Leichenwetter / Klage
Klage Spielzeit: 58:27
Medium: CD
Label: Metal Axe Records, 2007
Stil: Gothic Metal


Review vom 23.01.2007


Ulli Heiser
Schmunzelnd sitze ich hier und schreibe das Review über das neue Leichenwetter-Album "Klage", obwohl mir der Goth Metal-Fetzer "Altes Lied" mit dem gruseligem Heinrich Heine-Text modrig um die Ohren weht.
Ich schmunzle, weil ich den ersten Absatz meiner Besprechung des Vorgängers Letzte Worte aber so was von exakt übernehmen könnte, an diesem Tag Eins, nach dem Orkan Kyrill.
Am Konzept, Texte alter deutscher Klassiker mit brachialen Metallgitarrenwänden und traumhaft melodiösen Keyboardteppichen ins noch junge Jahrtausend zu transportieren, hat sich gottlob nichts geändert. Die Auswahl der Gedichte reicht zeitlich vom 17. Jahrhundert bis zum Expressionismus, wobei das Düstere, Traurige, ja auch Brutale des vom Dreißigjährigen Krieg geprägten Barocks aus jeder Pore der Titel dringt. Numen bringt es fertig, die alten Texte mit einer Intensität zu präsentieren, die einem einen Schauer nach dem anderen den Rücken runter jagt.
Mehrstimmige Chorgesänge 'verdunkeln' des Öfteren die eh schon schaurig-schöne Stimmung und wenn dann Dawes Gitarre ihre Riffbretter abschießt, Rudiator die passende Elektronik beisteuert, ist man einem gefühlten Weltuntergang sehr nahe. Herrje, Leichenwetter haben den Bandnamen sehr gut gewählt.
RaweN und Cpt. Loft brillieren mit auf den Punkt gebrachter Präzison. In Gottfried Benns "Requiem" zum Beispiel. Dazu Lyrics, die man des Nachts allein im dunklen Keller besser nicht hören sollte:

»Auf jedem Tische zwei. Männer und Weiber
kreuzweis. Nah, nackt, und dennoch ohne Qual.
Den Schädel auf. Die Brust entzwei.
Die Leiber gebären nun ihr allerletztes Mal.

Jeder drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden.
Und Gottes Tempel und des Teufels Stall
nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden
begrinsen Golgatha und Sündenfall.

Der Rest in Särge. Lauter Neugeburten:
Mannsbeine, Kinderbrust und Haar vom Weib.
Ich sah von zweien, die dereinst sich hurten,
lag es da, wie aus einem Mutterleib.«


Dieses Gedicht des »...wohl bedeutendsten deutschen Lyrikers der Moderne neben Rilke und Brecht...« (Zitat: Reclam Verlag) beschreibt, laut Kommentierung, die Gräuel des Ersten Weltkrieges und zeigt mir, dass Leichenwetter sich sehr gekonnt aus dem Fundus deutscher Denker bedient haben. Texte mit Aussage und absolut passend zum Stil der Band aus Iserlohn. Es entwickelt sich eine Art Dynamik zwischen der Musik und den Texten: Beide Komponenten, Instrumentales und Gesangliches, sind jede für sich gesehen, bereits mit enormer Aussagekraft versehen; zusammengebracht strotzen sie vor unbändiger, düsterer Power. Gothic Metal at it's best. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat man auch klanglich das Beste herausgeholt, denn niemand Geringeres als Eroc hat das edle Finish 'aufgetragen'.
Ja, der Grobschnitt-Eroc, und das erwähne ich bewusst, denn der 'gemeine "Solar Fire"-Fan' wird in der Regel an einer Platte auf der "Leichenwetter" steht, vorbei gehen - was ein Fehler ist, verpasst er doch dadurch eine starke Platte mit zum Nachdenken anregenden Texten, mit Musik, die begeistert, die durchschüttelt und einen animiert, vor der heimischen Anlage zu posen und abzurocken. Oder noch besser, die Stimmung der Musik live mitzugenießen, denn Leichenwetter sind momentan auf Tour (Termine auf unserer Tourseite).
Ich, als Grobschnitt-Fan, flippe jedenfalls aus, wenn mir z.B. das "Schwanenlied" oder "Sehnsucht" entgegen dröhnt. Das ist 'gefühlte Musik', ehrlich und unheimlich powervoll, mit Texten, die man versteht und die so weit weg sind, von den oftmals konstruierten und an den Haaren herbeigezogenen Lyrics, die einem in der Popularmusik so oft begegnen. Hier darf man Musik und Text die gleiche Aufmerksamkeit schenken. Freunde des Genres werden sich freuen und die Platte lieben. Allen anderen empfehle ich, antesten und wenn es schnakelt, dann schnakelt es. Lediglich die beiden Mixes (Tracks 11 und 12) gehen weniger in meine Ohren. Aber die sind auch nicht für mich gedacht, sondern sollen der Band den Weg in die Dancehalls ebnen.
Ich stehe vor der Anlage, schüttle meine Knochen und die ergraute Matte, spiele Luftgitarre, schaue aus dem Fenster und es ist wieder "Leichenwetter". Und ich singe:

» Du mußt glauben, du mußt wagen,
denn die Götter leihn kein Pfand,
nur ein Wunder kann dich tragen
in das schöne Wunderland.«
Line-up:
Numen (Gesang)
Dawe (Gitarre, Chor)
Cpt. Loft (Bass, Chor)
Rudiator (Elektrik)
RaweN (Schlagwerk)
Tracklist
01:Altes Lied (Heinrich Heine)
02:Klage (Georg Trakl)
03:Allerseelen (Georg Trakl)
04:Schwanenlied (Gottfried August Bürger)
05:Sehnsucht (Friedrich Schiller)
06:Und die Hörner des Sommers verstummten (Georg Heym)
07:Requiem (Gottfried Benn)
08:Menschliches Elende (Andreas Gryphius)
09:Gesang der Geister über den Wassern (Johann Wolfgang von Goethe)
10:An einem Grabe (Hermann Hesse)
11:Requiem (Noise RMX)
12:Klage (Club Mix)
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