfang der Achtziger war Schmitz stetig Mitglied in einer Band, wenn nicht gar zwei oder drei zur gleichen Zeit... 2006 schlug er dann neue Wege ein, machte als King Of Agogik mit seiner ersten Solo-CD "Membranophonic Experience" zum ersten Mal ganz allein die Musik, die er wollte. Was schließlich könnte für einen Lehrer, der seinen Lehrlingen und Schülern nicht nur Wissen und Technik, sondern Kunst vermittelt, wichtiger sein, als Kreativität?
Er lebt sie vor - zum ersten Mal sogar auf einer Doppel-CD und damit satte zweieinviertel Stunden lang! "The Rhythmic Drawing Room" ist nicht nur ein endloser Fundus an Drumpatterns unterschiedlicher rhythmischer, stilistischer und technischer Möglichkeiten, sondern liefert die Songideen gleich mit. Also: keine Angst vor dem Soloalbum eines Schlagzeugers! Ein mega-monster-mammufantöses Drumsolo? Mit Nichten und Neffen.
Allein der Blick aufs Line-up verrät ja, dass nicht nur der 'King' höchstselbst mit allerlei Schlag-fremdem Instrumentarium hantiert. Da zaubern noch acht Gastmusiker mit und bearbeiten diverse akustische und elektrisch verstärkte Gitarren, verschiedene Dicksaiter inklusive Chapman Stick und Fretless Bass, und reichlich Tasteninstrumente wie diverse Keyboards, Mellotron und Minimoog.
Sie alle folgen den Rhythmen des Kings Of Agogik durch eine schier endlose Reise in musikalische Fantasiewelten. Gestückelt in Portionen zwischen ohrgerechten Ein-Minuten-Häppchen und mosaik-artig zusammengetüftelten, künstlich zerklüfteten, komplexen Longtracks von bis zu einer viertel Stunde Länge ziehen 'König' & Co. stilistisch fast alle Register der (Rock)Musik.
Zäh fließendes Akustik-Ambiente wird von Rock'n'Roll überrollt, auf klassische Metal-Riffs folgen unversehens ein paar Stückchen Tango oder 80er-Funk und Klanggebilde orientalischen oder fernöstlichen Anstrichs, hier ein paar Takte irische Folklore und da Classic Rock. Breitflächig wummernder Synthie-Art Rock und Gitarren-lastige Melodieexperimente à la Vai oder Satriani folgen dabei abrupt aufeinander.
Dass es der Drummer ist, der hier die Marschrichtung vorgibt, das kann man ausblenden - wenn man möchte. Die Rhythmik drängt sich dem Hörer nicht auf, denn der King Of Agogik akzeptiert, dass Rhythmik ohne Melodie genau so wenig geht wie Melodie ohne Rhythmik! Lässt man sich doch auf die rhythmische Dimension ein, präsentiert sich eine schier endlose Vielfalt an ein- bis zweistelligen Ziffern ober- und unterhalb des Bruchstrichs. Oder, wie Mr. Spock den Sinnspruch vulkanischer Logik zitieren würde: »Infinite Diversity In Infinite Combinations...«
Dabei bieten die unscheinbarsten, kleinen Zwischentracks oft sogar noch die ausgefallensten tektonischen Taktverschiebungen. Ob kompakt oder ausschweifend, die insgesamt 22 Stücke des "Rhythmic Drawing Room" sind eine Schwindel erregende, unvorhersehbare Berg- und Talfahrt aus Passagen, die einfach nur abgehen und rocken und schwer experimentellen Minuten aus dem Klanglabor, die man erstmal verdauen muss.
Und dazu liefert der King Of Agogik auch die notwendige Prise Witz. Die verwendeten Sound-Samples reichen von Dampfloks und Applaus über Kirchenglocken und Meeresbrandung bis zu diversen 'vorkommenden' Tieren, die grunzen, bellen, zirpen und gackern. Mirnichts, dirnichts ertönt das Thema der Muppet Show, "Old Macdonald Had A Farm", oder die Stimme von John Cleese, der als cholerischer Hotelier in "Fawlty Towers" seinen Kellner Manuel anschnauzt: »There is Too Much Butter On Those Trays...«
Ob positive, gut gelaunte und genial groovende Vibes, kurzatmige, beklemmende Hochspannungsmomente oder endzeitliche Sci Fi-Anmutung zwischen dramatischem Bombast und minimalistischem Weltraum-Flackern - gerade die Kombination all dessen erzeugt surreale Klanglandschaften, die sich im raschen Wechsel nahezu 'szenisch' aneinanderfügen und eine Menge 'fantastischer' Bilder im Kopf erzeugen Hans Jörg Schmitz besitzt definitiv ein Talent zum Komponieren von Filmusik. Nur, dass dieser Film erst noch geschrieben werden müsste. Es wäre ein Mix aus Märchen, Thriller, Science Fiction und Alice Im Wunderland.
Vergleichbar ist "The Rhythmic Drawing Room" mit nix auf der Welt, nur mit den bisherigen Alben unter dem Namen King Of Agogik. Und Hans Jörg Schmitz' Spiel en detail zu analysieren, bleibt der Sticks-schwingenden Fachgemeinde vorbehalten. Nur so viel: Seine klanglich voluminöse und zugleich kleinteilige Spielkunst hat definitiv Züge von Neil Peart... und an Rush, zwischen und spacig-abgedrehten "Cygnus X-1"-Tagen und den klanglich transparenten 80ern, erinnern auch zahlreiche kompositorische Versatzstückchen.
"The Rhythmic Drawing Room" ist schon eine sehr spezielle Angelegenheit... manch Schmitz'scher Schüler wird sich noch Jahre lang an den Ergüssen seines Lehrers entlang hangeln - aber auch so mancher nicht unbedingt auf Schlagzeug spezialisierte Freund progressiver Klangkunst auf der Suche nach dem akustischen 'Kick', nach einem Audio-Guide in eine unwirkliche Parallelwelt, sollte dieses Machwerk einmal antesten, zum Beispiel auf der königlichen Website. Aber Vorsicht: 'Normal' ist das nicht...
Line-up:
Hans Jörg Schmitz (drums, cymbals and sounds, keyboard, guitar, bass)
Dirk 'Dago' Wilms (guitar, mandolin and bass)
Volker Cornet (bass)
Michael Elzer (Chapman stick)
Mathias Borbonus (bass)
Michael Schmoigl (bass)
Philipp Schmitz (keyboard)
Enno Nilson (keyboard)
Erik Vaxjö (keyboard)
Tracklist
CD 1:
01:The Last Guru (11:22)
02:Ed Gate (6:12)
03:Stick, Trick & Track (4:48)
04:The Disgusting Life Of Lupus W. (13.38)
05:Ostia (7:08)
06:66 Scary Seconds (1:06)
07:Sunset On Chinese Wall (3:48)
08:T.Parade (2:22)
09:The Old Backyard (8:15)
10:Prog'n'Roll (2:51)
11:Moonlit Window (2:51)
12:Too Much Butter (1:52)
13:...There Is More To Come.... (0:45)
CD 2:
01:Leave (14:14)
02:Welcome To The Butchery (5:47)
03:Moonlit Night (1:29)
04:+ (11:12)
05:The Crimson Drawing Room [Part 1 + 2] (12:43)
06:Bod Food (7:00)
08:Under The Ark (10:19)
09:Eos (1:30)
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