Mule geht immer... dachte ich mir, als das Debütalbum von
Miraculous Mule zur Besprechung angeboten wurde. Wie sich schnell herausstellen sollte, ist "Deep Fried" das ungewöhnlichste Musikerlebnis, das seit Jahren meinen musikalischen Weg gekreuzt hat.
Paradox wie der Titel ist auch die Musik, wunderlich - wie der Bandname suggeriert - ist sie allemal. Gospel trifft auf Roots Music und vernascht währenddessen abwechselnd Blues und Americana. Und als ob all dies noch nicht genug Anlass zur Verwirrung wäre, wird dann noch lupenreiner Fifties-Rock'n'Roll ("Satisfied") oder gar ein jammiges Bluesmonster à la
Cream ("Prettiest Train") nachgelegt. Spätestens nach "Early In The Mornin'" stellt sich zudem die Frage nach Genie oder Wahnsinn völlig neu. Diese Nummer klingt wie von einem, mit einer 'Königsmischung' aus fünf 20er Valium,
Shake 'em On Down und
John The Revelator zugedröhnten Klon aus
Johnny Wakelin,
Carl Douglas (
»Huhh! Hahh!!«) und
Mississippi Fred McDowell dargeboten. Ein 'Blues' der 'etwas' anderen Spielart...
Und dieser Blues stellt auch den Kitt dar, der diese hochexplosive Melange des
Miraculous Mule zusammenhält. Gemeint ist garantiert nicht dieses manchmal tröge, traditionell-altbackene Zeug, sondern eher der radikal-minimalistische Ansatz von Blues-Avantgardisten wie
GravelRoad, der
Reverend Peytons Big Damn Band oder gar der
Juke Joint Pimps.
Ein völlig abgedrehtes Produkt wie das 'wundersame Maultier' kann wahrscheinlich nur in einem kulturellen Schmelztiegel wie London entstehen. Das Trio legt die rabenschwarzen Wurzeln des Blues mit skurril-anarchistischem britischen Witz frei. Zwei scheinbar unvereinbare Welten treffen hier aufeinander. Man kann das Ergebnis, "Deep Fried", wahlweise als 'musikalischen Urknall' oder 'Schuss in den Ofen' wahrnehmen - kalt wird dieses zumindest spannende Erlebnis wohl niemanden lassen.
Dass der
MM-Mastermind
Michael J. Sheehy ein überaus erfrischendes Verhältnis zum Blues Rock hat, konnte man hierzulande bereits im
Rockpalast erleben. Mit seinen
The Hired Mourners (göttlich: die "Ballad Of The Pissed Apostle") rockte er vor einigen Jahren die Bonner Harmonie, aber dermaßen...
Mit den
Miraculous Mule geht der in London lebende Ire noch einen Schritt weiter, reduziert den Blues noch stärker auf dessen Basics aus den Sümpfen rund um den Mississippi und garniert ihn mit einer gewaltigen Portion Gospel. Dabei kommen solche ungewöhnlichen Titel wie "Bal' Headed Woman" oder "I'm A Soldier" heraus, die in keines der gängigen Schemata gepresst werden können. Die Instrumentierung ist sehr rau, spartanisch und kompromisslos. So mancher 'Schöngeist' wird sich hier den berüchtigten Zahn ausbeißen.
Neben dem sehr jammig ausufernden Power-Blues "Prettiest Train" gefällt mir das
Blind Willie Johnson-Cover "Lord, I Just Can't Keep From Crying", das sehr 'rootsig' und beseelt nach der Art von
Sixteen Horsepower dargeboten wird, mit weitem Abstand am besten.
Für "Deep Fried" sollte man allen Mut zur Experimentierfreude und -bereitschaft beherzt in beide Hände nehmen. Wer ungewöhnliche Töne abseits aller ausgetretenen Bluespfade beschreiten möchte, ist bei Miraculous Mule an der richtigen Adresse. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass diese 'wunderliche' Melange für so manchen Freund blauer Töne etwas zu starker Tobak ist... Vorheriges Antesten erscheint hier dringend angeraten!