Living Loud / Live In Sydney 2004
Live In Sydney - 2004
It's Only Rock 'n' Roll But I Like It!
Wie, kommt euch bekannt vor?
Trotzdem soll hier jetzt nicht von den ewig rollenden Steinen die Rede sein, sondern von einer Spaßtruppe namens Living Loud, die im Frühjahr dieses Jahres in Europa ihr Debüt-Studioalbum herausbrachten.
Selbiges war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz neu, denn es erschien im Ländle seiner Entstehung bereits am 26.04.2004.
Ein hochinteressantes Projekt hatte sich da zusammengefunden, wobei der Hauptausgangspunkt das Bestreben zweier Musiker war, ihre vor gut zwei Dekaden ‚gelöschten' Beiträge zu Ozzy Osbournes Solomeilensteilen "Blizzard Of Ozz" und "Diary Of A Madman", an denen sie auch entsprechend mitgeschrieben hatten, endlich mal adäquat der geneigten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das war allerdings gar nicht so einfach, denn Schlagwerker Lee Kerslake ist nach wie vor sehr gut bei Uriah Heep beschäftigt und Bob Daisley, der Mann, der schon überall seinen Tieftöner reingehalten hat, wo es was zu rocken gab, hat seinen Lebensmittelpunkt mittlerweile auf der anderen Seite der Erdhalbkugel.
Aus diesem Grund konnte es für ihn auch nur eine Wahl für den Frontshouter geben:
Australiens 'Meckerziege' No.1, Mr. Jimmy Barnes, gebürtiger Schotte und laut einer Jimmy Barnes-Fansite (Link siehe unten) für kurze Zeit Nachfolger von Bon Scott bei der australischen Prog(hard)rock Combo Fraternity, die dieser Richtung AC/DC verlassen hatte. Unmittelbar darauf muckte er mit einer Formation, die sich später Cold Chisel nennen sollte und zu einer absoluten Rockinstitution Australiens wurde.
Blieben also noch Leute für die 6 Saiten und die Tasten. Da Jimmy Barnes zur entsprechenden Zeit zusammen mit Deep Purple auf deren Australien-Tour gejammt hatte, waren ruckzuck Steve Morse und Don Airey mit an Bord.
Somit begannen im Juli 2003 erste Sessions, man schrieb noch zusätzlich eine Handvoll neue Songs und heraus kam das bereits angesprochene Studioalbum.
Aber, wie das schon immer üblich war, bei Musikern diesen Ranges hat die Plattencompany selbstredend ein großes Interesse daran, dass zum Veröffentlichungszeitpunkt etwas Besonderes passiert.
Und so ergab es sich im April 2004, dass Deep Purple wiedereinmal auf dem fünften Kontinent unterwegs waren, Lee Kerslake bekam ein entsprechendes Flugticket, die Band probte kurze Zeit, bevor die beiden Purples zum Soundcheck ihrer Stammband mussten, spielten mit dieser ihren Gig und begaben sich anschließend umgehend ins Melbourner 'Metro' (25. April 2004) und auf die Stage 11 der 'Fox Studios' von Sydney (26. April 2004), um mit ihren drei Mitstreitern eine rockige Releaseparty zu feiern.
Der zweite Abend wurde, wie sich das heutzutage gehört, in Bild und Ton festgehalten und mittlerweile auch als DVD (schon etwas länger) und CD (seit kurzem) veröffentlicht.
Um letzteres Dokument handelt es sich bei dieser Rezension und der Autor ist, gelinde gesagt, von den Socken.
Bei den beschriebenen Umständen hätte mensch eigentlich nicht viel erwarten dürfen: nur ganz wenige Proben und zwei Leute, die schon einen kompletten Konzertabend in den Knochen hatten.
Gerade deshalb verblüfft das Ergebnis dieses Abends.
Die Band spielt das komplette Album in Originalreihenfolge und macht dieses nicht weniger als komplett überflüssig!
Hier hauen 5 Haudegen des klassischen Rocks wirklich alles raus, was dieses Genre hergibt. Was für eine Party!!!
Hatte mich schon das Studioalbum einigermaßen beeindruckt, so fange ich hier und jetzt das ultimative Moshen auf meinem Sofa an.
Die Gitarre rifft wie das Donnerwetter, haut irre Soli raus, die Rhythmusfraktion rollt voran wie eine gut geölte Rockmaschine, die Orgel ergänzt mit zurückhaltenden aber durchaus effektiven Klängen und
Jimmy Barnes erscheint in der Form seines Lebens, nach diversen Höreindrücken der letzten Zeit für mich eine große und freudige Überraschung. Mensch kann ja von seinem Organ halten, was mensch will, aber hier erweist er sich als herausragender Interpret klassischer Rock-Tunes und stellt seine Studioperformance locker in den Schatten. Gleiches gilt für Steve Morse, in seiner Eigenschaft als Nachfolger von Richie Blackmore bei Deep Purple ob seiner wenig Rock 'n' Roll-geerdeten Flitzefinger-Fusionsklänge am Griffbrett ebenfalls nicht wirklich unumstritten, hier und jetzt feuert er ein Riffgewitter nach dem anderen ab, lässt den Kollegen Angus Young noch älter aussehen, als dieser es ohnehin schon tut und begeistert mit zusätzlichen, hochgradig filigranen und virtuosen Gitarrenläufen, die einfach nur begeistern können. Ich persönlich habe ihn so bei Purple noch nicht spielen hören.
Ebenfalls überraschend ist für mich, das Lee Kerslake live in der Lage ist, einen derart strammen und knackigen Beat vorzulegen, der zusammen mit dem Tieftöner von Bob Daisley ein traumhaft sicheres Fundament legt, auf dem sich die Band austobt. Zusätzlich runden drei Backingsängerinnen das Ganze fabelhaft ab. Nicht immer kommt der Einsatz weiblichen Backgroundgesangs dem Gesamtergebnis zu Gute. Hier passt es wunderbar und gibt der Geschichte noch eine zusätzliche Würze. Nahezu alle Titel gewinnen im Vergleich zur Studioplatte ob ihrer Erdigkeit, Direktheit, Rauheit, Dynamik und Leidenschaft des Vortrags enorm dazu, zudem erscheint das ganze Paket aus alten Ozzy-Nummern und neuen Titeln noch kompakter und harmonischer. Ich habe mich ja bereits als Ozzy-Sabbath-Nichtkenner geoutet und hätte ich es nicht in den Credits nachgelesen, ich wäre wirklich nie auf die Idee gekommen, dass es sich bei Songs wie "Flying High Again", "Crazy Train" oder "Tonight" um ursprüngliche Ozzy Osbourne-Songs handelt.
Living Loud machen sich diese Vorlagen komplett zu eigen und präsentieren einen knackigen, schmissigen, kraftvollen, energischen und gleichzeitig virtuosen Hardrock, der so klassisch ist, dass er eigentlich nur das Prädikat 'Zeitlos' für alle Zeiten bekommen kann. Und es zeigt sich mal wieder eindrucksvoll, dass hierzu eigentlich nur Briten in der Lage sind!
Zum Schluss beglücken sie uns noch mit zwei Klassikern der Rockgeschichte, nämlich "Gimme Some Lovin'" (Spencer Davis Group) und "Good Times" (Easybeats), welche diese Formation endgültig als hochenergetische Rock 'n' Roll-Combo ausweisen, denn hier fliegt des Rezensenten Kopf mit der verbliebenen Restmatte wie wild durch die Gegend, die Orgel röhrt, der Bass groovt, das Schlagzeug stolpert, die 6 Saiten werden grandios gequält und Jimmy flippt fast aus, der Wahnsinn! Der Spaß und die Freude der 5 Musiker ist geradezu physisch greifbar, ein vorbildliches Live-Dokument im ursprünglichen, offenbar nicht nachbearbeiteten Sound, der die vergleichsweise Enge der Bühne plastisch ins Wohnzimmer transportiert und die Schweißtropfen der Protagonisten geradezu hinterherwirft.
Fazit:
Liebe Leute, dieses Teil ist für jeden ernstzunehmenden Rock 'n' Roller etwas härterer Gangart eine absolute Pflichtveranstaltung, entweder als tolle Ergänzung des bereits vorhandenen Studioalbums oder allein als deutlich mehr Spaß machende Alternative. Musiker dieser Qualität sollten ruhig häufiger abseits ihrer ausgetretenen und erfolgsorientierten Pfade endlich mal das machen, was sie eigentlich schon immer wollten: It's Only Rock 'n' Roll But I Like It!
Der Rezensent jedenfalls ist vollkommen aus der Puste, sucht mit zitternden Händen die Repeat-Taste, macht sich das nächste Pils auf und begibt sich abermals auf eine irre Reise in die Welt dessen, was bereits die Rolling Stones vor drei Dekaden längst wussten: It's Only Rock 'n' Roll But I Like It!


Spielzeit: 67:25, Medium: CD, EMI, 2004/2005
01:Last Chance (3:50) 02:I Don't Know (4:21) 03:Every Moment A Lifetime (7:36) 04:Crazy Train (6:09) 05:In The Name Of God (4:19) 06:Flying High Again (5:13) 07:Pushed Me Too Hard (6:10) 08:Mr. Crowley (5:46) 09:Tonight (5:20) 10:Walk Away (5:00) 11:Over The Mountain' (5:39) 12:Gimme Some Lovin' (6:27) 13:Good Times (4:41)
Bonus-Disc: Interview (55:54)
Olaf "Olli" Oetken, 13.10.2005