Nico / The End...
The End... Spielzeit: 19:58 (Side 1), 20:42 (Side 2), 26:18 (Side 3), 22:40 (Side 4)
Medium: Doppel-LP
Label: Music On Vinyl (Cargo Records), 2014 (1974)
Stil: Singer/Songwriter, Avantgarde


Review vom 05.01.2015


Markus Kerren
Puuh, praktisch exakt von dem Moment an, als ich mich für die Rezension dieses Albums (wie ferngesteuert) gemeldet hatte, bis zum Eintreffen und Anhören der Doppel-LP "The End...", habe ich mich durchweg gefragt, warum ich mich ein weiteres Mal freiwillig diesem Gefühlsbad aussetze...
Die 1938 geborene Christa Päffgen wuchs in Frankfurt am Main auf, ihr Vater kehrte nie aus dem 2. Weltkrieg zurück und sie selbst ging bereits im Alter von 17 Jahren nach Paris, um ihre schon in Deutschland eingeschlagene, sehr erfolgreiche Karriere als Model fortzuführen. Das ging sogar so weit, dass sie in Frederico Fellinis Film-Klassiker "La Dolce Vita" (1960) zu sehen ist. Als Pseudonym adoptierte sie bereits in diesen frühen Jahren den Vornamen eines ehemaligen Liebhabers, Nico...
Bei allem beruflichen Erfolg steuerte ihr Seelenleben jedoch in eine absolute Sackgasse, was u. a. zu ersten Erfahrungen mit Drogen führte. In New York City landete sie Jahre später im inneren Zirkel von Andy Warhol, der sie nach einer ersten Solo-Single (der Bob Dylan-Nummer "I'll Keep It With Mine") als Sängerin in die Band The Velvet Underground integrierte (worüber ein gewisser
Lou Reed - nach einer kurzen, gescheiterten Affäre mit ihr - übrigens nicht sonderlich amüsiert war).
Nichtsdestotrotz kam es zu der Aufnahme des Klassikers The Velvet Underground & Nico, bevor sich die Wege der "Femme Fatale" (ein von ihr gesungener Track auf dem gerade erwähnten Album) und der Band doch sehr schnell wieder trennten. Die erste Soloscheibe "Chelsea Girls" (1967) war zwar melancholisch, aber durchaus noch sehr verträglich. Nico selbst war jedoch in höchstem Maße unzufrieden damit, was zu ihrer Zusammenarbeit mit dem (zu diesem Zeitpunkt bereits ebenfalls) ehemaligen Velvet Underground-Mitglied John Cale führte, der die nächsten beiden Werke "The Marble Index" (1969) und "Desert Shore" (1970) als Produzent betreuen sollte.
Beide Platten waren deutlich düsterer und - neben dem Gesang der Deutschen - von dem Spiel ihres geliebten Harmoniums dominiert. Vier Jahre dauerte es anschließend, bis es zur Veröffentlichung des mir jetzt vorliegenden "The End..." kommen sollte. Erstmals auf Vinyl besaß ich die Scheibe vor etwa 25 Jahren. Gelaufen ist sie damals nicht sehr oft, da sie mir jedes verdammte Mal nahezu das Blut in den Adern gefrieren ließ. Und selbst jetzt im Jahr 2014 musste sie etwa sieben Tage meinen respektvoll-argwöhnischen Blicken standhalten, bevor ich den Plattenteller ins Rotieren bringen konnte.
Okay, ganz so furchtbar runterziehend und deprimierend wie vor etwa einem Vierteljahrhundert wirken die acht Tracks heute nicht mehr auf mich. Was ich jetzt vielmehr höre, ist eine zutiefst verletzte, entwurzelte und sehr, sehr traurige Frau, die extrem viele Seelenbaustellen zu bewältigen hatte, dabei aber schlichtweg vollkommen überfordert war. Das Heil- bzw. (sarkastischerweise) Überlebensmittel hieß zum damaligen Zeitpunkt (1974) bereits seit vielen Jahren Heroin.
Geradezu sakral führt uns Nico mit tiefer Stimme und dem Harmonium durch ihr düsteres Seelenleben, authentische Geschichten über ihre Vergewaltigung als sie 15 war ("Secret Side") oder die unbeantworteten Telefonanrufe zu ihrem Liebhaber Jim Morrison, weil dieser gerade kurz zuvor gestorben war ("You Forget To Answer"). Es scheint nichts als das Harmonium und diese feste, aber dennoch tief erschütterte Stimme zu geben, die den Hörer in den Bann reißen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und keinen noch so kleinen Platz für Nebenschauplätze lassen.
Der Geist Morrisons schwebt über dieser Platte, was neben dem bereits weiter oben erwähnten Track auch die Coverversion von "The End" deutlich macht. Und, nein, so ganz furchtbar runterziehend und deprimierend wie beschrieben empfinde ich das alles nicht mehr, aber als dann bei "The End" die Stelle mit »...Father? ... Yes, son?...« und darauf nicht das erwartete (»...I want to kill you...«), sondern lediglich ein zutiefst schauriges Röcheln der Protagonistin kam, hatte sie mich doch wieder so dermaßen erwischt, dass sich sämtliche Härchen des Körpers senkrecht stellten und kurzfristig die Atmung aussetzte. Heilige Sch... das saß und sitzt... und wie!
Schon immer verwirrend für mich war auch die letzte Nummer, "Das Lied der Deutschen". Die Nationalhymne, die obendrein alle (selbst die verbotenen) Strophen enthält. Und dies von einer Frau, die mit der Gnade der späten Geburt gesegnet war, trotzdem in Interviews deutsche Wurzeln schlichtweg leugnete und ganz davon abgesehen völlig unpolitisch war... Reine Provokation oder eine schwache Erinnerung an glücklichere Kindheitstage? Ich rätsele bis zum heutigen Tage...
Auch "The End..." wurde wieder von John Cale produziert und kommt in der aktuellen Ausgabe als absolutes Schmuckstück in toller Aufmachung und auf prächtigen vier LP-Seiten mit einem superwarmen, transparenten Sound daher. Die zweite Scheibe enthält Radio- (und TV-?) Aufnahmen aus England, zumeist aus der Zeit um den Jahreswechsel 1974/75. Und dabei bringt Nico ihre Songs (die von zwei Ausnahmen abgesehen alle von dem besprochenen Album stammen) genauso authentisch, überzeugend und unerschrocken, wie im Studio.
Wenn "The End..." eines nach wie vor nicht ist, dann leichte Kost. Vermittelt wird Entfremdung, Einsamkeit, ein sich in enger Verbindung mit harten Drogen entwickelnder Autismus sowie die große, weite, allumfassende Leere. Ein sehr guter (und ganz wichtig - ihr wohlgesonnener) Bekannter aus den frühen Sechzigern sagt in der Dokumentation "Nico - Icon" über jene Zeit: »Nico loved nobody... and nobody loved Nico!« Und mir drängt sich der Verdacht auf, dass genau diese (von ihm subjektive) Feststellung richtig war und sich für lange, lange Jahre nicht geändert hat.
Es entspricht der Natur der Sache, dass "The End..." nie einer riesengroßen Anzahl an Musikfreunden bekannt wurde. Und trotzdem gibt es einen Grund, warum dieses Album ein Klassiker ist: Nämlich weil nahezu auszuschließen ist, dass irgendjemand, der diese Scheibe gehört hat, sie jemals wieder vergessen wird. Wenn bzgl. Musik der Begriff 'Kunst' mit 'Intensität' gleichgesetzt wird, dann wurde hier alleine deswegen schon ein Meilenstein erschaffen.
Und komm' mir bloß keiner mehr mit irgendwelchen (womöglich auf 'Böse' geschminkten) Düster-Kapellen, der sich nicht mindestens zweimal zuvor dieses Album am Stück reingezogen hat!
Line-up Side 1 + 2:
Nico (harmonium, lead vocals)
Phil Manzanera (electric guitars)
Brian Eno (synthesizer)
John Cale (acoustic guitars, bass, xylophone, synthesizer, organ, marimba,triangles, cabasa, glockenspiel, percussion, piano, electric piano)
Vicki Wood (background vocals)
Annagh Wood (background vocals)
Tracklist:
Seite 1:
01:It Has Not Taken Long
02:Secret Side
03:You Forget To Answer
04:Innocent And Vain
05:Valley Of The Kings
Seite 2:
01:We've Got The Gold
02:The End
03:Das Lied der Deutschen
Seite 3:
01:Secret Side (John Peel Sessions 20th February 1971)
02:We've Got The Gold (John Peel Sessions - 3rd December 1974)
03:Janitor Of Lunacy (John Peel Sessions - 3rd December 1974)
04:You Forget To Answer (John Peel Sessions - 3rd December 1974)
05:The End (John Peel Sessions - 3rd December 1974)
Seite 4:
01:Secret Side (at Old Grey Whistle Test, 07th February 1975)
02:Valley Of The Kings (at Old Grey Whistle Test, 07th Febrary 1975)
03:Das Lied der Deutschen (June 1st 1974)
04:The End (June 1st 1974)
Externe Links: