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Mötley Crüe, Slash, Black Veil Brides 12.06.2012, Max-Schmeling-Halle, Berlin
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Black Veil Brides
Slash
Mötley Crüe
Max-Schmeling-Halle, Berlin
12. Juni 2012
Konzertbericht
Stil: Hard-/Sleaze Rock

Artikel vom 19. Juni 2012

Holger Ott
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In den letzten Jahren ist es immer mehr zur Normalität geworden, dass sich gleich mehrere große Namen an einem Abend ein Stelldichein geben. Zumindest rechtfertigt es den hohen Eintrittspreis. Genügte es bislang, dass ein Headliner mit Supporter spielte, so müssen es nun schon zwei sein. Wenn die Support-Band dazu noch ihre eigene Fanbase mitbringt, dann kann es schon recht spannend werden, wer zu welcher Band am meisten jubelt.
 Gestern ging es in diesem Sinne wieder einmal in der Max-Schmeling-Halle rund, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Schaulaufen beginnt schon auf dem Vorplatz der Halle. Aufgestrapste junge Frauen im Glam-Look tragen nicht nur ihre extravaganten Klamotten, sondern auch viel Haut zu Markte. Dazu die passenden Kerle, tief in den Schminktopf gefallen... ebenfalls ein Hingucker. Zum Glück spielt das Wetter mit, damit die schwarze Farbe nicht aus den Gesichtern läuft. Der Hintergrund des Schaulaufens wird mir klar, als die erste Band die Bühne betritt. Black Veil Brides aus den USA präsentieren Glam Metal.  Sänger Andrew Biersack erinnert mich sofort an Bill Kaulitz von Tokio Hotel, mit dem Unterschied, dass Biersack eine deutlich bessere Stimme hat. Die fünf Amerikaner zeigen modisch, was gerade angesagt ist. Dazu die passenden Körperbemalungen, die nicht zwangsläufig schwarz sein müssen, auffällige Gitarren um den Hals geschnallt, und schon kann das Rockgewitter los gehen. Die Halle ist zwar zu diesem Zeitpunkt erst mäßig gefüllt, aber an guter Stimmung mangelt es deshalb trotzdem nicht. Ich bin angenehm überrascht, was ihre musikalische Leistung angeht.  Man merkt sofort, dass die Band in den Staaten schon eine bedeutende Größe ist. Sie stellen mit ihren Outfits und der Musik ein Mittelding zwischen Kiss
und dem heutigen Hauptact Mötley Crüe dar, und könnten durchaus in einigen Jahren eine der Bands als Nachfolger ablösen. Ihre Show läuft sehr professionell ab. Man sieht, dass sie es gewohnt sind, auf großen Bühnen zu spielen, und nutzen die vorhandenen Fläche auch vollständig aus. Drummer Christian Coma bedient die größte Schießbude des Abends, und macht mit seinem klasse Spiel ordentlich Druck hinter seinen Gitarristen. Knapp vierzig Minuten haben die fünf Musiker Zeit, um sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen, und dass es ihnen gelungen ist, honoriert nicht nur die Sleaze-Fraktion im Saal.
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 Zweiter Kracher des Mini-Festivals ist Ex- Guns N' Roses-Gitarrist Slash. Seit der Trennung von Axl Rose gibt sich Slash als Gitarrenhero für alle möglichen Projekte, mit dermaßen vielen Konstellationen, dass selbst der Fachmann langsam den Überblick verliert. In diesem Jahr ist er mit neuer CD "Apocalyptic Love" und dem altbewährten Sänger Myles Kennedy von Alter Bridge unterwegs, der dazu noch seine Conspirators im Schlepptau hat. Gitarristen sind somit genug auf der Bühne, wobei natürlich der Mann mit dem Zylinder stets im Mittelpunkt steht.
 Selbst bei der Abschiedsverbeugung fällt ihm das Teil nicht vom Kopf. Vermutlich ist der Deckel schon mit den lockigen Haaren verwachsen. Slash, der wie ein kleiner pummeliger gutmütiger Knuddelbär wirkt, hetzt auf der Bühne ständig auf und ab. Er ist eindeutig der Star. Selbst der sehr gute Myles Kennedy kann ihm nicht das Wasser reichen, schon gar nicht, als er selbst zur Gitarre greift. Wobei Slash auch nicht unbedingt zu den besten Gitarristen der Branche gehört. Er spielt oft einfache Riffs, und wenn er dabei mal etwas schneller wird, dann verfällt er ins schreddern, was nicht gerade einen Top-Gitarristen auszeichnet. Er ist halt eine Persönlichkeit, die sich über die Jahre einen sehr guten Status aufgebaut hat.  Trotzdem ist er für mich der eigentliche Grund, weshalb ich zu diesem Konzert gegangen bin, und ich werde nicht enttäuscht. Die Band spielt leider nur eine Stunde, bringt aber in dieser Zeit alle bekannten Hits, sowie mit "Sweet Child O' Mine", "Nightrain", "Mr. Brownstone" und "Paradise City" die Klassiker aus Guns N' Roses-Zeiten. Slash schafft es sogar, dass seine Marshall-Türme den Geist aufgeben. Die Gitarre bleibt für fast fünf Minuten mucksmäuschenstill. Mit Engelsgeduld nehmen sich die Helferlein im Hintergrund der Sache an, und das ist auch der erste Moment, bei dem der Hero etwas ins Mikrofon spricht, und sich entschuldigt, dass ein technischer Defekt vorliegt. Sänger Kennedy und seine Band sind derweil leicht überfordert.  Er selbst weiß nicht, was er mit dem Mikrofon machen soll, außer ab und zu merkwürdige Geräusche von sich zu geben. Währenddessen spielt die Band in einer Endlosschleife immer den gleichen Groove. Für Profis nicht sehr überragend. Als die Klampfe endlich wieder Töne von sich gibt, deutet Slash mit der typischen Jimmy Page-Bewegung an, wie tief er das Teil am liebsten in seiner Marshall-Combo versenken würde. Die eine Stunde Musik hat völlig ausgereicht, um das beste Material von ihm zu präsentieren. Der Saal ist inzwischen zu dreiviertel gefüllt, und die Stimmung sehr gut. Ich bin ebenfalls zufrieden, denn mehr wäre nur langweilig geworden.
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Leider vergessen alle drei Bands an diesem Abend anscheinend, dass sie nicht im Olympiastadion spielen. Die Anlage ist deutlich zu laut, mit zu vielen Bässen, die selbst den Boden zum Vibrieren bringen. Ein Minus für die Soundtechniker. Dafür ist die Beleuchtung um so besser, was besonders bei den dritten im Bunde, Mötley Crüe, zur Geltung kommt. Allerdings kommen die Effekte auch nur gut, wenn man sich in der Mitte der Halle, oder ganz hinten aufhält. Seitlich ist es nur die halbe Freude, dafür ist wiederum die Sicht auf die Bühne von allen Plätzen sehr gut. Die Max-Schmeling-Halle ist für solch ein Konzertereignis einfach die beste Location in Berlin. Zum Glück ist die Hallendecke auch hoch genug um das Hauptereignis zu präsentieren.
 Bis zum Beginn von Mötley Crüe ist dieses Ereignis hinter einem großen schwarzen Vorhang verhüllt, aber als die Show beginnt, der Vorhang fällt, und sich der Nebel verzogen hat, wird der Blick auf einen stählernen Kreis freigegeben. Yes Sir, heute Abend kann ich endlich einmal live die Tommy Lee-Show genießen. Warum ich diese Band bisher noch nie in Natura gesehen habe, weiß ich selber nicht genau. Vielleicht ist die Musik nicht hundertprozentig mein Geschmack, oder ich mag dieses Glam Rock-Verhalten nicht. Jedenfalls bleiben meine Gefühle erst einmal etwas verhalten.
An diesem Punkt muss ich mich für die mangelhafte Qualität der Mötley Crüe-Bilder entschuldigen. Die Ansage an diesem Abend war knallhart, klar und deutlich. Nur die ersten zwei Songs von einem Mini-Podest in der hintersten Reihe der Halle. Mein Tipp, klinkt euch bei YouTube rein, und kuckt euch die Mitschnitte derer an, die mit diversen Telefonen und Kameras aus der ersten Reihe ungestört filmen und fotografieren durften. Was macht das bitteschön für einen Sinn? Kommt mal wieder runter von eurem hohen Ross. Auch Musiker sind keine Götter, denen man durch Fotos die Seele stiehlt. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit.
 Die Show geht von ersten Moment an voll ab. Die Band ist ja nach wie vor auf ihrer dreißigjährigen Jubiläumstour und liefert aus diesen Jahren alle bekannten Songs ab. Alle vier sind Paradebeispiele für Selbstdarstellung und wechseln sich ständig dabei ab, im Vordergrund zu stehen. Allen voran Bassist Nikki Sixx, dessen Bass übermäßig laut ist und sogar oft die Drums übertönt. Der Sound ist bei der Crüe noch schlechter. Zum Beginn, als ich mit meiner Knipskiste noch ganz hinten stehe, ist von Musik wenig zu hören. Alles geht in einem wirren Brei unter; von überlaut bis grausam. Zum Glück lenken nicht nur die Lichteffekte etwas ab, sondern auch zwei spärlich bekleidete Schönheiten, deren Hauptaufgabe das Arschwackeln ist. Kaum zu glauben, dass die Damen sich auch noch zu fast jedem Song umziehen und bei "Dr. Feelgood", kurz vor Ende der Show, im Krankenschwester-Fummel über die Bühne huschen. Ach ja, nebenbei sorgen sie auch für den Backgroundgesang, der sowieso nicht zu hören ist. Aber von den Mötleys sind wir ja solche Sachen auf der Bühne gewohnt. Ich bin schon überrascht, dass nicht mehr zu sehen ist. [ Wohl eher enttäuscht... Die Redaktion]
 Auch hier gibt es fast keine Ansagen. Sänger Vince Neil hält sich in den Songpausen sehr zurück. Fast immer wird das Licht komplett ausgeschaltet und die Sekunden zwischen den Songs werden so zur unendlichen Wartezeit. Bislang kommt die Show ohne nennenswerte Höhepunkte aus. Trotzdem rasten die Fans im Innenraum fast vollständig aus, und diese Hysterie steigert sich noch einmal, als endlich die Tommy Lee-Show beginnt. Er ist ja bekannt dafür, dass sein Leben durch Auffälligkeiten geprägt ist. Wenn ich mir sein Drumset von vorne betrachte, sieht es eigentlich recht übersichtlich, ja fast klein aus. Keine hochgebauten Toms versperren die Sicht auf ihn, und da er ein Plexiglas-Set spielt, ist auch zu erkennen, was er mit seinen Füßen alles anstellt. Seine Galerie von Toms versteckt sich links und rechts doppelreihig neben ihm, was aber erst sichtbar wird, als er seine Solo-Einlage bringt. Dabei ist sein Spiel nicht aufregend. Er gibt kaum besondere Passagen, noch wirbelt er großartig herum. Wenn ich ihn so beobachte, kann ich ihn nur als mittelmäßig einstufen. Auch beim Highlight das Abends spielt er kein Solo, sondern hält nur den Takt zur eingespielten Musik.
 Die anderen haben inzwischen die Bühne verlassen und geben die Sicht auf den Rollercoaster frei. Das Set ist mit seinem Podest auf einer Schiene montiert, mit der er einen kompletten Überschlag machen kann, dass Ganze in gut zehn bis zwölf Metern Höhe. Im Hintergrund auf einer kreisrunden Riesenleinwand durch sehr berauschende Lichteffekte untermalt, fährt Lee mehrmals mit seinem Set im Kreis, bleibt dabei mal kopfüber oder seitlich stehen. Er spielt dabei ständig weiter, wirft die Sticks in die tobende Menge und lässt sich frenetisch feiern. Ich gebe zu, ich bin total begeistert. Noch nie habe ich etwas Vergleichbares auf der Bühne gesehen, und Lee hat meinen vollen Respekt. Bei mir hätten sich vermutlich schon die Innereien nach außen gekrempelt. Lee treibt es aber jetzt noch auf die Spitze. Als jeder denkt, die Nummer ist gegessen, sucht sich Tommy ein Mädel aus dem Publikum aus. Für Stephanie, wie sich die Dame vorstellt, wird es der Abend ihres Lebens. Schon der Moment, auf der riesigen Bühne zu stehen, wird bei ihr einen Adrenalinschub ohnegleichen ausgelöst haben. Inzwischen wird hinter Lee ein zweiter Stuhl montiert, der für Stephanie zum Stuhl des Grauens wird. Mit ihr im Gepäck, beginnt die Achterbahnfahrt erneut. Mal vorwärts, mal rückwärts wird die Ärmste durch die Luft gewirbelt, und Tommy Lee spielt dabei munter weiter. Sie hat sich ja freiwillig gemeldet, aber bestimmt nicht damit gerechnet, was auf sie zukommt.
 Die Show wird mit tosendem Applaus honoriert und bildet somit den absoluten Höhepunkt des gesamten Abends. Dass Tommy Lee auch anders kann, beweist er schon Minuten später. In einer dunklen Songpause wird ein Flügel auf die Bühne gerollt, der über und über mit Spiegelpailletten besetzt ist. Lee spielt die Ballade "Home Sweet Home" auf dem Teil, und beweist somit auch sein Können an der Tastatur. Er ist ohne Zweifel der Star von Mötley Crüe. Als zum Schluss mit "Dr. Feelgood" und "Girls, Girls, Girls" die größten Hits abgefeuert werden, bricht im Publikum fast kollektive Hysterie aus. Vince Neil spielt mit den Leuten wie mit Marionetten, und jeder macht mit. Dass es eine Metal-Band schafft, in Berlin solch eine Euphorie auszulösen, habe ich lange nicht erlebt, aber schön zu sehen, dass so etwas noch möglich ist.  Um die erhitzte Fangemeinde abzukühlen, schüttet die Band bei der Verabschiedung sechs volle Eimer mit einer roten Flüssigkeit in die Menge vor der Bühne. In diesem Moment bin ich doch sehr froh, nicht in der ersten Reihe zu stehen. Leider wird auch dieser Gig ohne Zugaben beendet. Schade, wie ich finde, denn die Massen in der fast ausverkauften Halle sind nun richtig in Bewegung und werden mit dem Einschalten der Hallenbeleuchtung jäh in ihrem Tatendrang gehemmt und mit der verpufften Hoffnung auf eine Zugabe auf den Heimweg geschickt.
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Es war ein gelungener Konzertabend mit drei so guten wie unterschiedlichen Bands. Jeder hat das für sein Geld bekommen, woran ihm gelegen war. Die Sleazer dürfen sich wieder abschminken, die Gitarristen weiter von Slash träumen, und ich als Drummer wünsche mir einmal in dem Rollercoaster auf dem Platz von Tommy Lee zu sitzen. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn die Crüe wieder in Berlin spielt.
Vielen Dank dem Concertbuero-Zahlmann, und den netten Damen von Go-On-Promotion in Berlin, für die Möglichkeit diesen schönen Abend zu genießen.
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